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Mittagsmusik - Thema der Woche Musikalische Chinoiserien

Zauber des Fernen, der Reiz des Fremdartigen, exotische Klänge aus exotischen Ländern – wenn die Musik dabei pentatonisch „klingelt“, dann ist zumeist China das Objekt des Fernwehs. In der Mittagsmusik dieser Woche fünf tönende Chinoiserien.

Trommelturm, Gu Lou, China | Bildquelle: picture-alliance/dpa

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Durch die Reisen Marco Polos erfuhr man in Europa seit der Mitte des 17. Jahrhunderts mehr und mehr über das bis dato im Abendland noch unbekannte China - damals eine rätselhafte Terra Incognita in unerreichbarer Ferne. Bald malte man sich ein idealisiertes Bild von dem riesigen Reich der Mitte. Idyllisch und pittoresk wollte man es sehen, bevölkert von Menschen, die der Vorstellung nach alle literarisch und philosophisch gebildet waren. Voltaire verklärte China Mitte des 18. Jahrhunderts zu einem von aufgeklärten Gelehrten regierten Utopia. Durch Importe kamen in England zur gleichen Zeit Porzellan, Möbel und Seide aus China in Mode. Zunehmender Beliebtheit erfreuten sich chinesische Motive und Ansichten - von Bergen und Seen, Pagoden und Pavillons, Gärten und Parks und von Menschen mit exotischen Gesichtern, Gewändern und Frisuren. Kunst und Kunstgewerbe reagierten auf die neue Vorliebe für das Fernöstliche: Chinoiserien sind in der europäischen Kunst seit dem 18. Jahrhundert Arbeiten im chinesischen Stil - Zeichnungen und Malereien in klein und groß wie manche Fresken von Tiepolo oder manche Gemälde von François Boucher. Auch architektonische Kleinodien wie das Chinesische Teehaus im Park Sanssouci von Potsdam oder imposante Bauten wie das Schloss Pillnitz bei Dresden oder der Chinesische Turm im Englischen Garten gehören dazu sowie kunstgewerbliche Miniaturen aller Art - Stickereien, Flechtwerke, Schnitzereien.

Begeisterung für das Exotisch-Fernöstliche

Madam Butterfly | Scala Mailand2016 | Bildquelle: picture-alliance/dpa Madam Butterfly | Scala Mailand 2016 | Bildquelle: picture-alliance/dpa Auch in der abendländischen Musik kennt man die Chinoiserie, zumal im Zuge des Exotismus-Fiebers, der Begeisterung für alles Fremde und Ferne am Fin de Siècle des 19. Jahrhunderts und in der ersten Zeit des 20. Jahrhunderts. Debussy und Ravel holten mit ihrer Musik immer wieder den Fernen Osten herbei, Puccini beschwor ihn mit seiner Oper "Madame Butterfly", und selbst Gustav Mahler vertonte mit seiner Symphonie für Gesangsstimmen und Orchester "Das Lied von der Erde" altchinesische Lyrik. Natürlich wurde auch die leichte Muse von diesem Exotismus-Fieber ergriffen - die Salon- und Unterhaltungsmusik inklusive der Operette: Mit seinem "Land des Lächelns" schuf Franz Lehár gleich eine ganze "China-Operette", wie man sie nannte.

Im Reich der Pentatonik

Will man chinesisch komponieren, so gibt es dafür ein unfehlbares Mittel: die Pentatonik (die Fünftönigkeit), ein Tonsystem, das sich nicht wie unser herkömmliches aus zwölf, sondern aus nur fünf Tönen speist. Pentatonik begegnet man in der chinesischen Musik, aber auch in vielen anderen außereuropäischen Musikkulturen ist sie heimisch - zum Beispiel in Afrika, Ozeanien, Indonesien und Japan. Dabei gibt es Pentatonik mit und ohne Halbtöne. Die japanische Fünftonleiter und die Pentatonik der Musik von Bali beispielsweise haben auch Halbtöne. Die chinesische Pentatonik hat dagegen nur Ganztöne. Keine Halbtöne, keine Chromatik. Sie ist auch die bekannteste, die typischste. Bezeichnenderweise nennt man in Frankreich diese pentatonische Tonleiter "Gamme chinois" (Chinesische Tonleiter). Auf dem Klavier entspricht sie den jeweils fünf schwarzen Tasten einer Oktave, und wenn man ausschließlich auf diesen schwarzen Tasten spielt, so klingt es gleichsam chinesisch wie von selbst. Die halbtonlose chinesische Pentatonik bildet denn auch die Grundlage, die wichtigste Zutat jeder musikalischen Chinoiserie, so wie Soja und Bambus unverzichtbarer Bestandteil der chinesischen Küche sind. Wenn westliche Komponisten also chinesisch schreiben, bedienen sie sich fast stets dieser Pentatonik - oft in Kombination mit einem leichten, zierlichen, flinken Bewegungsgestus und hellen Klangfarben wie sie von den hohen Lagen des Klaviers und von Instrumenten wie Piccolo, Flöte, Oboe oder Celesta im Orchester kommen. In der Mittagsmusik aus dem Studio Franken Anfang Oktober präsentieren wir Ihnen jeden Tag eine aus diesen und anderen Zutaten gemachte musikalische Chinoiserie - von Gustav Mahler, Peter Tschaikowsky, Paul Hindemith, Fritz Kreisler und Maurice Ravel.

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