BR-KLASSIK

Inhalt

Mittagsmusik - Thema der Woche "Einfach rauf und runter" - die Sopranistin Edita Gruberová

"Ich kann mich nicht erinnern, dass ich da extra was geübt habe, ich hab einfach rauf und runter gesungen", sagte Edita Gruberová auf die Frage, ob sie spezielle Übetechniken habe. Die Sopranistin beherrscht den Koloraturgesang wie keine zweite und kann auf eine sagenhafte Karriere als Koloratur-und Belcanto-Sängerin zurückblicken. Am 23. Dezember feiert die Primadonna ihren 70. Geburtstag - ein schöner Grund, die verschiedenen Facetten der Slowakin in unserem Thema der Woche zu beleuchten.

Edita Gruberova bei den Prague Proms 2016 | Bildquelle: Prague Proms 2016

Bildquelle: Prague Proms 2016

"Ich stellte bei Edita Gruberová keinen Unterschied zu einer Schauspielerin fest. Es gibt bei ihr einen Punkt, von dem ab der Gesang verschwindet. Ich hatte nie das Gefühl, dass sie sich um so etwas wie Technik überhaupt kümmern muss. (...) Sie schafft es, sich von Anfang an ins Zentrum der Figur zu begeben. Und ich kann mir vorstellen: Wenn für sie eine Sache nicht sinnlich-natürlich nachvollziehbar ist, dann fährt sie die Stacheln aus", sagte Dieter Dorn - und genauso war es.

Ich habe einfach Angst davor, dass es gegen die Musik geht. Das würde mich an der Emotion hindern, die für mich an der allerersten Stelle kommt.
Edita Gruberova

Stacheln ausfahren

Edita Gruberová weiß ihre Interessen zu verteidigen: Wenn bei einer Produktion die Ausstattung ihren Gesang behindert, dann wehrt sie sich dagegen. Bühnenschrägen zum Beispiel kann sie nicht ausstehen, denn sie bereiten ihr Rückenschmerzen und dann kann sie nicht ihre volle Gesangsleistung bringen.

Auch Hotelzimmer mag sie nicht, sie sind für Sie nur eine Notlösung. Bei längeren Aufenthalten bucht sie lieber Apartments und kocht selbst. Wenn sie in München auftrat, fuhr sie oft am nächsten Tag zurück nach Zürich in die eigene Wohnung.

Ein Tag, an dem Sie abends Vorstellung hatte, verlief oft so: Frühstück um 10.00 Uhr, Mittagessen spätestens um 15.00 Uhr, wenig sprechen, vor allem keine Telefongespräche, die sind zu anstrengend für die Stimme. Mit Banane und zwei Flaschen Wasser in der Tasche ging sie dann früh ins Theater. Die schönste Zeit sei dann die Stunde vor der Vorstellung gewesen, wenn sie in der Maske saß.

Kräfte mobilisieren

Schon als Schulkind wollte Edita Gruberová nur eines: singen. Sie hat sich immer gemeldet und wollte vor die Klasse treten und lossingen. Manchmal rief die Klassenlehrerin sie am Ende der Stunde nach vorne, dann sang die kleine Edita alle Lieder, die sie kannte und die sie daheim gerne mit ihrer Mutter gesungen hatte. Auch bei Schulfesten wollte sie immer vorne stehen und singen.

"Du musst Opernsängerin werden", meinte der evangelische Pfarrer, der sie während ihrer Konfirmandenzeit oft begleitete, wenn sie von der Orgelempore aus Kirchenlieder sang.  Der Pfarrer hat ihr dann auch geholfen und sie in Sachen Klavierspiel fit gemacht für die Aufnahmeprüfung.

Als junge Sängerin, aufgewachsen in einem sozialistischen Staat, ist Edita Gruberová eher schüchtern und macht, was man von ihr verlangt. Nur einmal nimmt sie das Heft selbst in die Hand: 1976 ist sie schon einige Jahre im Ensemble der Wiener Staatsoper, sie hat die Rolle der Zerbinetta aus "Ariadne auf Naxos" von Richard Strauss mit ihrem Korrepetitor an der Oper, aber auch mit ihrer Gesangslehrerin Ruthilde Boesch erarbeitet. Dann sieht sie den Besetzungszettel der Neuproduktion und stellt fest: Ihr Name fehlt. "Da hat mich der Zorn gepackt, da habe ich irgendwelche Kräfte mobilisiert von denen ich heute noch nicht weiß wieso", erzählt sie, denn sie hat sich ganz vorsichtig beschwert, und ein guter Geist des Hauses hat für sie dann ein Vorsingen beim Dirigenten der Produktion, Karl Böhm, arrangiert. Mit zittrigen Knien habe sie ihm vorgesungen und ihn überzeugt; schon stand sie auf dem Besetzungszettel. Die Premiere im November 1976 wurde ein Sensationserfolg, ihr internationaler Durchbruch als Koloratursopranistin.

