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Mittagsmusik - Thema der Woche Nueva Canción in Lateinamerika – Lieder gegen Not und Unterdrückung

Die Initiative "Tausend Gitarren für Victor Jara" | Bildquelle: picture-alliance/NurPhoto

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Manchmal ging es um die schöne Natur oder um die Liebe, meist aber um zu niedrige Löhne, Hunger und politische Verfolgung. Die Nueva Canción steht für die Verknüpfung von Musik und Politik in vielen Ländern Lateinamerikas. Ab Mitte des letzten Jahrhunderts waren dort Diktaturen an der Macht, unterstützt von den USA, die sich so ihren Einfluss in Südamerika sichern wollten.
Schlechte Arbeitsbedingungen, Armut und unzureichende Schulbildung für weite Teile der Bevölkerung waren die Konsequenz. Um mehr Gerechtigkeit für alle zu erreichen, sahen viele Musiker und Künstler das Heil in sozialistischen Bewegungen, Kuba stand Pate, in der nach der Revolution ein vorbildliches Bildungs- und Gesundheitssystem geschaffen wurde. Die politische Überzeugungsarbeit funktionierte wegen der hohen Analphabeten-Quote am besten mündlich. Und was könnte hierfür besser geeignet sein als Lieder?

Eine Schlüsselfigur in diesem Zusammenhang war der Argentinier Atahualpa Yupanqui, der auch den Anstoß zu diesem Thema der Woche gab, sein Todestag jährt sich am 23. Mai zum 25. Mal. Yupanqui, dessen Vater Indio war, die Mutter europäische Baskin, reiste als junger Mann viel durch Argentinien und sammelte die Musik der ländlichen Bevölkerung. Diese alten Lieder, die von den Gedanken und Empfindungen der Landbevölkerung erzählen, nahm Yupanqui als Grundlage für seine nuevas canciones, seine neuen Lieder.

Ich habe jedes Wort von jedem Lied abgewogen, die Klangfarbe jedes Verses, jedes Gefühls, die auf ein Lied warteten um aufzublühen.
Atahualpa Yupanqui

In der Tradition von Yupanqui bewegte sich die chilenische Musikerin und bildende Künstlerin Violeta Parra. Wie Yupanqui sammelte sie die überlieferten Gesänge der chilenischen Landbevölkerung und zog wie eine Folklore-Botschafterin von Dorf zu Dorf.
In ihrer Musik brachte Violeta Parra die andinen Instrumente wieder zum Klingen, die Bambus- und die Panflöte, und die Charango-Mandoline. Die bildende Künstlerin Parra stellte  im Pariser Louvre aus – als erste lateinamerikanische Künstlerin. Kurz vor  ihrem Tod schrieb sie das Lied „Gracias a la Vida“, das sie unsterblich machte.

Violetta Parra | Bildquelle: picture-alliance/newscom Violeta Parra | Bildquelle: picture-alliance/newscom 1965 hatte Violeta Parra in der chilenischen Hauptstadt Santiago die "Pena de los Parra" gegründet, einen Begegnungsort für Künstler, Intellektuelle und die Musiker der Nueva Canción. Sie führte ihn zusammen mit Victor Jara, der zu einem der weltweit bekanntesten Vertreter der Nueva Canción werden sollte. Jara fühlte sich dem Grundsatz der Ehrlichkeit und Glaubwürdigkeit verpflichtet, ein Lied hat eine Botschaft, der Sänger soll als Sprachrohr des Volkes fungieren.

Auch die argentinische Sängerin Mercedes Sosa berief sich auf Atahualpa Yupanqui, auf die Wiederbelebung der argentinischen Folklore, auf Formen wie Chamamé, Zamba und Chacarera.
Mit ihrer ausdrucksstarken Stimme besang sie die politische Situation, die Zensur und die Ungerechtigkeit in ganz Lateinamerika. Sosa musste Ende der 1970er Jahre ins Exil gehen – nach dem Ende der Ära Peron herrschten wechselnde Militärs – die politische Situation in Argentinien war verworren und spitzte sich bis zum Beginn der Militärdiktatur unter Jorge Rafael Videla noch weiter zu.   "Ich bin kein singendes Flugblatt" sagte Mercedes Sosa einmal, "aber als denkendes Wesen sehe ich die Widersprüche auf dieser Welt. Deshalb setze ich mich für die Menschlichkeit ein."

In Brasilien hatte das Militär schon 1964 geputscht und zwang viele Liedermacher, die sich mit den Zuständen in ihrer Heimat nicht abfinden wollten, zumindest zeitweise ins Exil.
Einer dieser Musiker ist Francisco Buarque de Hollanda, genannt Chico Buarque. Mit hintersinniger Ironie und Komik erzählt er vom Leben der kleinen Leute, schreibt und singt im Stil der Bossa Nova und des Samba. Gemeinsam mit Gilbert Gil, der 2003 Kultusminister Brasiliens wurde, schrieb Chico Buarque das Lied "Calice", das zur heimlichen Hymne gegen die brasilianische Militärdiktatur wurde.

Ich habe so viele Brüder, dass ich sie nicht zählen kann, und eine sehr schöne Schwester, die Freiheit heißt.
Atahualpa Yupanqui

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