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KlickKlack

Das Musikmagazin mit Sol Gabetta und Martin Grubinger

KlickKlack am 5. November 2019 Mit Martin Grubinger in Edinburgh

Martin Grubinger begrüßt die Zuschauer aus Edinburgh. Seine Gäste in der Sendung sind: der israelische Jazzpianist Shai Maestro, die Konzertmeisterin des Royal Scottish National Orchestra, Emily Davis, und die Dirigentin Elim Chan, die zu den ganz großen Talenten der jüngeren Generation gehört.

Perkussionist und Moderator Martin Grubinger. | Bildquelle: BR

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Die Dirigentin Elim Chan

In der Usher Hall im schottischen Edinburgh spielt Martin Grubinger gemeinsam mit dem Royal Scottish National Orchestra das Konzert für Schlagzeug und Orchester "Sieidi" von Kalevi Aho. Hier trifft Martin zum ersten Mal auf die junge Dirigentin Elim Chan, Jahrgang 1986, Principal Guest Conductor des Royal Scottish National Orchestra – und eine der vielversprechendsten Dirigentinnen der jüngeren Generation. Sie ist klein, quirlig, lebendig und unglaublich charmant. Sie ist ein wahrer Energiebündel – und das steckt an! Elim wurde in Hongkong geboren, schon früh, im Kinderchor, fiel sie durch ihre außergewöhnliche Musikalität und ihr enormes Talent auf. Doch Elim wollte erst Ärztin werden. Kein Wunder, denn in Hongkong herrschte schon in der Schule ein gewisser Druck, was "ordentliches" zu lernen, erzählt Elim Chan. "Für meine KlassenkameradInnen kamen eigentlich nur drei Berufe infrage: Arzt, Anwalt oder irgendwas im Finanzsektor", erinnert sie sich heute. Musik als Beruf? "Denk nicht mal daran. Musik kann nur ein Hobby sein", bekam sie dauernd zu hören.

Als Dirigentin versuche ich herauszufinden, was der Komponist eigentlich wollte - und dann stelle ich mich vors Orchester und experimentiere.
Elim Chan

Die Dirigentin Elim Chan. | Bildquelle: BR Elim Chan | Bildquelle: BR

Elim geht in die USA, beginnt ein Psychologie-Studium, doch ihre ungebrochene Liebe zur Musik bannt sich ihren Weg – und Elim wechselt das Studienfach. Sie wird zur Dirigentin am Smith College in Massachusetts und an der University of Michigan ausgebildet. 2013 erhält sie das Bruno-Walter-Stipendium. Als erste Frau überhaupt gewinnt Elim Chan 2014 den Donatella-Flick-Dirigierwettbewerb – ein Wendepunkt in ihrer Karriere. Daraufhin wird sie als Assistenzdirigentin zum London Symphony Orchestra berufen und in das Dudamel-Stipendiaten-Programm des Los Angeles Philharmonic aufgenommen. Inzwischen dirigiert Elim Chan namhafte Orchester wie das Concertgebouw Orchestra, das Orchester des Mariinsky-Theaters oder die Deutsche Kammerphilharmonie. Beim Royal Scottish National Orchestra hat sie die Erste-Gastdirigenten-Position inne, seit der aktuellen Saison hat sie die künstlerische Verantwortung für das Symphonieorchester Antwerpen übernommen.

Martin Grubinger interviewt die Dirigentin Elim Chan. | Bildquelle: BR Elim Chan und Martin Grubinger in Edinburgh | Bildquelle: BR

Dass Elim heute mit ihren 33 Jahren schon vor weltberühmte Orchester tritt, macht ihr nicht so viel aus. "Ich hatte erst schon diesen inneren Kampf in mir, wenn ich zum ersten Mal vor einem berühmten Orchester stand", gesteht sie. Sie konnte dann schlecht schlafen und führte im Kopf stundenlang Selbstgespräche. "Ein Teil in mir sagte: Du musst die Musiker beeindrucken, du bist die Dirigentin, bereite dich auf alle Fragen vor. Und eine andere Stimme sagte: Lass das, sei einfach du selbst und lass dich überraschen." Zum Glück hatte sich die zweite Stimme in Elims Kopf durchgesetzt. Inzwischen sagt Elim, als Dirigentin nicht allwissend zu sein, wäre völlig in Ordnung. Sie hat erkannt, dass Orchestermusiker sich freuen, sie als Dirigentin kennenzulernen und sich auf sie einzulassen. "Schließlich will jeder am Ende nur Musik machen. Und wenn jeder das will, dann gibt es keine Probleme."

Der Jazzpianist Shai Maestro

In den letzten Jahren ist die Jazzszene in Israel geradezu aufgeblüht. Ein Star des israelischen Modern Jazz ist der Bassist Avishai Cohen, in seiner Band hat auch die Karriere von Shai Maestro angefangen – und später dann auch ordentlich Fahrt aufgenommen. 2006 holte Cohen den damals noch nicht mal 20-jährigen Pianisten in seine Band und gab ihm so die Möglichkeit, sein Talent weiterzuentwickeln. "Es war die beste Lehrzeit, die man nur haben kann", sagte Maestro später.

Jazz erlaubt dir, du selbst zu sein.
Shai Maestro

Der israelische Jazzpianist Shai Maestro. | Bildquelle: BR Shai Maestro | Bildquelle: BR

Seit 2009 lebt Shai Maestro in der Jazz-Metropole New York. Hier hat er an seinem Stil, an seiner musikalischen Persönlichkeit gefeilt, hier konnten sich die poetische Kraft und die simple Schönheit in seinen Stücken vollends entfalten. Klanglich steht Shai Maestro in der Tradition von Musikern wie Keith Jarrett oder Charlie Haden. Mystisch und gleichzeitig unglaublich entspannt klingt seine Musik. "Shai Maestro ist ein Ereignis der beiläufigen Eleganz", schrieb die Jazzthetik über den jungen Jazzstar und sein 2018 bei ECM erschienenes Album "The Dream Thief". Ein alles entscheidendes Attribut von Maestro ist aber die Echtheit, die Unverstelltheit in seiner Musik. "Ich könnte zum Beispiel auch kein Schauspieler sein - obwohl ich Schauspieler bewundere", erklärt Shai Maestro. "Wenn im Text steht, man soll jetzt traurig sein - das könnte ich nie. Ich kann nur so sein, wie ich mich gerade fühle." Und so geht es dem Jazzpianisten in erster Linie darum, sich musikalisch möglichst glaubwürdig auszudrücken. Und diese Authentizität hört man in jedem Ton seiner ideenreichen Improvisationen.

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