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Mittagsmusik - Thema der Woche Der Klassik-Popularisierer - Herbert von Karajan zum 30. Todestag

Vielleicht war er der größte Dirigent des 20. Jahrhunderts, sicherlich aber war er der populärste: Herbert von Karajan – wie kaum ein anderer trug er zur massenhaften Verbreitung von Klassik bei. Am 16. Juli 1989, vor dreißig Jahren, ist er gestorben.

Herbert von Karajan dirigiert die Berliner Philharmoniker | Bildquelle: © picture-alliance/dpa

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"Mozart kam in Salzburg zur Welt, der Geburtsstadt Herbert von Karajans." Das berühmte Wiener Bonmot brachte es auf den Punkt: Karajan war in großen Teilen der Bevölkerung bekannter als die Komponisten, deren Werke er dirigierte. Und die Plattenlabels (und ihr Dirigent) machten sich diese Tatsache zu Nutze. Als die Deutsche Grammophon Gesellschaft 1964 Karajans erste Einspielung von Igor Strawinskys "Le Sacre du Printemps" veröffentlichte, da prangten auf dem berühmten Gelbetikett (über dem Gemälde eines barbusigen Mädchens) in riesigen, fetten Großbuchstaben der Name Herbert von Karajan und darunter - in minimal kleineren Lettern - der Name Berliner Philharmoniker. Nur ganz klein, und nur beim ersten Buchstaben groß geschrieben, standen dazwischen der Name des Komponisten (ohne Vornamen!) und der Titel des Werks. In der gleichen Art gestaltet (nun aber auch noch mit einem Bild des Dirigenten) war das Cover der Deutschen Grammophon von Karajans erster Einspielung der 1. Symphonie von Brahms mit den Berliner Philharmonikern, die ebenfalls 1964 erschien: Der Komponistenname und der Werktitel stehen im Kleingedruckten zwischen dem Namen des Dirigenten und des Orchesters im Großformat. Das Marketing der Deutschen Grammophon wusste, dass ein breites Kundenpotential die Platten nicht wegen der darauf eingespielten Werke erwerben würde, sondern nur weil hier Karajan (und die Berliner Philharmoniker) zu hören waren.

"Maestro der Millionen"

Karajan wurde damals auf dem Gebiet der Klassik zu einem Beispiel für ein Phänomen, das in der Pop- und Unterhaltungsmusik die Regel ist: Der Interpret steht im Vordergrund, er ist die Hauptsache, der Komponist steht im Hintergrund, er ist nur eine Nebensache. Wer weiß oder wen interessiert es, dass Frank Sinatras "New York, New York" John Kander komponierte, dass Marylin Monroes "Diamonds are a Girl's Best Friends" von Jule Styne stammt oder dass viele Schlager Helene Fischers von Jean Frankfurter geschrieben wurden? Ebenso war es vielen Karajan-Fans seinerzeit gleichgültig, wer komponiert hatte, was er dirigierte - Hauptsache er dirigierte und war zu sehen. Spätestens seit Anfang der 1960er Jahre bis noch weit in unsere Zeit hinein war Karajan so populär wie die populärsten Pop-Stars, sein Name im kollektiven Bewusstsein fest verankert. Auf der Straße oder wo auch immer konnte man jeden x-Beliebigen nach Herbert von Karajan fragen - jeder kannte diesen Namen. Er war der "Maestro der Millionen", wie ihn "Der Spiegel" einmal nannte. Bis heute ist dies keinem anderen Dirigenten in diesem Ausmaß gelungen. Fragen Sie dieser Tage jemanden in der U-Bahn nach Kirill Petrenko (Chef der Berliner Philharmoniker), Simon Rattle (Chef des London Symphony Orchestra) oder Jaap van Zweden (Chef der New Yorker Philharmoniker). Wohl nur Klassikliebhaber und sonstige Kunst- und Kulturbeflissene werden diese Namen kennen. Der breiten Masse sind sie nicht bekannt.

