BR-KLASSIK

Inhalt

Mittwoch, 22.06.2016

12:05 bis 14:00 Uhr

BR-KLASSIK

zur Übersicht
Lucio Dalla | Bildquelle: Roberto Serra / Iguana Press

Bildquelle: Roberto Serra / Iguana Press

Mittagsmusik

Mit Ele Martens

Die Mittagsmusik bietet zwei Stunden lang die ganze Welt der Musik: Archivschätze und rare Produktionen aus unseren Studios, brandneue Veröffentlichungen mit gefeierten Opernstars und Geheimtipps der Musikszene, Operettenohrwürmer und Ragtime. Täglich dabei: Das besondere Thema der Woche. Ihren ganz persönlichen Hit wünschen Sie sich unter der kostenfreien Nummer 0800-7733377.

Mittagsmusik - Thema der Woche
Gesungene Poesie - Die italienischen Cantautore

In Italien, dem Land der Musik werden Träume und Wahrheiten gerne mit Musik gesagt, beziehungsweise gesungen. Als in den 1960er und 70er Jahren im Zuge der Studentenbewegung die Zeichen auf politischen Aufbruch standen, machten sich einige Musiker daran diese Ideen auch in ihren Liedern zu besingen.

Es lag einfach in der Luft, in Deutschland treten die ersten Liedermacher auf, in den USA und Großbritannien sind es die Singer-Songwriter, die Chansonniers in Frankreich und in Italien heißen sie Cantautore. Allen gemeinsam ist, dass sie in ihren Liedern politisch Stellung nehmen, sozialkritische Themen beleuchten, dass sie moralisch sind, aber vor den typischen romantischen Lied-Themen wie Liebe und rote Rosen auch nicht zurück schrecken.

Was natürlich bedeutet, dass die Texte der Cantautore das gleiche Gewicht haben wie die Melodie. Und wie der Name Cantautore schon sagt, sind sie Sänger-Autoren, sie schreiben die Texte und die Musik selbst, und wenn die Stimme dann auch noch passt ist das schön, aber nicht unbedingt notwendig. Im Gegenteil, wenn der Gesang ein bisschen wackelt und kratzt macht das oft den besonderen Reiz aus.

Die Lieder der Cantautore sind so eng mit dem jeweiligen Künstler und seiner Persönlichkeit verbunden, dass sie nicht einfach von jedem x-beliebigen anderen Sänger ins Repertoire genommen werden können. Der Cantautore und sein Lied – das gehört zusammen, es sind Lieder, die in der Stimme leben.

So vielfältig wie die italienische Kultur sind auch die Cantautore, sie haben sich einer bestimmten Region verschrieben, einer Stadt und deren spezifischen Problemen oder einem gesellschaftlichen beziehungsweise politischen Konflikt. Ihre musikalischen Wurzeln liegen im Pop, im Rock, in der Klassik oder im Jazz.

Jeder der fünf Sänger-Autoren, die wir Ihnen diese Woche in der Mitttagsmusik vorstellen, ging seinen eigenen Weg, selbstbewusst und nicht immer gradlinig.

Luigi Tenco oder die Hassliebe zum Sanremo Festival.
Jährlich findet in Sanremo das älteste Schlagerfestival Europas statt – älter als der Eurovision Songcontest und in Italien sehr viel erfolgreicher. Die kommerzielle Verwertbarkeit der Lieder steht in Sanremo im Vordergrund, qualitativ gehaltvolle Musik sucht man dort deshalb meist vergeblich. In den Anfangsjahren von Sanremo war das noch häufiger der Fall. Bis zum Jahr 1967, als der Cantautore Luigi Tenco am Sanremo Festival teilnahm. Sein Beitrag wurde jedoch nicht zum Finale zugelassen und landete nach dem Votum der Zuschauer nur auf dem zwölften Platz. Tenco erschoss sich daraufhin in seinem Hotelzimmer. Von da an wurde San Remo von den Cantautore  gemieden. Inzwischen gibt es einen Alternativwettbewerb, Festival Club Tenco, benannt nach Luigi Tenco. Dort bekommt das Autorenlied seine Chance.

Fabrizio de André und die Geheimnisse Genuas
Fast wie ein Heiliger wird Fabrizio de André in Italien verehrt. Geboren wurde er 1940 in der Superba, in Genua. Eine stolze Stadt, deren Schönheit und Pracht,  Schmutz und dunkle Gassen er in seinen Liedern besungen hat, wie zum Beispiel in dem über die Via del campo. Diese Straße liegt mitten in der Altstadt, gleich beim Hafen, in einem etwas verrufenen Viertel. Hier, in der Via del Campo 29rosso befindet sich das Museum der cantautore aus Genua, in dem Fabrizio de Andre selbstverständlich einen besonderen Platz einnimmt.

Lucio Dalla und der unglückliche Tenor
Dallas musikalische Wurzeln liegen im Jazz, seine Karriere begann 1962 als Klarinettist und Keyboarder bei einer Jazzband in Bologna. In Deutschland fand Lucio Dalla, der nie ohne Kopfbedeckung – von Strickmützchen bis Panamamut – auftrat, schon früh ein Publikum. Zu seinen Markenzeichen zählten die ungeschliffene Stimme und ein wunderbar variabler Scatgesang. Wie vielseitig Dalla war, zeigt auch die Tatsache, dass er 2003 für die Oper in Rom an einer Bearbeitung der Oper "Tosca" von Puccini arbeitete, die Kostüme dafür entwarf der Designer Giorgio Armani.
Bei den Konzerten "Pavarotti and Friends" war Lucio Dalla oft dabei und sang zusammen mit Luciano Pavarotti sein berühmtestes Lied: "Caruso", eine Hommage an den Startenor Enrico Caruso und ein trauriger Abgesang auf dessen letzte Tage.

