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Mittagsmusik - Thema der Woche Werner Müller zum 20. Todestag

Er war einer der ganz Großen der Unterhaltungsmusik-Kultur der Nachkriegszeit: Werner Müller, der mit seinem RIAS-Tanzorchester einen unwiderstehlichen Sound kreierte – elektrisierend, charmant, mitreißend. In der Mittagsmusik 5 mal 2 Highlights.

Der deutsche Orchesterleiter, Komponist und Dirigent Werner Müller in Hamburg 1956 | Bildquelle: picture-alliance/dpa

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Nach wie vor ist das Klang-Design modern, unverwechselbar und unwiderstehlich zugleich. Im Kern besteht es aus der Kombination von "modernem" Big-Band-Sound und "klassischem" Streicherklang zu einer Art semi-symphonischer Unterhaltungs- und Tanzmusik von perfektem Finish im Arrangement. Der Streicher spielen dabei verschiedene Rollen: Manchmal setzen sie einem Big-Band-Riff aus swingender Basslinie und markanten, messerscharfen Bläsersätzen gleichsam einen mild leuchtenden "Heiligenschein" auf, manchmal verleihen sie aber auch jenen knallharten Bläsersätzen eine schier weißglühende Leuchtkraft und Intensität, und manchmal übernehmen die Streicher auch die Melodieführung. Wie dem auch sei: "Swing mit viel String" - auf diese bündige Formel brachte Werner Müller selbst jene Klangkombinationen, nach denen in den Fünfziger Jahren viele regelrecht süchtig waren.

"Blende auf"

Das Werner Müller Orchester landet abends auf dem Flughafen Hamburg und gibt ein Spontankonzert, Deutschland 1950er Jahre. | Bildquelle: picture-alliance/dpa Das Werner Müller Orchester | Bildquelle: picture-alliance/dpa Werner Müller und das RIAS-Tanzorchester - über Jahrzehnte prägten sie mit ihrem spezifischen Sound nicht nur das Programm des RIAS in Berlin, des Rundfunks im amerikanischen Sektor der geteilten Stadt. Auch das Kino, das Fernsehen und andere Rundfunkanstalten setzten die Formation unter ihrem Leiter vielfach an exponierter Stelle ein. "Blende auf", eine Eigenkomposition Müllers im Stil einer explosiven semi-symphonischen Big-Band-Nummer, erklang bei Radio Wien des ORF nicht weniger als 42 Jahre lang täglich als Kennmelodie der Sendung "Autofahrer unterwegs". Ein anderes, nicht weniger fetziges Instrumental - "Sport und Musik", komponiert von Lothar Brühne, arrangiert von Werner Müller - begleitete über Jahre die Sportnachrichten der "Wochenschau" im Kino und fungierte als Opener der "Sportrundschau" von Radio Bremen sowie der gleichnamigen Sendungen "Sport und Musik" im Hessischen Rundfunk und im Bayerischen Rundfunk. Werner Müller und sein Klangideal wurden seinerzeit zu einem Bestandteil des kollektiven musikalischen Bewusstseins, heute ist der Musiker längst eine Legende.

Mozart und die Militärmusikschule

Geboren wurde Werner Müller am 2. August 1920 in Berlin. Dort, im bevölkerungsreichen Stadtteil Kreuzberg, wuchs er auf. Afrika-Forscher oder Arzt wollte er als Kind werden. Der Vater erkannte die musikalische Begabung und ließ seinen Sohn Klavier- und Geigenunterricht nehmen. Schnell machte der Fortschritte: Bereits im Alter von zehn Jahren trat Werner Müller als Solist mit einem Violinkonzert von Mozart auf. Ab 1936 besuchte er dann die Militärmusikschule in Bückeburg. Dort lernte er auch noch Posaune, die zu seinem eigentlichen Instrument werden sollte. Im Zweiten Weltkrieg hatte Werner Müller Glück: Den Kriegsdienst leistete er in einem Musikkorps der Wehrmacht ab, schloss dort Freundschaft mit dem späteren Unterhaltungsmusik- und Jazzgeiger Helmuth Zacharias, mit dem er in der Nachkriegszeit viele Aufnahmen und Auftritte absolvieren sollte, und er geriet nicht in russische, sondern in amerikanische Kriegsgefangenschaft, in der er weiter sein Faible für swingenden Jazz pflegen konnte.

