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Mittagsmusik - Thema der Woche Leo Kok - Komponist, Widerstandskämpfer, Buchhändler

Booklet Innendeckel Leo Kok, Ascona 1925 | Bildquelle: Jacqueline Kiang

Bildquelle: Jacqueline Kiang

In Ascona, auf dem Monte Verità, ist Gideon Boss, Tonmeister und musikalischer Hobby-Historiker, ganz zufällig auf Spuren von ihm gestoßen. "Am Klavier: Leo Kok" - stand auf einem alten Konzertplakat an der Wand des Museums. Es stellte sich heraus, dass die alte Dame an der Kasse Kok noch persönlich gekannt hatte. Das war der Beginn einer fünf Jahre dauernden Recherche, in der Gideon Boss Leo Koks Leben erforscht, seine Musik wiederentdeckt und schließlich eine CD mit seinen Werken produziert hat.

Leo Kok Enfance (Schmucktitelblatt) | Bildquelle: Jacqueline Kiang Bildquelle: Jacqueline Kiang Leo Kok war Niederländer, geboren am 24. November 1893 in Amsterdam. Musik studiert hat er bei Willem Pijper am Königlichen Konservatorium in Den Haag. Neben seiner Tätigkeit als Komponist hat Kok vor allem Tänzer am Klavier begleitet, darunter die bedeutende Ausdruckstänzerin Charlotte Bara, deren wichtigster musikalischer Partner er wurde. Gemeinsam traten die beiden in Baras "Teatro San Materno" auf, das sich zur ersten Kulturadresse Asconas und zu einem Treffpunkt der sagenumwobenen Bohème des Monte Verità entwickelte. Außerdem waren sie maßgeblich an dem Festspiel "Der Triumph der Kamelie" beteiligt, dem Höhepunkt des alljährlich auf der Piazza Grande in Locarno gefeierten "Kamelienfestes".

Leo Kok war Pazifist. Im Ersten Weltkrieg hatte man ihn als Kriegsdienstverweigerer interniert, im zweiten Krieg dann wurde er aktiv, und zwar in der französischen Résistance. Kok gehörte zu den mutigen Menschen, die Flüchtlingen auf ihrem Weg ins neutrale Portugal halfen, in den Pyrenäen auf illegale Weise heimlich über die grüne Grenze nach Spanien zu gelangen. Als die Gestapo eines Tages in seiner Pariser Wohnung auf im Klavier versteckte Résistance-Dokumente stieß, wurde Kok verhaftet, gefoltert und ins Konzentrationslager Buchenwald verschleppt. 

Nach seiner Befreiung kehrte Kok nach Ascona zurück und eröffnete dort ein Antiquariat, die "Libreria della Rondine", die sich bald zu einem internationalen Treffpunkt für Intellektuelle und Künstler entwickelte. Wegen der dauerhaften Verletzungen an den Händen, die er durch die Folter der Nazis erlitten hatte, konnte er nicht mehr am Klavier auftreten. Aber er komponierte wieder, meist für das Marionettentheater in Ascona.

Am 7. August 1992 starb Leo Kok, fast 99 jährig, in Ascona. Seine Asche wurde nach Paris gebracht und in die Seine gestreut.

Im "Thema der Woche" hören Sie Lieder und Klaviermusik von Leo Kok aus den Jahren zwischen den beiden Weltkriegen.

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