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Mittagsmusik - Thema der Woche Carl Orff zum 125. Geburtstag

Carl Orff ist ohne Frage neben Richard Strauss der bekannteste bayerische Komponist des 20. Jahrhunderts. Anlässlich seines 125. Geburtstags, am 10. Juli dieses Jahres, hatte der Freistaat Bayern das Jahr 2020 zum offiziellen Carl-Orff-Jahr ausgerufen. Dann kam Corona und machte vielen geplanten Projekten einen Strich durch die Rechnung. Um Orff doch noch gebührend zu würdigen, wird es bei BR-KLASSIK verschiedene Sendungen zu seinem Werk und seiner Person geben und auch in der Mittagsmusik werden wir uns eine Woche lang mit ihm beschäftigen.

Carl Orff | Bildquelle: picture alliance / Keystone

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Jugendjahre und Frühwerk

Glockenspiel, Klangstäbe, Trommeln und Triangel – jeder kennt sie, die Orff-Instrumente. Sie sind Teil seines weltweit bekannten Schulwerks und aus Kindertagesstätten, musikalischer Früherziehung, aber auch Sozial- und Heilpädagogik nicht mehr wegzudenken.

Carl Orffs eigene musikalische Laufbahn startet auch mit Rhythmus-Instrumenten, denn er entstammt einer bayerischen Offiziersfamilie und wächst mit Militärmusik auf. Jeden Morgen wird er von einer Trompetenfanfare von der Kaserne gegenüber geweckt und tagsüber lauscht er den Trommeln der Militärkapelle. Besonders beeindruckend findet er als Kind die Festgottesdienste der Garnison, mit ihren theatralischen Elementen. Er erinnert sich an die Blasinstrumente, die von vier Emporen zugleich gespielt werden und an den Trommelwirbel bei der Wandlung. Zuhause kümmert sich Mutter Paula um die musikalische Ausbildung ihres Sohnes. Sie ist ausgebildete Pianistin und gibt ihm seinen ersten Klavierunterricht. Später lernt er noch Cello.

Das Gymnasium verlässt er noch vor dem Abitur. Musikalisch ist dort nicht allzu viel geboten, außer ein passabler Chor und der Orgelunterricht. Sein Interesse gehört Richard Strauss, aber der wird im Unterricht nicht behandelt, gilt als zu modern. 1912 studiert er dann an der Akademie für Tonkunst in München, aber auch dort empfindet er den Unterricht als zu konservativ und bildet sich im Selbststudium weiter.
Claude Debussy fasziniert ihn, das hört man auch seinem ersten Bühnenwerk "Gisei" an, einem Musikdrama auf selbstverfassten Text, nach dem japanische Nō-Drama "Terakoya". Orff eifert Debussy nach und durchkämmt das Völkerkundemuseum auf der Suche nach Instrumenten fremder Kulturen. Dabei stößt er unter anderem auf den asiatischen Gong, den er in vielen seiner Werke einsetzen wird. Er studiert die wichtigsten Strömungen der Avantgarde, bis es zu einer ersten künstlerischen Krise kommt, das ist im Jahr 1914, kurz vor Ausbruch des ersten Weltkriegs. Radikal wendet er sich von seinen bisherigen Werken ab, immerhin circa 60 Kompositionen, sein Opus 1- 19.

Nach seinem Studium folgen erste Anstellungen als Kapellmeister an der Münchner Hofoper, den Kammerspielen und dann nach dem Krieg in Mannheim und Darmstadt.

Günther Schule und Schulwerk

Das Foto aus dem Jahar 1964 zeigt Carl Orff mit Kindern des SOS-Kinderdorfs in Dießen am Ammersee. Der Komponist erklärt ihnen, wie man mit einem Xylophon musiziert.  | Bildquelle: picture-alliance/dpa Bildquelle: picture-alliance/dpa Jetzt lernt Orff auch das Tanztheater kennen, begeistert sich für Bewegung zu Musik und Rhythmus und gründet zusammen mit der Gymnastiklehrerin Dorothee Günther die "Günther-Schule" in München, eine Schule für Gymnastik und Tanz. Dafür entwickelt Orff sein Konzept der "elementaren Musik", die eine Synthese aus Musik, Sprache und Bewegung darstellt und entwickelt auch sein Orff-Instrumentarium.
Diese Zeit ist wegweisend für seinen eigenen musikalischen Stil und er nutzt die Günther Schule als Experimentierwerkstatt für sein kompositorisches Schaffen. Fünf dicke Bände verfasst er, zusammen mit Gunild Keetman zu seinem Schulwerk. Die erste Publikation entsteht bereits 1932-35 unter dem Titel "Elementare Musikübung", wird aber erst nach dem Krieg fortgesetzt, da der Inhalt (fremdartige Klänge, Improvisation) den ideologischen Vorgaben widersprach. Später, im Jahr 1961, gründet Carl Orff in Salzburg ein Institut für die authentische Ausbildung von Lehrkräften. Heute wird die Konzeption von Orff/Keetman in aller Welt unterrichtet. Das Carl-Orff-Institut steht unter dem Dach des Salzburger Mozarteums.