Mit dem Posaunenkasten unter dem Arm

Aussenansicht Rias-Funkhaus um 1960 | Bildquelle: picture-alliance/dpa Aussenansicht Rias-Funkhaus um 1960 | Bildquelle: picture-alliance/dpa Mit dem Posaunenkasten unter dem Arm kehrte Werner Müller 1946 aus der US-amerikanischen Gefangenschaft nach Berlin zurück und begann seine professionelle Musikerlaufbahn als Arrangeur und Erster Posaunist des Orchesters Kurt Widmann. Als die "heißeste" Big-Band Deutschlands galt damals die Formation von Kurt "Kutte" Widmann, der bereits im Berlin der Dreißiger Jahre zu einem Swing-Idol avanciert war und nach Kriegsende schnell wieder Anschluss an sein Publikum finden konnte. Nach zwei Jahren bei Widmann wechselte Werner Müller zum RIAS, der im Februar 1946 als DIAS (Drahtfunk im amerikanischen Sektor) seinen Sendebetrieb aufgenommen hatte. Ernst Verch, der Leiter der Abteilung Tanzmusik und Jazz im Sender, und Harry Frommermann, der einstige Gründer und Sänger der Comedian Harmonists, der nach der Emigration unter dem Namen Harry Frohman als Program Officer der US-Army für den Rundfunk nach Berlin zurückgekehrt war, wollten eine eigene RIAS-Big-Band zusammenstellen und schlugen Werner Müller als Leiter vor.

Von Berlin nach Köln - Vom RIAS zum WDR

Der deutsche Jazz- und Schlagersänger, Pianist, Schlagerkomponist und Schauspieler Bully Buhlan in einem Schallplattengeschäft, Hamburg 1954. | Bildquelle: picture-alliance/dpa Der deutsche Jazz- und Schlagersänger, Pianist, Schlagerkomponist und Schauspieler Bully Buhlan | Bildquelle: picture-alliance/dpa Am 8. November 1948 - während der Blockade Berlins und der Luftbrücke - erfolgte die Gründung der Big-Band unter dem Namen RIAS-Tanzorchester. Es war groß disponiert: In der Standardbesetzung umfasste es 4 Trompeten, 4 Posaunen, 5 Saxophone und 4 Rhythmusinstrumente sowie ein Streicherensemble aus 18 Spielern, das jenen "Swing mit viel String" möglich machte. Werner Müller gelang es dabei erstklassige Musiker an das Orchester zu binden: Hans-Georg Arlt als Konzertmeister der Streichergruppe, den Saxophonisten Rolf Kühn, den Trompeter Macky Kasper, den Pianisten Fritz Schulz-Reichel, den Rhythmusgitarristen Arno Flor. Müller selbst leitete das Orchester bei aller Liebenswürdigkeit mit strenger Hand: "Wie ein Feldwebel und Despot forderte er eiserne Disziplin", erinnerte sich ein Musiker. In der Folge entstanden unzählige Aufnahmen für den Sendebetrieb des RIAS, mit dabei auch oft die Schlagerstars der damaligen Zeit, darunter Rita Paul und Caterina Valente, Bully Buhlan und Gerhard Wendland. Daneben unternahm das RIAS-Tanzorchester Tourneen und Gastspiele. Eine erste Tournee 1950 in die Schweiz wurde zum Ereignis, eine Japan-Tournee 1958 zur Sensation. Nach achtzehn Jahren beim RIAS in Berlin ging Werner Müller 1967 zum WDR nach Köln und übernahm dort die Leitung des Kölner Tanz- und Unterhaltungsorchesters. Auch mit diesem Ensemble realisierte er sein Klangkonzept vom "Swing mit viel String" - mehrfach führte er es mit den Streichern des WDR Rundfunkorchesters zum Großen Unterhaltungsorchester des WDR zusammen.

"Swing mit viel String"

Werner Müller starb im Alter von 78 Jahren nach langer Krankheit an den Folgen eines Krebsleidens am 28. Dezember 1998 in Köln. Zum 20. Todestag des Musikers präsentieren wir Ihnen im Thema der Woche der Mittagsmusik unter dem Motto "Swing mit viel String" jeden Tag zwei Highlights von Werner Müllers Repertoire - Instrumentals und Vokalnummern im Wechsel, hauptsächlich Eigenkompositionen und eigene Arrangements, zudem Titel anderer Komponisten, alles aber unter der Leitung von Werner Müller oder unter seiner Mitwirkung gespielt.

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