Dass sie sich durchbeißen kann, bewies sie auch 1992, als sie zusammen mit Friedrich Haider die Plattenfirma Nightingale Classics  gründete. Dort veröffentlicht sie  ihre großen Belcanto-Partien, oft Live-Mitschnitte von konzertanten Aufführungen. Doch diese Arbeit kostete viele Nerven, so dass sie die Arbeit nach gut 20 Jahren nicht mehr fortführte.

Den Stürmen trotzen

Edita Gruberova als Elisabetta in "Roberto Devereux" am Opernhaus Zürich. | Bildquelle: Suzanne Schwiertz Edita Gruberova als Elisabetta in "Roberto Devereux" am Opernhaus Zürich. | Bildquelle: Suzanne Schwiertz Im Laufe der Jahre blieben Schicksalsschläge nicht aus. Ihr Ehemann Stefan Klimo konnte nicht Fuß fassen in Wien, er litt unter Depressionen.  1983 kam es zur Scheidung, bald darauf beging Klimo Selbstmord; Edita Gruberová suchte Trost und Vergessen in der Arbeit und nahm beispielsweise die Schallplatte "Kunst der Koloratur" auf.

 1984 starb auch ihre Mutter, die Stütze nach der Scheidung von ihrem Mann. Ohne ihre Mutter hätte sie keine Karriere machen können, denn ihre Mutter versorgte ihre Kinder. Jetzt musste sie selbst die Betreuung ihrer Kinder organisieren - ein Kraftakt.

Im März 2001 hatte ihre Tochter am Opernhaus in Zürich einen Unfall. Bei einer Vorstellung verletzte sie sich so schwer, dass sie ihre Karriere als Tänzerin aufgeben musste. Der Vorfall wurde nicht als Berufsunfall anerkannt, Intendant Alexander Pereira wies die Verantwortung von sich. Edita Gruberová war entsetzt, sagte alle Vorstellungen am Opernhaus in Zürich ab. "Für mich als Mutter ist dies ein wohl jedermann verständlicher Grund, endlich die Konsequenzen zu ziehen und auf weitere Tätigkeiten am Opernhaus Zürich zu verzichten." Erst als Pereira 2012 vom Züricher Opernhaus wegging, trat sie dort wieder auf.

Im Clinch mit den Kritikern

1989 Jahre sieht sich Edita Gruberová als Zielscheibe österreichischer Kritiker, fühlt sich von ihnen unfair  behandelt und stellt der Direktion der Salzburger Festspiele ein Ultimatum: Sie trete nur dann auf, wenn die Kritiker keine Freikarten erhalten, sondern selbst für ihre Tickets zahlen müssen. Wenn den Kritikern ihr Gesang nicht gefalle, dann wolle sie ihnen auch nicht weiterhin die Abende verderben.

Festspielpräsident Albert Moser gibt nach, denn "im Falle der Nichterfüllung der Forderung von Frau Kammersängerin Edita Gruberová" hätte man mit der "Absage des Liederabends zu rechnen". Deshalb hat sich die Festspielleitung "für den Wunsch des Publikums entschieden, das die weltbekannte Sängerin bei den Salzburger Festspielen hören will." Der Verband österreichischer Zeitungsherausgeber und die Austria Presse Agentur protestierten, aber Festspielpräsident Moser entgegnete, dass man den Verlust einer Gratiskarte nicht mit der Einschränkung der Pressefreiheit gleichsetzen könne. Nahezu alle österreichischen Tageszeitungen beschlossen, nicht über den Liederabend zu berichten.

