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Mittagsmusik - Thema der Woche Helen Vita – Diseuse mit verruchtem Image

Mit frivolen Chansons sorgte Helen Vita in den 1950er und 60er Jahren für Schlagzeilen, ihre Platte mit den "Allerfrechsten Chansons aus dem alten Frankreich" wurde 1966 auf den Index gesetzt und von der Polizei aus den Schallplattenläden entfernt. Und auch in ihrem letzten Lebensjahrzehnt erregte sie Aufsehen mit ihrem Bühnenprogramm "Drei alte Schachteln", in dem sie zusammen mit Brigitte Mira und Evelyn Künneke quietschfidel herausposaunte: "Wir sind noch da!"

Helen Vita (69) bei der Premiere ihres Programms "Die Alte singt ja immer noch". | Bildquelle: picture alliance / Berliner_Kurier

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In Hohenschwangau in Bayern wurde Helen Vita am 7. August 1928 als Helene Vita Elisabeth Reichel geboren. Mit ihren Eltern Anton Reichel und Jelena Pacis, einem Geiger und einer Cellistin emigrierte sie 1939 wegen der Nationalsozialisten in die Schweiz nach Genf. In der Schule lernte sie Französisch, es wurde ihre zweite Muttersprache. Die Musik spielte in ihrem Elternhaus eine große Rolle, sie erhielt eine Musikausbildung am Genfer Konservatorium und bekam Schauspielunterricht. Das erste Mal auf der Bühne stand sie in Genf, dann in Paris und später in Zürich. Vielleicht war es Berthold Brecht, der ihrem Leben die entscheidende Wende gab. Die Vita spielte in Zürich die Eva in "Herr Puntila und sein Knecht Matti" und Brecht erkannte ihr komisches Talent und legte ihr die Kabarett-Bühne ans Herz.

Nicht jugendfreie Chansons

Helen Vita im Film "Frauenarzt Dr. Bertram" | Bildquelle: picture alliance / United Archives Helen Vita im Film "Frauenarzt Dr. Bertram" | Bildquelle: picture alliance / United Archives Im legendären Münchner Kabarett "Die kleine Freiheit" sang sie Anfang der 50er Jahre ihre frechen Chansons, hier traf sie Friedrich Holländer, dessen Lieder wie gemacht waren für sie und unterhielt mit ihren zweideutig-frivolen Liedern die prüde Wirtschaftswundergesellschaft. Helen Vitas Lieder gönnte man sich – manchmal auch heimlich. Trotz oder auch wegen der Indizierung als "nicht jugendfrei" wurden ihre Alben mit den frechen Chansons zu Verkaufsschlagern.

Filme mit Rainer Werner Fassbinder

Gleichzeitig bleibt sie der Leinwand treu, sie spielt in halbseidenen Unterhaltungsfilmchen genauso wie in anspruchsvollen Filmen von Wolfgang Staudte oder Rainer Werner Fassbinder. Mit letzterem verband sie eine besondere Beziehung: "Nie habe ich mich so zu Hause gefühlt wie bei Fassbinder, ich war einfach von ihm angefressen."

"Die alten Schachteln" - Selbstironie und Lebensweisheit

Mit bunten Federboas bekleidet, treten die drei Diseusen Evelyn Künneke, Brigitte Mira und Helen Vita (v. l.) am 19.5.1999 im Rahmen ihrer Konzertreihe "Drei alte Schachteln auf Tour" in Hannovers ausverkauftem Aegi-Theater auf. | Bildquelle: picture alliance / dpa Die drei Diseusen Evelyn Künneke, Brigitte Mira und Helen Vita (v. l.) in "Drei alte Schachteln auf Tour". | Bildquelle: picture alliance / dpa Ihre große Leidenschaft war das seriöse Theater von Shakespeare über Goethe bis Thornton Wilder. An der Seite von Hans Albers spielte sie in "Liliom" und war später über Jahre am Münchner Volkstheater eine umjubelte "Seeräuber-Jenny" in der Dreigroschenoper. Mit Brigitte Mira und Evelyn Künneke tourte Helen Vita, die blonden Haare streng nach hinten genommen und mit rotem Puschel auf dem Hinterkopf ab 1996 noch einmal durch die Lande als "Die alten Schachteln". 238 Jahre haben die drei zusammen auf die Bühne gebracht und dazu eine geballte Menge Lebensweisheit und Selbstironie mit Liedern wie "Wir sind süß, aber doof" oder "Ob das alles war?"

In der Mittagsmusik erleben wir diese Woche Helen Vita als Schostakowitsch Verehrerin, als Seeräuber-Jenny und mit einem eigenwilligen Rezept für Boeuf Stroganoff.

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