BR-KLASSIK

Inhalt

Mittagsmusik - Thema der Woche "À l’espagnole?" – "En espagnol!" - Komponieren auf die wahre spanische Art

Imitation oder Original? Nachgemacht oder echt? Ist in dieser oder jener Partitur, auf der Spanien steht, auch wirklich Spanien drin? In der Mittagsmusik: Ein Ausflug in den spanisch-musikalischen Folklorismus – authentisch und nach der Art von…

Flamenco-Tänzerinnen in Sevilla | Bildquelle: picture-alliance/dpa

Bildquelle: picture-alliance/dpa

Mehr als jemals zuvor scheint man heutzutage das Originale, das Echte und Wahre zu favorisieren. Man will im Restaurant echte fränkische, französische, thailändische oder welche "echte" Küche auch immer genießen. Man will im Urlaub die wahre Lebensart eines Landes kennen lernen. Und der Musikliebhaber, der etwas auf sich hält, will Alte Musik im Originalklang hören: Albinoni bis Zelenka historisch informiert und nicht im modernen Klanggewand der ahnungslosen Altvorderen.

Nach Spanien

Die Besinnung auf das Echte und Wahre, auf das Originale und Authentische ist freilich keine Sache unseres 21. Jahrhunderts allein. Sie durchzieht auch die Geschichte der abendländischen Musik. Virulent wurde sie in der spanischen Musikgeschichte des späten 19. und beginnenden 20. Jahrhunderts. Wir erinnern uns: Mit dem Verlust der Weltmachtposition in der ersten Hälfte des 17. Jahrhunderts hatte Spanien auch seine Position als Zentrum der Künste verloren, die das Land im "Siglo de Oro" durch herausragende Leistungen in Literatur, Malerei und Musik eingenommen hatte. Am augenfälligsten stagnierte die Fortentwicklung der spanischen Kunstmusik, die auf dem Terrain der Vokalpolyphonie und der Instrumentalmusik durch Komponisten wie Antonio de Cabezón, Christóbal de Morales, Luis de Narváez oder Tomas Luis de Victoria in jenem "Goldenen Zeitalter" eminente kompositionsgeschichtliche Bedeutung gewonnen hatte. In den folgenden 200 Jahren geriet Spanien in musikalischer Hinsicht zu einer Provinz Italiens. Abgesehen von der Zarzuela, einer spanischen Variante des deutschen Singspieles und der französischen Operette, beherrschte die italienische Oper die Theater, die Ausbildung eines lebendigen Konzertwesens wie in anderen europäischen Ländern unterblieb, und die Anwesenheit prominenter italienischer Komponisten auf der iberischen Halbinsel wie Scarlatti und Boccherini schien eigene überflüssig zu machen.

Neue Weltgeltung nach zwei Jahrhunderten

Isaac Albéniz | Bildquelle: picture-alliance/dpa Isaac Albéniz | Bildquelle: picture-alliance/dpa In der Folge wurde Spanien zu einem beliebten touristischen Ziel ausländischer Komponisten, die ihre Reiseimpressionen dann in Orchesterwerken und Opern auskomponierten. Dazu gehören die Russen Michail Glinka und Nikolai Rimskij-Korsakow und die Franzosen Alexis Emmanuel Chabrier und Jules Massenet. Georges Bizet schrieb seine "Carmen" ohne Spanien je gesehen zu haben. Bei den Spaniern selbst kamen erst gegen Ende des 19. Jahrhunderts Bewegungen in Gange, die auf die Kreation einer neuen, eigenständigen Musik in Spanien zielten. Intellektueller Promoter für die Erneuerung und Wiedererstarkung der schöpferischen spanischen Musikkultur wurde der katalanische Komponist, Musikologe und Essayist Felipe Pedrell. Sein künstlerisches Programm beinhaltete die Entwicklung einer genuin spanischen Kunstmusik auf der Basis des unerschöpflichen und einzigartigen Schatzes an Folklore bei gleichzeitiger Verarbeitung der modernen internationalen musikalischen Tendenzen. Unter Pedrells maßgeblichem Einfluss kreierten Isaac Albéniz, Enrique Granados, Manuel de Falla und Joaquin Turina am Anfang des 20. Jahrhunderts eine gleichermaßen international bedeutsame wie im Ton unverkennbare spanische Kunstmusik, die dem Land nach dem "toten" Zeitraum von 200 Jahren wieder musikalische Weltgeltung verschaffte.

"In Spanisch" oder "auf spanische Art"

Manuel de Falla  | Bildquelle: picture-alliance/dpa Manuel de Falla | Bildquelle: picture-alliance/dpa Manuel de Falla, der in Cádiz geborene Andalusier, avancierte im Zuge dieser Entwicklungen zum größten spanischen Komponisten. Dezidiert zielte er in seiner Musik auf das spanisch Unverfälschte und Authentische. Dabei unterschied er streng zwischen zwei kompositorischen Ansätzen: dem Komponieren "en espagnol" (in Spanisch), womit er ein Komponieren auf der Grundlage der echten spanischen Folklore meinte, und dem bloßen Komponieren "à l'espagnole" (auf spanische Art), womit der den pittoresk charakterisierenden Folklorismus von Bizet, Glinka oder Rimskij-Korsakow meinte. Den Rückgriff auf spanische Tänze wie die Habanera oder den Bolero vermied de Falla. Diese waren für ihn durch jenen Pseudo-Folklorismus der Romantik zum Klischee erstarrt. Was dem "petit Espagnol tout noir" (dem kleinen, ganz schwarzen Spanier) - wie Debussy de Falla nannte - vorschwebte, war etwas anderes: Ein authentischer Nationalfolklorismus im Geist des Flamenco, zumal in seiner Spielart des "Cante jondo", einer alten, auf byzantinischen und arabischen beziehungsweise auf Melodien der in Spanien lebenden Sinti und Roma basierenden Volksmusik.

Manuel de Fallas Gegensatzpaar vom Komponieren "in Spanisch" und "auf spanische Art" liefert das Motto für unseren Streifzug durch die von Spanien inspirierte Kunstmusik des späten 19. und frühen 20. Jahrhunderts: "À l'espagnole?" - "En espagnol!" Komponieren auf die wahre spanische Art.

    AV-Player