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Mittagsmusik - Thema der Woche Ballett statt Belcanto - Tanzszenen in Opern

Pause für den Gesang: Neben Ouvertüren und Vorspielen, Entr‘actes und Intermezzi gehören Balletteinlagen zu den optionalen rein instrumentalen Partien der eigentlich genuin vokal-instrumentalen Gattung Oper. In der Mittagsmusik fünf Beispiele.

Edgar Degas - Ballettsaal der Oper in der Rue Le Peletier | Bildquelle: picture-alliance/dpa

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Wenn die Primadonna ihre Arie verhaucht hat und ihre Lippen schweigen, wenn der Heldentenor sein hohes C geschmettert hat und abtritt, wenn auch der Chor momentan nichts mehr zu verkünden hat und von der Bühne verschwunden ist, wenn also der Belcanto vorläufig verstummt, dann ist in der Oper die Zeit des Intermezzos oder des Balletts gekommen. Natürlich hat oder muss nicht jede Oper ein Intermezzo und eine Balletteinlage haben. Das Intermezzo ist vor allem eine Spezialität der Opern des italienischen Verismo, das Ballett eine des französischen Grand Opéra. Dort war die Balletteinlage nicht optional, sondern obligatorisch - eine Pflicht für alle Komponisten, Librettisten, Choreographen und Regisseure, ob sie nun Franzosen waren oder aus dem Ausland kamen. Der Gattungskanon forderte dies. Und auch das Pariser Publikum erwartete es: Der Auftritt des Corps de Ballet war als attraktive Show-Einlage ein essentieller Bestandteil der Abendunterhaltung der Opernbesucher - nicht nur für ältere Herren, die es liebten, mit ihren Operngläsern lüstern den Blick auf die Beine der Tänzerinnen zu richten. Bezeichnenderweise wird das Ballett im Grand Opéra vielfach "Divertissement" (unterhaltsamer Zeitvertreib) genannt.

Ballett im Grand Opéra

Pariser Oper Grand Garnier | Bildquelle: picture-alliance/dpa Bildquelle: picture-alliance/dpa Der Grand Opéra (Oper ist im Französischen männlich) verkörpert den repräsentativen, großformatigen Operntypus im Musiktheater Frankreichs. Er entstand nach der Revolution von 1789, erlebte seine Hochblüte im 19. Jahrhundert und verschwand allmählich während des Ersten Weltkriegs und der Jahre danach. Ein Grand Opéra war streng definiert und organisiert, auch wenn sich seine Konturen im Laufe der Zeit verwischten. Idealtypisch besteht er aus fünf Akten, wobei deren Länge und die Pausen dazwischen streng festgelegt waren. Ort und Zeitpunkt der Balletteinlage in Gestalt eines ausgedehnten Divertissements liegen frühestens im II., vorzugsweise aber im III. Akt - und zwar nach dem Gattungskanon genau dort und nirgendwo anders. Wer sich seinerzeit nicht daran hielt, der bekam Ärger.

Ein Skandal - Das Ballett zum falschen Zeitpunkt

So Richard Wagner. Als er 1860 seinen bereits 1845 vollendeten und in Dresden uraufgeführten "Tannhäuser" für eine Produktion in Paris (auf Einladung von Napoleon III.) vorbereitete, musste er die Oper gemäß der Tradition des französischen Musiktheaters und den Erwartungen des Pariser Publikums bearbeiten und ein Ballett integrieren. Wagner lehnte dies zunächst kategorisch ab, tat es aber dann doch widerwillig. Als Ballett komponierte er das sogenannte "Venusberg-Bacchanal" hinzu, positionierte es aber nicht im II. oder III. Akt, sondern aller Konventionen des Grand Opéra zum Trotz gleich am Beginn der Oper, unmittelbar nach der Ouvertüre. Es passierte, wie es kommen musste: Die Verlegung der Tanzeinlage an den Anfang wurde vom Pariser Publikum nicht goutiert und löste bei der Aufführung am 13. März 1861 einen veritablen Theaterskandal aus. Angeheizt wurde er vom einflussreichen Jockey-Club, einer Gesellschaft von Pariser Dandys und Salon-Löwen, die eine Vielzahl von Logen der Oper angemietet hatten und deren Gewohnheit es war, erst nach dem Diner ins Theater zu gehen - nicht in erster Linie der Musik wegen, sondern vor allem wegen der Tänzerinnen des Balletts, von den so manche zu ihren Mätressen gehörten. Wagner hatte es gewagt, die Abend-Agenda des Jockey-Clubs durcheinander zu bringen…

Ballett als "Couleur locale"

Die Ballett-Begeisterung hat in Frankreich freilich eine lange Tradition. Von alters her spielt das Ballett eine herausragende Rolle im französischen Musiktheater. Der Opéra-Ballet beispielsweise, ein Typus des Musiktheaters, der gleichermaßen von Gesang und Tanz durchzogen ist, war vom späten 17. Jahrhundert bis zum Ende des 18. Jahrhunderts in Frankreich höchst populär. Dennoch: Die Pflicht, auch jenseits des Genres der Ballett-Oper in jede Oper ein Ballett einzubauen und dies auch noch mit der genauen Vorgabe eines Zeitpunktes im Ablauf der Handlung - dies war nicht nur für Wagner ein Ärgernis, sondern auch für andere Komponisten und Librettisten. Ging es ihnen doch darum, die Handlung permanent voranzutreiben, sozusagen den dramatischen Faden kontinuierlich gespannt zu halten. Das Ballett war jedoch in den meisten Fällen kein Handlungsträger im Sinne der Dramatis Personae, der Personen der Handlung. Für seinen Einsatz bestand insofern zumeist keine dramaturgische Notwendigkeit. Eine Lösung des Problems, das Ballett sinnvoll zu integrieren, bestand darin, es zur Schilderung, Charakterisierung oder Ausmalung des Schauplatzes der Opernhandlung einzusetzen. Victor Hugo hatte im Vorwort seines Theaterstücks "Cromwell" 1827 die bühnenästhetische Forderung nach einer "Couleur locale" erhoben, nach der Beschwörung eines Lokalkolorits, das das Publikum gleichsam an den jeweiligen Handlungsort versetzte. Im Musiktheater war dafür die große Balletteinlage das ideale Medium.

Meisterstücke des musikalischen Folklorismus

Der Bühnenausstatter konnte mit der folkloristischen Kostümierung der Tänzerinnen und Tänzer sowie mit Requisiten und Bühnenbild das gewünschte Ambiente suggerieren. Der Choreograph konnte die entsprechenden Volkstänze inszenieren. Und der Komponist konnte die musikalische Folklore des jeweiligen Landes oder Gebietes adaptieren - deren Melodien, Rhythmen und diversen Klangfarben. Viele Opern-Ballettmusiken sind Meisterstücke einer brillant orchestrierten symphonischen Folklore und haben sich später aus ihrem theatralischen Kontext gelöst und im Konzertsaal verselbstständigt. In der Mittagsmusik Anfang März präsentieren wir Ihnen im Thema der Woche jeden Tag eine dieser Ballettmusiken - komponiert für den Grand Opéra von Camille Saint-Saëns, Giuseppe Verdi, Karl Goldmark, Gioacchino Rossini und Jules Massenet.

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