Paolo Conte und die Liebe zum Jazz
Der 1937 im norditalienischen Asti geborene Poet und Nicht-Sänger Conte war zunächst ein erfolgreicher Songschreiber. Mit seinem Lied "Azurro" erreichte Adriano Celentano 1968 Platz 1 der italienischen Charts. Erst später ließ sich Conte überreden, trotz etwas sperriger Stimme selbst zu singen.
Seinen Durchbruch hatte er 1979 mit dem Album "Un gelato al limon". Contes Liveauftritte sind vom Publikum gefeierte Events, seine manchmal rätselhaften Texte bringt er mit vernuscheltem, melancholischen Sprechgesang an die Leute. Eine Sprachbarriere scheint es für Contes Lieder jedenfalls nicht zu geben,  sein erstaunlich internationaler Tournee-Kalender führte ihn schon nach Großbritannien, Spanien, Deutschland, in die USA und nach Kanada.

Pino Daniele und die neapolitanische Salsa
Pino Daniele, das ist Neapel, eine Stadt mit einer langen Musiktradition, ein Stadt in der im 16. Jahrhundert die Opera buffa erfunden wurde und die heute ein Mekka der modernen Musik geworden ist. 1955 in Neapel geboren wollte Pino Daniele immer die ganze Vielfalt seiner Heimatstadt ergründen, seine Lieder sind eine Hymne an die "Napoletanità".
Für Pino Daniele steht die Musik im Vordergrund, nicht die Texte. Mit den Texten möchte er vor allem Gefühle transportieren. Viele Lieder singt er deshalb im neapolitanischen Dialekt, den er aber oft um die italienische Hochsprache oder um das Englische erweitert.
"Es ist die Realität unseres Volkes. Gerade die Süditaliener mussten schon immer emigrieren. Viele sind aus den USA wieder zurückgekehrt, für immer oder nur für Ferien, und dann reden sie eben dieses Gemisch von Italienisch und Englisch."
Eines seiner ältesten und bekanntesten Canzone ist "Napule è…" in ihm singt Daniele von den tausend Farben Neapels, von den Ängsten in dieser Stadt, von unerbittlicher Sonne und Meer. Das Lied wird bei ihm zu einem einzigen Aufschrei, einer Klage und Bitte, die Kultur dieser Stadt zu bewahren.

Musiktitel

Liste der gespielten Musiktitel mit Komponist oder Interpret
Uhrzeit Werk/Titel Komponist/Interpret
12:05 Grand Walkaround Louis Moreau Gottschalk (1829-1869) / Philadelphia Orch.; Ormandy
12:09 Rumba-Rhapsody Ernesto Lecuona (1895-1963) / Tirino; Henreckson-Farnum; Geissinger; Montano; Silesian Philharmonic Chorus; Polish National RSO; Bartos
12:15 Komm, laß uns einen kleinen Rumba tanzen Theo Mackeben (1897-1953) / Curt Bois
12:18 Pregón y Danza für Orchester Enrique González Mántici (1912-1974) / Orquesta Sinfónica Nacional de Cuba; Enrique Pérez Mesa
12:33 Caruso Lucio Dalla (1943-) / Lucio Dalla
12:39 Globetrotter. Für Orchester Per Lundquist / Åke Jelving and His Orchestra
12:42 Romanze für Klavier a-Moll, op.17 Nr.2 Gabriel Fauré (1845-1924) / Grant Johannesen
12:45 aus: Le pardon de Ploërmel Giacomo Meyerbeer (1791-1864) / Natalie Dessay; Orchestre Philharmonique de Monte Carlo; Patrick Fournillier
12:52 1. Satz aus: Klarinettenquintett B-Dur, op.34, J 182 Carl Maria von Weber (1786-1826) / Fröst; Tapiola Sinfonietta; Kantorow
13:04 The Witching Hour. A Spooky Rag für Orchester Charles N. Grant (1887-1937) / The Paragon Ragtime Orchestra; Rick Benjamin
13:08 Les gars qui vont à la fête Francis Poulenc / Susan Petibon
13:10 Je te veux Erik Satie / Susan Petibon
13:16 aus: Six pièces faciles Henri Sauguet (1901-1989) / Federica Lotti; Alfonso Baschiera
13:21 Waltz is a 5 Letter Word Servais Haanen / Servais Haanen
13:38 Ännchen von Tharau N. N. / Carus-Quintett
13:41 Au mont Ida, trois déesses, aus: La belle Hélène. Opéra-bouffe Jacques Offenbach / Juan Diego; Orchestra del Teatr Flórez
13:45 Nr. 3 aus: Sechs Trios für drei Fagotte Julius Weissenborn (1837-1888) / Fagottissimo München
13:49 Toccata für Orgel d-Moll, BWV 565 Johann Sebastian Bach (1685-1750) / Martin Hegel
13:50 Sehnsuchts-Mazur, op.89 Joseph Lanner (1801-1843) / Concentus Musicus Wien; Nikolaus Harnoncourt

    AV-Player