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Mittagsmusik - Thema der Woche Foxtrott, Shimmy und Blues – das neue Lebensgefühl der Zwischenkriegszeit

Foxtrott statt Walzer – Tango statt Polka! In Windeseile eroberte nicht nur der Jazz das Europa der Zwischenkriegszeit, sondern auch eine Reihe neuer, schwungvoller Tänze, die nicht nur die junge Generation in die Tanzschulen lockte, sondern auch viele Komponisten zu neuen Werken inspirierten. Der Pianist Gottlieb Wallisch hat diesen Tänzen ein ganzes CD-Projekt gewidmet, das wir Ihnen in dieser Woche in der Mittagsmusik vorstellen möchten.

Ein großes Rahmenprogramm zwischen den Ausscheidungskämpfen um den "Pokal der Nationen" 1963. Das Bild zeigt Tanzpaare beim Charleston.
| Bildquelle: picture-alliance / Günter Bratke

Bildquelle: picture-alliance / Günter Bratke

Weltwirtschaftskrise, zerstörte Existenzen und ausschweifendes Leben. Und in den Bars schmusten die Paare im Takt eines exotischen Tanzes, eng umschlungen, umeinander herum schmelzend. Hitze statt Wärme, Sex statt Liebe, Freier als ‚Tangokavaliere‘
.

So schreibt Hans Fallada in seinem großen Epochenroman "Wolf unter Wölfen" und beschreibt damit die Suche nach Lebensfreude und Sorglosigkeit der jungen Generation nach Ende des 1. Weltkriegs. Man wollte endlich das Leben wieder genießen und wo konnte man das leichter tun, als in den Bars und Tanzkneipen der Großstädte des Westens. Die großen Probleme der Zeit, wie Inflation, Massenarbeitslosigkeit und Weltwirtschaftskrise, wurden zumindest nach Sonnenuntergang durch neue Tänze wie Foxtrott, Shimmy, Charleston oder Tango für einige Stunden verdrängt und die fremdartigen Rhythmen wurden zum Symbol einer übermütigen, dekadenten Ära.

Ein Tanzpaar zeigt Schritte und Schrittfolgen eines Gesellschaftstanzes, Deutschland 1950er Jahre. | Bildquelle: picture alliance / United Archives | Siegfried Pilz Ein Tanzpaar zeigt Schritte und Schrittfolgen eines Gesellschaftstanzes. | Bildquelle: picture alliance / United Archives | Siegfried Pilz Die meisten dieser Tänze hatten ihren Ursprung in Nord- und Lateinamerika und schwappten über die Metropolen London und Paris ins restliche Europa über. Der Reiz dieser neuen Musik waren natürlich die fremden Harmonien, der mitreißende, lebensfrohe Rhythmus und die pulsierenden Synkopen, all das, was hier unter dem Begriff "Jazz" zusammengefasst wurde.

Von den Tanzschulen, Bars und Cafés fanden die neuen Tänze natürlich auch schnell ihren Weg auf die Bühne. Viele europäische Komponisten waren sofort inspiriert und sahen darin eine Möglichkeit der klassischen Musik neuen Schwung zu verleihen und damit auch eine neue Generation anzusprechen.
Ernst Krenek bediente sich am Shimmy, Blues und Tango für seine Oper "Jonny spielt auf", Eduard Künneke baute den Foxtrott sehr erfolgreich in seine Operette "Der Vetter aus Dingsda" ein und auch Komponisten wie Erwin Schulhoff, Kurt Weill, Paul Hindemith oder Bohuslav Martinů orientierten sich an den neuen Klängen.

Der österreichische Pianist Gottlieb Wallisch hat im letzten Jahr das CD-Projekt "20th Century Foxtrots" gestartet, eine Anthologie, die auf insgesamt sechs Volumes angelegt ist. Volume 1 und 2 sind bereits erschienen und beleuchten jazz-inspirierte Kompositionen der "Goldenen Zwanziger" aus Deutschland, Österreich und Tschechien. In der Mittagsmusik wird er uns Einblicke in seine Arbeit und seine Erkenntnisse dazu geben und auch verraten, wohin der Weg mit den nächsten Folgen des Projekts gehen wird.

Album-Infos

Gottlieb Wallisch, Klavier
20th Century Foxtrots 1 (Austria and Czechia) & 2 (Germany)
Label: Grand Piano
GP 813 / GP 814

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