Immer wieder Technik

Im Laufe ihrer Karriere kam sie an einen Punkt, an dem die Koloraturen nicht mehr so selbstverständlich leicht und locker singen konnte wie zuvor. 2006 suchte sich die damals 60-Jährige Hilfe bei der Münchner Stimmtrainerin Gudrun Ayasse. Diese brachte vor allem ihre Atmung wieder in Fluss. Seitdem singt Edita Gruberová sich ganz anders ein. Drei Jahre hat die Sopranistin daran gearbeitet, bis sie auf der Bühne die neue Technik wirklich umsetzen konnte.

Die große Liebe: das Lied

Harald Goertz, Professor an der Wiener Musikhochschule und Korrepetitor an der Wiener Staatsoper hat Edita Gruberová zum Liedgesang gebracht.  Viele gemeinsame Konzerte musizierten sie, ehe Erik Werba ihr Liedbegleiter wurde. "Sie sind keine Liedsängerin, sie sind eine Opernsängerin, die sich auch dem Lied widmet", sagte Werba zu Edita Gruberová. Die beiden erarbeiteten zusammen Lieder von Schubert, Strauss und Mahler. Die als Opendiva gefeierte Gruberová wagte es dann 1980, als Liedsängerin bei den Salzburger Festspielen aufzutreten. Die Reaktionen waren gemischt.  

Partnerschaft mit dem Münchner Rundfunkorchester

"Das ist vergleichbar, wie wenn man zurück nach Hause käme. Das sind wirklich unzählige Aufnahmen, die wir zusammen gemacht haben, man kennt sich ja schon, und das war immer eine erfreuliche Zusammenarbeit. Ich glaube auch, ein Orchester ist ein Korpus, der sich dann auch an eine Sängerin irgendwie anpasst oder man kennt die Sängerin schon und weiß, wie sie arbeitet. Und genauso ist es mit mir. Ich weiß, wie sie arbeiten, dass wir uns verstehen, also es ist nicht ein Fremdkörper", sagt Edita Gruberová über das Münchener Rundfunkorchester.

Die Karriere im Schnelldurchlauf:

1961-1968: Studium am Konservatorium in Bratislava
1968-1969: Erstes Engagement am Opernhaus im slowakischen Banská Bystrica
ab 1969: Engagement an der Wiener Staatsoper
1969: Debüt in Mozarts "Zauberflöte" als Königin der Nacht
1976: Internationaler Durchbruch als Zerbinetta in "Ariadne auf Naxos" von Richard Strauss
1988: Lucia in "Lucia di Lammermoor" von Donizetti an der Metropolitan Opera in New York
1997: Titelrolle in Donizettis "Linda di Chamounix" an der Wiener Staatsoper
1998: Elvira in "I Puritani" von Bellini in Zürich / Elisabeth I. in "Roberto Devereux" von Donizetti an der Wiener Staatsoper
2001: "Beatrice di Tenda" von Bellini in Zürich
2006: Rollendebüt als Norma in Bellinis "Norma" an der Staatsoper in München
2008: Feier des 40. Bühnenjubiläum am Teatre del Liceu in Barcelona
2009: Rollendebüt als Lucrezia in "Lucrezia Borgia" von Donizetti an Münchner Staatsoper
2013: Rollendebüt als Alaide in "La Straniera" von Bellini

Eine kleine Auswahl der vielen Auszeichnungen: Österreichische Kammersängerin, Bayerische Kammersängerin, Internationaler Music Award, Herbert-von-Karajan-Musikpreis, Preis der Kulturstiftung Dortmund für ihr Lebenswerk

Unsere Mittagsmusikwoche mit Edita Gruberova

Montag: Mit der Zerbinetta kam der große Durchbruch, wir senden einen Ausschnitt aus dem Live-Mitschnitt von der Premiere im November 1976 an der Wiener Staatsoper
Dienstag:
Die Gruberová und die Operette.
Mittwoch: Die Gruberová und ihre zweite große Liebe: der Liedgesang.
Donnerstag: Selbst ist die Frau! Edita Gruberová gründete mit Friedrich Haider ein Plattenlabel und dort veröffentlichte sie auch eine CD mit Kinderliedern, die damals der Renner war. 
Freitag: Die Koloratur-Königin. Im Laufe ihrer Karriere stellte Edita Gruberová ihre Technik um. Ein mutiger Schritt. Sie hören, wie sie sich einsingt und wie sie vor und nach der Umstellung klingt.

    AV-Player