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KlickKlack

Das Musikmagazin mit Sol Gabetta und Martin Grubinger

KlickKlack am 17.9.2019 mit Sol Gabetta Zum 100. Geburtstag von Mieczyslaw Weinberg

Sol Gabetta begrüßt die Zuschauer zu einer Spezialausgabe von KlickKlack zum 100. Geburtstag des fast vergessenen Komponisten Mieczyslaw Weinberg. Bei den Proms in London spielte sie sein selten aufgeführtes Cellokonzert. Außerdem zu Gast: der Geiger Linus Roth, der sich intensiv mit dem Leben und Werk von Weinberg auseinandergesetzt hat, sowie der Geiger Gidon Kremer, der schon seit Jahren Werke von Weinberg in seinen Konzerten spielt.

Cellistin und KlickKlack-Moderatorin Sol Gabetta. | Bildquelle: BR

Bildquelle: BR

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Seinen Freund Dimitri Schostakowitsch kennt heute fast jeder. Ihn selbst - kaum jemand. Wie konnte dieser Komponist nur so lange überhört werden?
Geboren wird Mieczyslaw Weinberg 1919 in Warschau in eine jüdische Familie. Jung und hochbegabt schreibt er erste Stücke, bevor er 19-jährig zu Fuß Richtung Osten fliehen muss, als Nazideutschland Polen überfällt. Seine Familie bleibt und wird im Warschauer Ghetto ermordet. Weinberg studiert zunächst in Minsk, rettet sich weiter nach Taschkent, schließlich holt ihn Dmitri Schostakowitsch 1943 nach Moskau. Als Weinberg 1953 fälschlicherweise beschuldigt wird, die Idee einer jüdischen Republikgründung auf der Krim zu propagieren und deswegen auch inhaftiert wird, setzt sich Schostakowitsch für die Freilassung seines Freundes ein.

Das Cellokonzert von Weinberg gehört für mich zu den größten Entdeckungen.
Sol Gabetta

Der Komponist Mieczyslaw Weinberg | Bildquelle: Bregenzer Festspiele/Privatarchiv Olga Rachalskaya Mieczyslaw Weinberg | Bildquelle: Bregenzer Festspiele/Privatarchiv Olga Rachalskaya

Heute liegt ein beachtliches Gesamtwerk von Mieczyslaw Weinberg vor: über zwanzig Symphonien, Konzerte und Kammermusik, Liederzyklen, Opern und Filmmusik. Ein Großteil Weinbergs Musik ist einem Sujet gewidmet, das den Komponisten lebenslang umtreibt: dem Holocaust, dem sämtliche seiner Angehörigen zum Opfer fielen. Auch seinen jüdischen Hintergrund hört man in der Musik: Weinberg benutzt oft Melodien der jüdischen Volksmusik Osteuropas - auch in seinem Cellokonzert, das Sol Gabetta dieses Jahr bei den Proms in London zusammen mit dem BBC Symphonieorchester unter der Leitung von Dalia Stasevska aufführte. Für Sol ist Weinbergs Konzert hochemotionale, schicksalhafte Musik. Reich an dynamischen Extremen und zutiefst menschlich. Dieses selten gespielte Konzert in der Londoner Royal Albert Hall aufzuführen, war eines ihrer persönlichen Highlights dieses Jahr, sagt die Cellistin und KlickKlack-Moderatorin.

Der Geiger Linus Roth

Linus Roth. | Bildquelle: BR Linus Roth | Bildquelle: BR

Der Geiger Linus Roth hat sich sofort in Weinbergs Musik verliebt, als er sie zum ersten Mal selbst spielte: "Nach der ersten Probe war ich schockiert, weil diese Musik so unglaublich intensiv war, eine Kraft hatte, die mich total berührt hat", erzählt der Musiker. Heute setzt sich Linus Roth in einer ganz besonderen Weise für den Komponisten Mieczyslaw Weinberg ein: Er hat Weinbergs Violinkonzert und sein Gesamtwerk für Geige und Klavier auf CD eingespielt und er ist Mitbegründer der "International Weinberg Society", die es sich zum Ziel gesetzt hat, Weinbergs Musik wieder in die Konzertsäle zu bringen und Musiker zu ermutigen, Weinbergs  Kompositionen mehr aufzuführen.

Die Einsamkeit, die er erlebt hat, die hört man sehr in seiner Musik.
Linus Roth über Mieczyslaw Weinberg

Der Geiger Gidon Kremer

Geiger Gidon Kremer. | Bildquelle: BR Gidon Kremer | Bildquelle: BR

Und auch Gidon Kremers großes Anliegen ist es, Weinbergs Musik bekannter zu machen. Kremer selbst hat seinerzeit die Sowjetunion verlassen und kann wohl wie kaum ein anderer das Schicksal von Weinberg nachvollziehen. Geboren wurde Gidon Kremer 1947 in Riga, seine Muttersprache ist durch seine deutsch-jüdische Abstammung Deutsch, aber am häufigsten spricht er russisch. 1970 gewinnt er den renommierten Tschaikowsky-Wettbewerb in Moskau, zehn Jahre später verlässt er - aus politischen Gründen - seine lettisch-russische Heimat, um sich zunächst in Deutschland niederzulassen. Mit dem zu seinem 50. Geburtstag gegründeten Kammerorchester Kremerata Baltica unterstützt Kremer junge Talente aus den Baltischen Staaten - und setzt sich auch für die Musik von Mieczysłav Weinberg ein. Der Geiger und sein Kammerorchester waren mit die ersten, die das unglaublich reiche und vielfältige Werk von Mieczysłav Weinberg entdeckten, wertschätzten und der Öffentlichkeit präsentierten. Und diese Mission dauert an. KlickKlack traf den Geiger bei einem Konzert, das er mit der Kremerata Baltica in der Allerheiligen-Hofkirche in München gegeben hat. In diesem Konzert kombiniert Gidon Kremer Weinbergs Film- und Zirkusmusik mit Soundperformance oder Jonglierkünsten eines Roncalli-Artisten.

Ich bin noch immer am Entdecken Weinbergs Werke.
Gidon Kremer

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