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Mittagsmusik - Thema der Woche Der letzte Operettenkönig - Franz Lehár zum 150. Geburtstag

Erst als junger, fescher Dirigent und bald als Operettenking erobert Franz Lehar das Wiener Publikum im Sturm. Mit ihm erlebt das ganze Genre eine Konjunktur bisher unbekannten Ausmaßes: Auf der ganzen Welt werden "Dein ist mein ganzes Herz" oder "Lippen schweigen" fleißig gepfiffen. Die Mittagsmusik feiert den 150. Geburtstag von Franz Lehár im Thema der Woche.

Franz Lehár in Ischl | Bildquelle: picture-alliance/dpa

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Wunderkind

Geboren im damals ungarischen, heute slowakischen Komorn, wächst Franz Lehár als Sohn eines Militärkapellmeister in sechs verschiedenen Garnisonsstädten Österreich-Ungarns auf - ein echtes Tornisterkind, wie es für Armeeangehörige damals typisch ist. Aber Lehár ist mehr als das, schon als Vierjähriger findet der kleine Lanzi (so sein Spitzname) am Klavier zu jeder Melodie die richtige Begleitung, es macht ihm nichts aus auf verdeckten Tasten im stockdunklen Zimmer perfekt Klavier zu spielen und er ist schon als Junge in der Lage spontan über ein x-beliebiges Thema kunstvoll zu variieren. Mit anderen Worten: er ist ein Wunderkind. Mit zwölf besteht er die Aufnahmeprüfung im Fach Violine am Prager Konservatorium, wo er auch Antonin Dvořák kennenlernt. Der ermutigt ihn in seinen ersten Kompositionsversuchen und rät: „Hängen Sie die Geige an den Nagel und komponieren Sie lieber!“ Doch Lehárs Vater ist dagegen - nicht zuletzt aus finanziellen Gründen-, so dass der Sohn schließlich auch die väterliche Laufbahn einschlägt und mit 20 Jahren jüngster Militärkapellmeister der Monarchie in Losoncz wird.

Sehnsucht nach der Oper

Da Lehár nicht Komposition studieren durfte, muss er sich alles selbst beibringen. Seit seinem sechzehnten Lebensjahr komponiert er unermüdlich Klaviersonaten, Violinkonzerte, Lieder, später auch Walzer und Märsche. Seine eigentliche Sehnsucht aber ist die Oper. Als ihm in der istrischen Hafenstadt Pula das mit über 100 Mann größte Militärorchester zur Verfügung steht, komponiert er das lyrische Drama Kukuška und instrumentiert es „auf Zuruf“ zusammen mit seinem Orchester. Obwohl die Uraufführung 1896 in Leipzig gut ankommt, muss Lehár feststellen, dass er von einer Oper allein nicht leben kann und bleibt vorerst weiterhin Militärkapellmeister.

Operettenerfolge

1899 wird sein Regiment nach Wien versetzt, wo sich Lehár als junger "fescher Dirigent" bei Promenadenkonzerten rasch einen Namen macht und auch als Walzerkomponist Erfolg hat. So gerät er, wie er selbst es ausdrückt, "ganz ahnungslos und blindlings in die Wiener Operette hinein". 1902 feiert er mit gleich zwei Werken sein Operettendebüt: Wiener Frauen und Der Rastelbinder. Vor allem letzterer findet Anklang beim Publikum. Doch das ist noch kein Vergleich zum Erfolg der Lustigen Witwe drei Jahre später.

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Da geh' ich ins Maxim | Bildquelle: Johannes Heesters - Topic (via YouTube)

Da geh' ich ins Maxim

Sie wird mit ihrer raffinierten Verknüpfung von Modernität und Erotik, ihrem neuen Frauenbild und ihrer zwischen Schlager und Musikdrama pendelnden Dramaturgie zur prägenden Operette des zwanzigsten Jahrhunderts. Zugleich ist Die lustige Witwe die erste Operette, deren Publikumsresonanz ein globales Massenphänomen darstellt. Innerhalb von vier Jahren erlebt sie über 18.000 Aufführungen, u. a. in 422 deutschen und 154 amerikanischen Städten. Die Wiener Operette erlebt fortan eine weltweite Konjunktur bisher unbekannten Ausmaßes und beherrscht bis zum Ersten Weltkrieg die Bühnen der Welt.

Lyrisches Spätwerk und Tauber

Der Erste Weltkrieg ist einen Wendepunkt in Lehárs Karriere. Er beginnt nämlich mit der Form der Operette zu experimentieren, versucht eine Annäherung an die Oper wie in Endlich Allein (1914) oder Frasquita (1922) und verliert so zunehmend sein Publikum. Der Komponist stürzt in eine Krise, die er erst Mitte der zwanziger Jahre dank der kongenialen Zusammenarbeit mit dem Tenor Richard Tauber überwindet. Sein erstes für Tauber komponiertes Werk ist Paganini, das Lehár als "Geburtstagsgeschenk vom lieben Gott“ bezeichnet hat. Die Uraufführungen seiner späten Werke finden nicht mehr – wie früher- in Wien satt, sondern in Berlin. Gegen Jazz und Revue können sich Lehárs lyrische Operetten ohne Happy End erfolgreich behaupten und sichern ihm so auch in den 20er Jahren seinen Thron als Operettenkönig.

Unterm Hakenkreuz

1934 erreicht Franz Lehár mit seinem letzten Bühnenwerk Giuditta, was ihm mit seinem ersten Kukuška nicht gelungen ist: der lang erhoffte Einzug in die Wiener Staatsoper. Es ist ein gesellschaftliches Ereignis und wird von 120 Rundfunkstationen weltweit übertragen. Nur Deutschland bleibt außen vor. Dort steht Lehár seit der Machtergreifung der Nazis wegen seiner jüdischen Mitarbeiter zunächst auf der schwarzen Liste. Das ändert sich schlagartig, als Hitlers Vorliebe für Die lustige Witwe bekannt wird. Lehár wird zum Aushängeschild des Dritten Reichs, und lässt sich nur zu gern von dessen Repräsentanten hofieren. So kann er zwar seine jüdische Frau schützen und retten, auch einige seiner jüdischen Librettisten, nicht jedoch Fritz Löhner-Beda, den Textautor eines seiner größten Schlagers: "Dein ist mein ganzes Herz".

Lehár war der am meisten aufgeführte Komponist seiner Zeit und der letzte Operettenkönig. Mit seinem Tod 1948 endete die Geschichte seines Genres, das er mit Werken wie Die lustige Witwe und Das Land des Lächelns geprägt hatte wie kein anderer Operettenkomponist des 20. Jahrhunderts. Als klingende Psychologie seiner Epoche ist Lehárs Werk ein verlässlicher Seismograph all ihrer Umbrüche - von der Österreichisch-Ungarischen Monarchie bis ins Dritte Reich.

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