"Das Wunder Karajan"

Geboren wurde Karajan noch während der Donau-Monarchie - im Jahr 1908 in Salzburg als Sohn eines Chirurgen mit griechischen Vorfahren und einer Mutter, deren Familie aus Slowenien stammte. Ab 1912 erhielt er Klavierunterricht, von 1916 bis 1926 absolvierte er ein Studium am Salzburger Mozarteum bei Franz Ledwinka (Klavier) und Bernhard Paumgartner (Komposition). Nach dem Abitur ging er nach Wien, wo er an der Technischen Hochschule Maschinenbau und an der Musikakademie Dirigieren bei Franz Schalk und Komposition bei Franz Schmidt studierte. Seine berufliche Laufbahn begann Karajan 1927 als Theaterkapellmeister in Ulm, 1934 avancierte er zum seinerzeit jüngsten Generalmusikdirektor Deutschlands - eine Position, die er sich mit dem Eintritt in die NSDAP gleichsam "erkauft" hatte. Karajan war damals noch keine Dreißig und hatte lediglich regional, geschweige denn international irgendeinen Namen. Die große Karriere zeichnete sich erst gegen Ende der 1930er Jahre ab - nach ersten Gastdirigaten bei den Berliner Philharmonikern und nach jener spektakulären Aufführung von "Tristan und Isolde" an der Berliner Staatsoper im Oktober 1938, in deren Folge der Kritiker Edwin von der Nüll für die "Berliner Zeitung am Mittag" eine enthusiastische Rezension schrieb. Ihre Schlagzeile sollte zu einem zahllose Male zitiertem Wort werden: "Das Wunder Karajan".

Smart, stylish, sexy

Herbert von Karajan mit seiner Ehefrau Eliette im Bikini in St. Tropez | Bildquelle: © picture-alliance/dpa Herbert von Karajan mit seiner Ehefrau Eliette im Bikini in St. Tropez | Bildquelle: © picture-alliance/dpa Als Karajan dann in der frühen Nachkriegszeit seine eigentliche Weltkarriere startete, repräsentierte er einen ganz neuen Typus des "klassischen" Musikers. Unter den Kapellmeistern gehörte er nicht zu den erhaben-ehrwürdigen Herren der "alten Schule". Er war smart, stylish, sexy - ein Skifahrer und Bergsteiger, hatte ein Faible für schnelle Sportwagen und Motorräder, konnte segeln und ein Flugzeug und einen Hubschrauber fliegen, trug extravagante Frisuren und war umgeben von attraktivsten Frauen. Vor allem aber war er ein grandioser Musiker mit einem schier gigantischen Repertoire von fast beispielloser Vielfalt. Die Karajan-Fans, die bis zuletzt die Aufnahmen ihres Idols sammelten und seine Konzerte und Opernaufführungen besuchten, entwickelten sich zwangsläufig zu Kennern der abendländischen Musikgeschichte - von Bach bis Offenbach, von Monteverdi bis Verdi, von Gabrieli  und Vivaldi bis Messiaen und Nono: Karajan der Klassik-Popularisierer.

Der "populäre" Karajan

Grace Bumry bei Dreharbeiten zu dem Film "Carmen" unter der Leitung von Herbert von Karajan | Bildquelle: © picture-alliance/dpa Grace Bumry bei Dreharbeiten zu dem Film "Carmen" unter der Leitung von Herbert von Karajan | Bildquelle: © picture-alliance/dpa In der Woche, in der sich Karajans Todestag zum 30. Mal jährt, steht der Dirigent als Thema der Woche auch in der Mittagsmusik im Zentrum - nicht zuletzt weil ihn einer seiner Eigenschaften für das Format dieser Sendung prädestiniert: Wie kein anderer prominenter Dirigent seiner Zeit - abgesehen von Leonard Bernstein - hatte Karajan eine ausgesprochene Vorliebe für das Musikalisch-Populäre, für die Musik der leichten Muse. Bei Bernstein, dem US-Amerikaner, waren es der symphonische Jazz und das Broadway-Musical. Bei dem noch in der Donau-Monarchie aufgewachsenen Österreicher Karajan waren es vor allem die spezifischen Formen und Gattungen der "Semi-Klassik" jener Ära. Die Walzer, Polkas und Märsche der Wiener Strauß-Dynastie hat er zeitlebens gewissermaßen "rauf und runter" dirigiert, in Konzerten aufgeführt und mehrfach auf Platte eingespielt. Dies war freilich nur im Ausmaß ungewöhnlich, denn auch von anderen Dirigenten wurde und wird dieses Repertoire ab und an (zum Beispiel in den Neujahrskonzerten der Wiener Philharmoniker) gepflegt. Zu Karajans festem Repertoire gehörten aber auch viele Ouvertüren und andere Orchestermusik von Jacques Offenbach und Franz von Suppé, Chopin-Klavierstücke in der Orchestrierung von Roy Douglas sowie zahlreiche Intermezzi und Ballettmusiken aus Opern. Hinzu kamen viele andere "Orchestral Lollipops", wie die Engländer effektvolle Orchesterstücke des leichteren Genres nennen.