Orffs Rolle im Nationalsozialismus und seine Märchenstücke

Im Jahr 1937 gelingt Carl Orff der Durchbruch mit der Uraufführung der "Carmina Burana" in Frankfurt. Plötzlich fragen sich die Menschen, wer denn dieser Komponist aus Bayern ist und was er bisher so gemacht hat – immerhin ist er schon in seinen 40ern! Trotz des großen Erfolgs, läuft seine Karriere als Komponist nur langsam an. Die Machthaber kritisieren die Unverständlichkeit der lateinischen Sprache und wittern "Jazzstimmung". Orff wird kritisch beobachtet, bleibt aber während des Krieges in Deutschland. Er ist finanziell auf die Aufführung seiner Werke angewiesen und braucht deshalb die Verbindung zu den deutschsprachigen Theatern. 1936 nutzt er die Olympischen Spiele, um sein Schulwerk vor internationalem Forum vorstellen zu können: Gemeinsam mit Gunild Keetman komponiert er die Musik "Einzug und Reigen der Kinder und Mädchen".

Carl Orff in der Mittagsmusik

Montag: Musikalische Anfänge und Einflüsse mit Kindheit, Ausbildung und Vorbildern
Dienstag: Schulwerk
Mittwoch: Märchenstücke und Orffs Rolle im Dritten Reich
Donnerstag: Besonderheiten der musikalischen Sprache
Freitag: Sprache als wichtiger Baustein seiner Musik

Nach neuester Forschung weiß man, dass Orff kein Nazi war, und weder Mitglied in der Partei war, noch ein Amt in der Reichsmusikkammer bekleidete. Auch wenn er im Auftrag der Stadt Frankfurt seine erste Fassung der Bühnenmusik zu Shakespeares Sommernachtstraum überarbeitete, um damit die Musik des geächteten Komponisten Felix Mendelssohn-Bartholdy zu ersetzen, gilt er doch nie als offizieller Komponist des Regimes.

Während des Krieges entstehen außerdem seine Märchenstücke: "Der Mond" im Jahr 1939 und "Die Kluge" im Jahr 1943. Mit den Märchenopern aus dem 19. Jahrhundert haben diese Stücke kaum etwas gemein. Orff selbst bezeichnet die Partitur zum "Mond" als seinen "Abschied von der Romantik". Darin wird das Märchen zum hintergründigen Welttheater, voll mythischer Anspielungen und archetypischer Bilder. "Die Kluge", das Weltmärchen, das in zahlreichen Varianten auf der ganzen Welt verbreitet ist, wartet durchaus mit regimekritischen Textpassagen auf.

Besonderheiten seiner musikalischen Sprache

Die größte Bedeutung in Orffs Werk kommt der Sprache zu. Orff erlebt bei seinen Opernbesuchen das große spätromantische Orchester. Für Sänger und Darsteller wird es zunehmend schwerer, den gewaltigen Orchesterapparat zu übertönen. Gerade an Textverständlichkeit ist Orff aber sehr gelegen. Deshalb entwickelt er eine Musik nicht ZUM Wort sondern AUS dem Wort heraus – eine Musik, die die Sprache trägt. Dazu reduziert er das Orchester, besonders den Streichapparat und baut dafür das Schlagwerk weiter aus, weg vom spätromantischen, hin zum impressionistischen Klangideal. Außerdem dominieren bei ihm statische Kompositionstechniken, wie Ostinato, Bordun, Orgelpunkt oder Tonwiederholungen. Erste Schritte in diese Richtung geht er bereits ab den 20er Jahren, als er auf Monteverdi aufmerksam wird und die Musik des 16. und 17. Jahrhunderts studiert. Die Bearbeitung und freie Neugestaltung von Monteverdis Bühnenwerk ist heute musikhistorisch gesehen eine Pionierleistung. Vor allem aber für seinen persönlichen Weg als Komponist zeigt es ihm neue Richtungen auf.

Helmuth Krebs als Tiresias und Gerhard Stolze als Oedipus in "Oedipus der Tyrann" von Carl Orff. Wiener Staatsoper. Photographie. 1961 | Bildquelle: picture-alliance / Imagno Bildquelle: picture-alliance / Imagno Die Vielgestaltigkeit der Sprache fasziniert Orff und zieht sich durch sein gesamtes Werk. Er verwendet klassisches Latein und Spätlatein, Mittelhochdeutsch, Deutsch und Altfranzösisch. Seinen Heimatdialekt verewigt er in seinem Bairischen Welttheater, bestehend aus der "Bernauerin", "Astutuli" sowie dem Oster- und Weihnachtsspiel. Das selbst gedichtete Altbairisch hat allerdings in vielen Stücken nur wenig mit dem echten Dialekt zu tun und erinnert mehr an Kunstsprache. In seinem Spätwerk beschäftigt sich Orff mit Altgriechisch und liest die griechischen Tragödien. "Prometheus" vertont er im Original von Aischylos und zwar ohne Kürzung oder Eingriffe in die Texte. Für "Antigonae" und "Oedipus der Tyrann" verwendet er Hölderlins Dichtung.

Die Einheit von Sprache, Musik und Bewegung, die sich von Beginn an als roter Faden durch sein Musiktheater zieht, findet in seinem Spätwerk, den griechischen Tragödien sozusagen wieder zu seinem Ursprung zurück. Sein Lebenswerk beendet Carl Orff mit seinem persönlichsten Werk: "De Temporum Fine Comoedia", dem "Spiel vom Ende der Zeiten".

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