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Mittagsmusik - Thema der Woche Der "Vielsaitige" - John Williams zum 75. Geburtstag

John Williams | Bildquelle: David Montgomery

Bildquelle: David Montgomery

John Williams? ...ach ja, der große Hollywood-Filmmusikkomponist, Schöpfer berühmter Partituren wie "Star Wars", "Harry Potter" oder "Schindlers Liste"!

So oder ähnlich sind meist die Reaktionen, wenn der Name John Williams fällt. Dabei gibt es einen weiteren, bedeutenden John Williams in der Musikszene, er ist neun Jahre jünger als sein amerikanischer Namensvetter, er ist gebürtiger Australier und einer der größten Gitarristen der Post-Segovia-Generation. Am 24. April feiert er seinen 75. Geburtstag.

Der große Andres Segovia war es auch, der den jungen Williams zu seinem legitimen Nachfolger kürte: nach dem Debut des 17jährigen in der Londoner Wigmore Hall  im Jahr 1958 sprach Segovia von einem "Prinzen der Gitarre", der die Musikwelt betreten habe.

In der Zwangsjacke

Zuvor lernte John Williams mehrere Jahre lang bei Segovia in dessen Sommerkursen an der Accademia Musicale Chigiana in Siena. Aus dem Prinzen ist ein halbes Jahrhundert später längst ein selbstbewusster König der Gitarre geworden, der in seiner Biographie sogar hart ins Gericht geht mit seinem einstigen Mentor. Segovias Lehrmethode glich einer "Zwangsjacke", so John Williams, "Segovia gab jedem Schüler vor, wie er zu spielen habe, es gab null Spielraum für einen Studenten."

John Williams | Bildquelle: David Montgomery Bildquelle: David Montgomery Segovia zeigte auch keinerlei Toleranz, wenn die Gitarre für Populäres, für Jazz oder Folkmusik verwendet wurde. Und so hatte er mit der stilistischen Freizügigkeit seines einstigen Zöglings sicher seine Schwierigkeiten, denn John Williams akzeptiert für sein Repertoire kaum Grenzen.
Er spielte Jazz mit dem Fusiongitarristen John Etheridge, nahm Folkmusik und Weltmusik-CDs auf, indem er beispielsweise in Projekten wie "The Music Box" mit afrikanischen Musikern zusammenarbeitete. Auch John Williams populärste Aufnahme stammt aus dem Metier der Filmmusik: Stanley Myers romantische "Cavatina", die in dem erschütternden Kriegsdrama "The deer hunter" für einen bewegenden emotionalen Kontrast sorgt. Sogar der Progressive-Rock-Band "Sky" lieh Williams mehrere Jahre lang seine flinken Finger. Denn "wir haben das Glück, über ein Instrument zu verfügen, das felsenfest in der Musikwelt verankert ist" freut sich Williams. "Ob man südamerikanische oder orientalische Musik, Jazz, Pop, Klassik, Country oder Finger Style mag oder nicht, ist völlig gleichgültig: die Gitarre ist immer dabei."

Die Gitarre gehört so selbstverständlich zur internationalen Musikkultur wie kein zweites Instrument.
John Williams

Neben seiner internationalen Karriere als Solist, war auch sein Engagement für Kammermusik von großer Bedeutung. Er experimentierte mit ungewöhnlichen Duokombinationen wie etwa Orgel/Gitarre oder Cembalo/Gitarre, spielte mit dem Geiger Itzhak Perlman und gründete mit seinem berühmten Kollegen Julian Bream ein legendäres Gitarrenduo, das in den 70er Jahren tourte und der Gitarrenwelt wunderbare Aufnahmen bescherte.

Politischer Protest mit Gitarre

John Williams war immer ein politisch engagierter Musiker. Er spielte oft für Wohltätigkeitskonzerte, nahm Musik des im Exil lebenden griechischen Komponisten Mikis Theodorakis auf und musizierte mit der chilenischen Gruppe Inti-Illimani, die 1973 nach dem Militärputsch in Chile ihr Land verlassen musste. 2003 ließ er aus Protest vor dem amerikanischen Einmarsch in den Irak  eine Amerikatournee platzen.

Nach über 50 Jahren "on the road" hat sich John Williams 2014 aus dem Konzertleben zurückgezogen. Kein Grund für Gitarrenmusikfans zu trauern, denn kaum ein anderer Gitarrist hat so viele Aufnahmen hinterlassen. Aus Anlass seines 75. Geburtstags veröffentlichte Sony Classical jetzt eine Box mit 58 CDs - die "John Williams complete Columbia Album Collection". Darauf ist alles zu finden, was der große Gitarrist zwischen 1964 und 2006 auf Vinyl bzw. CD festgehalten hat.

"John ist vermutlich der technisch versierteste Gitarrist, den die Welt gesehen hat." So resümiert der Gitarrenfachmann Graham Wade das brillante, makellose und virtuose Spiel von John Williams.

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