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Mittwoch, 23.10.2019

12:05 bis 14:00 Uhr

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Cabaret - Le Boeuf sur le Toit | Bildquelle: picture-alliance/dpa

Bildquelle: picture-alliance/dpa

Aus dem Studio Franken Mittagsmusik

Am Mikrofon: Tobias Föhrenbach

Die Mittagsmusik bietet zwei Stunden lang die ganze Welt der Musik: Archivschätze und rare Produktionen aus unseren Studios, brandneue Veröffentlichungen mit gefeierten Opernstars und Geheimtipps der Musikszene, Operettenohrwürmer und Ragtime. Täglich dabei: Das besondere Thema der Woche. Ihren ganz persönlichen Hit wünschen Sie sich unter der kostenfreien Nummer 0800-7733377.

Darius Milhaud ist unser Thema der Woche in der Mittagsmusik dieser Tage. Der französische Komponist, der zu den bedeutendsten des 20. Jahrhunderts gehört, gilt als eine Galionsfigur der Polytonalität, also des Komponierens mit mehreren verschiedenen Tonarten, die - übereinandergeschichtet - gleichzeitig erklingen. Zugleich ist Darius Milhaud neben Francis Poulenc und Arthur Honegger nach wie vor der prominenteste Vertreter der Pariser "Groupe des Six" - jener Gruppe von fünf Komponisten und einer Komponistin, die sich ab 1918 um ihrer Spiritus Rector Jean Cocteau und ihren musikalischen Ziehvater Erik Satie formierte. Man war gegen Wagner und Debussy, gegen metaphysischen Tiefsinn und pointillistische Extravaganzen. Satie wollte eine "Musik ohne Sauerkraut", Cocteau forderte eine "Musik ohne Soße": Siebzig Jahre vor unserer "Light-Kultur" wurde von der "Groupe des Six" zumindest schon das musikalische "Light" proklamiert. Denn anders als ein "Musikdampfer" braucht Musik nicht Gewicht, um Tiefgang zu haben. Zu einem Ideal wurde die Konzeption einer "mittleren Musik", die einen Stilbereich zwischen Kunstmusik und Unterhaltungsmusik besetzt.

Repräsentant der mediterranen Kultur

In der "Groupe des Six" repräsentierte Milhaud nach eigenen Worten "die mediterrane Kultur". Stammte der doch aus Südfrankreich, genauer: aus der nördlich von Marseille gelegenen Stadt Aix-en-Provence. Dort wuchs er als Sohn einer alten, gutsituierten jüdischen Familie auf, und dort hatte er bis zu seinem Tod 1974 im Alter von 82 Jahren sein emotionales Lebenszentrum. Das Mediterrane war Darius Milhauds Arkadien. Überall suchte er es: Für ihn erstreckte sich die Provence "von Konstantinopel bis Rio de Janeiro". In der brasilianischen Metropole verbrachte er während des 1. Weltkriegs prägende, unvergessliche Jahre als Kulturattaché des französischen Botschafters Paul Claudel. Nach seiner Rückkehr schrieb er voller Nostalgie 1920/21 die Klaviersuite "Saudades do Brasil", deren Sätze die Namen von Stadteilen Rios tragen, und bereits 1919 ein temporeiches Rondo, benannt nach dem brasilianischen Schlager "O Boi no Telhado" - "Le Bœuf sur le Toit" (Der Ochse auf dem Dach).

"Le Bœuf sur le Toit"

Neben dem Dreisätzer "Scaramouche" und der Ballettmusik "La Création du Monde" ist das Orchesterrondo "Le Bœuf sur le Toit" bis heute das berühmteste, bekannteste, meistgespielte Werk Milhauds. Es reiht gewissermaßen die größten brasilianischen Sommerhits der damaligen Zeit wie an einer Perlenkette aneinander. Fünfzehn Mal - und immer in einer anderen Tonart! - erklingt als Rondothema die frech synkopierte Schlagermelodie vom Ochsen auf dem Dach. Dazwischen hören wir andere Schlager, Volksmelodien und Tänze: einen argentinischen Tango, portugiesische Fados, brasilianische Sambas und Maxixes. Das Ganze oft unter Milhauds Markenzeichen - der Polytonalität, jenem dissonant "gepfefferten" Übereinanderschichten verschiedener Tonarten. Milhaud hätte das Stück als Kino-Fantasie gern in einem Chaplin-Film gehört. Bei seiner Uraufführung erklang es zu Cocteaus Ballett "The Do-Nothing-Bar". Mittlerweile ist es in den Konzertsälen zu Hause.

P. S. Milhauds "Bœuf sur le Toit" war bei seiner Pariser Premiere 1920 so erfolgreich, das zwei Jahre später im 8. Arrondissement der Stadt ein nach dem Stück benanntes Musikkabarett eröffnet wurde. Heute ist die traditionsreiche, einst von vielen Künstlern und Intellektuellen frequentierte Lokalität ein nobles Restaurant.

Musiktitel

Liste der gespielten Musiktitel mit Komponist oder Interpret
Uhrzeit Werk/Titel Komponist/Interpret
12:08 Konzertparaphrase über das Quartett aus der Oper 'Rigoletto' Franz Liszt (1811-1886) / Yundi Li
12:15 Turlurù. Improvisationen über die Bergamasca Paolo Scoto (15. Jh.) / L'Arpeggiata; Pluhar
12:20 Sonatina super Carmen. Kammer-Fantasie für Klavier, K 284 Ferruccio Busoni (1866-1924) / Holger Groschopp
12:29 Le boeuf sur le toit. Ballett für Orchester Darius Milhaud (1892-1974) / Orchestre de Paris; Semyon Bychkov
12:47 Je te veux für Sopran und Orchester Erik Satie (1866-1925) / Carole Farley; Orchestre Symphonique de la RTBF; Jose Serebrier
12:54 Galavant Frederic Curzon (1899-1973) / Slowakisches RSO; Leaper
12:56 The Mermaid's Song Joseph Haydn (1732-1809) / Eva Oertle; Vesselin Stanev
13:04 La tregenda aus: Le villi Giacomo Puccini (1858-1924) / PhO der Scala; Muti
13:09 aus: L'amico Fritz Pietro Mascagni (1863-1945) / Bartoli; Pavarotti; Orchestra Sinfonica di Milano Giuseppe Verdi; Chailly
13:18 Intermezzo aus: Pagliacci
13:22 George Valentin Ludovic Bource (1970-) / Brussels Philharmonic; Tiel
13:28 Paris-Canaille Leo Ferre (1916-1993) / Catherine Sauvage
13:32 Luna (Walzer) aus 'Frau Luna' Paul Lincke (1866-1946) / Großes Rundfunk-Orchester Berlin
13:41 aus: Die tote Stadt Erich Wolfgang Korngold (1897-1957) / Kaufmann; Kleiter; Rundfunk-Sinfonieorchester Berlin; Rieder
13:48 Polonaise Peter Tschaikowsky (1840-1893) / Sinfonieorchester der UdSSR; Jewgenij Swetlanow
13:51 3. Satz aus: Sinfonia concertante Es-Dur; KV 297b Wolfgang Amadeus Mozart (1756-1791) / Frömbgen; Forstmaier; Zempleni; Tkachuk; Bamberger Symphoniker; Nott

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