Operetten-Gesamtaufnahmen und Marschmusik vom Feinsten

Herbert von Karajan bei einer Probe zu "Die Fledermaus" von Johann Strauß. Wiener Staatsoper. 1960 | Bildquelle: © picture-alliance/dpa Herbert von Karajan bei einer Probe zu "Die Fledermaus" von Johann Strauß. Wiener Staatsoper. 1960 | Bildquelle: © picture-alliance/dpa Tatsächlich ohne Pendant bei den Dirigenten-Kollegen seiner Zeit war Karajans Vorliebe für die Operette: Gleich zwei Mal - 1955 und 1960 - hat er die "Fledermaus" komplett aufgenommen, und 1972 folgte dann die hochkarätig besetzte Gesamteinspielung von Franz Lehárs Operetten-Welterfolg "Die lustige Witwe" - ein Komponist und ein Werk, die damals noch jenseits vom Repertoire aller "klassischer" Konzert- und Theaterdirigenten lagen. Und auch eine absolute Kuriosität findet sich im "populären" Repertoire beziehungsweise in der "populären" Diskographie des Dirigenten. Es ist das Doppelalbum mit nicht weniger als einunddreißig preußischen und österreichischen Märschen, die Karajan 1973 mit den Bläsern und der Schlagzeug-Gruppe der Berliner Philharmoniker einspielte - Marschmusik vom Feinsten, auf höchstem interpretatorischen Niveau.

"Mir fehlt er sehr!"

Als Marcel Prawy wenige Jahre nach Karajans Tod in einem dreiteiligen Fernseh-Porträt Leben und Wirken des Dirigenten nachzeichnete, ließ er am Ende eine Reihe von Prominenten mit kurzen Äußerungen über Karajan zu Wort kommen. Prawy selbst schloss lapidar mit den Worten: "Mir fehlt er sehr". Heute, dreißig Jahre nach seinem Tod, fehlt Herbert von Karajan unserer gesamten klassischen Musikkultur, oder sollte man sagen, es fehlt ihr eine Persönlichkeit wie Karajan - eine Persönlichkeit, die durch ihre Kunst, ihre Erscheinung, ihre Ausstrahlung, ihr Charisma, ihren Lebensstil auch das Interesse solcher Leute erweckt, die sich ansonsten (noch) nicht für Klassik interessieren. Man sagt, die Zeit der Dirigenten-Autokraten wie Karajan sei heute vorbei. In Wahrheit gibt es die Autokraten unter den Dirigenten auf der Szene der historischen wie der modernen Aufführungspraxis nach wie vor, genauso wie die zeitgemäßen "netten Jungs von nebenan". Mit Karajan haben beide Typen nur wenig gemeinsam. Würde Karajan heute noch leben, er würde wöchentlich nicht nur die Feuilletons füllen, sondern auch die Blätter und Illustrierten der Boulevardpresse und dadurch seine Kunst - die Klassik - in eine massenhafte Öffentlichkeit tragen und deren Interesse erwecken. Karajan - der Klassik-Popularisierer.

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