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Mittagsmusik - Thema der Woche Ost und West, Jazz jenseits der Mauer

Am 29. September feiert der Jazzklarinettist Rolf Kühn seinen 90. Geburtstag. Mit seinem Bruder, dem Jazzpianisten Joachim Kühn, ist er in Leipzig groß geworden. 1956 geht Rolf in die USA. Als er zurückkommt, steht die Mauer und teilt Deutschland in die Bundesrepublik und die DDR. In der Mittagsmusik feiern wir nicht nur den Jubilar, sondern schauen über die damalige Mauer: Wie sah die Jazz-Szene in der DDR aus?

Rolf Kühn | Bildquelle: © Harald hoffmann

Bildquelle: © Harald hoffmann

Mit 15 hört Rolf Kühn den ersten Jazz. Damals waren noch die Amerikaner in Leipzig und spielten Musik von Benny Goodman und Co. Kühn hört eine Schallplatte mit "Halleluja" von Goodman und ist so fasziniert, dass er die Platte rauf und runter spielt und die Klarinettensoli nach Gehör lernt.
Mit 17 wird er jüngstes Mitglied im Leipziger Rundfunktanzorchester, wird später bei einem Auftritt in West-Berlin vom RIAS Tanzorchester abgeworben. Kühn bleibt also im Westen, und während er Stars wie Ella Fitzgerald oder Louis Armstrong live im Berliner Jazzclub "Badewanne" erleben kann, darbt der Jazz im Osten der Stadt vor sich hin.
In den 50er Jahren ist der Jazz in der DDR verpönt, Walter Ulbricht bezeichnet ihn als "Affenmusik des Imperialismus". In den 60er Jahren aber wendet sich das Blatt, und die DDR-Funktionäre erkennen, dass man den Jazz ideologisch verkaufen kann, um das Feindbild Amerika weiter auszubauen, nämlich als Widerstandsmusik der unterdrückten Schwarzen.

Synopsis, Ulrich Gumpert - p, Klaus Koch - b, Ernst-Ludwig Petrowsky - ts, Baby Sommer - dr, Mitte 1970er Jahre, Freilichtbühne Treptow | Bildquelle: Otto Sill Synopsis, Ulrich Gumpert - p, Klaus Koch - b, Ernst-Ludwig Petrowsky - ts, Baby Sommer - dr, Mitte 1970er Jahre, Freilichtbühne Treptow | Bildquelle: Otto Sill Der Bruder Rolf Kühns, Joachim Kühn, wird in der DDR gefeiert und auch international wahrgenommen. Als er jedoch in den Westen geht, wendet sich das Jazz-Blatt in der DDR, der Jazz wird als subversive Westkultur betrachtet, eine Gefahr für den Staat.
Doch die Jazzer lassen sich nicht beirren, machen weiter ihre Musik und zwar im Untergrund - wie das Zentralquartett, das damals allerdings noch "Synopsis" heißt. Mit ihrem Free-Jazz sorgen sie für Aufsehen beim "Jazz Jamboree", einem internationalem Jazz-Festival in Warschau, und tragen dazu bei, dass ihr Jazz doch Teil der DDR-Kulturpolitik wird, allerdings müssen sich die DDR-Jazzer immer auf ihr kulturelles Erbe, auf Volkslieder oder Brecht und Weill, beziehen.
Einige sind jetzt auch Aushängeschilder, die ins Ausland reisen dürfen und Devisen einbringen. Bei Auslandsreisen ist natürlich immer ein Stasi-Aufpasser dabei, "Sandsäcke" hat man sie genannt. Ernst Ludwig Petrowsky, Günter "Baby" Sommer und die anderen Kollegen vom Zentralquartett spielen bei einem Konzert im Westen ein Stück mit dem Titel "Ein Sandsack zuviel", ein Gruß an ihre Stasi-Aufpasser.

Im Juni 1973 wird in Peitz, einem kleinen Ort im Spreewald, zum ersten Mal die "Jazz-Werkstatt" organisiert, die sich über die Jahre zu einer Art Woodstock der DDR-Jazzer entwickelt. Der Organisator Uli Blobel holt viele West-Jazzer in den Osten, die sich freuen, dass sie gut bezahlt und bejubelt werden.
Fast zehn Jahre später, 1982, dann das Aus für die Jazz-Werkstatt Peitz, den Veranstaltern wird die Genehmigung entzogen. Auch der Organisator Uli Blobel musste seine Tätigkeit als Tourneeveranstalter beenden. Er migrierte 1984 in den Westen, ließ sich in Wuppertal nieder und arbeitete dort als Konzertveranstalter. 2006 gründete er in Berlin den Verein "Jazzwerkstatt Berlin-Brandenburg", aus dem 2007 das Label "Jazzwerkstatt" entstand.

Uwe Kropinski  | Bildquelle: © Julie Pomery Gitarrist Uwe Kropinski | Bildquelle: © Julie Pomery Der Jazz in der DDR ließ sich nicht aufhalten, immer mehr Musiker wagten den Schritt in die berufliche Selbstständigkeit, und gerade der Free Jazz aus dem östlichen Deutschland blühte in den 1980er Jahren besonders auf mit Musikern wie Günter "Baby" Sommer und seinen Kollegen vom "Zentralquartett" oder auch dem Gitarristen Uwe Kropinski, der jedoch 1986 im Westen blieb.

Als 1989 die Mauer fällt, muss sich die Jazz-Szene aus Musikern der ehemaligen DDR neu finden: Ihr Klang, der im Westen häufig als kreativer Protest gegen das politische System der DDR gehört wurde, hat für viele Zuhörer seinen Bezugspunkt verloren. Dennoch sind etwa die Musiker des Zentralquartetts bis heute aktiv und immer noch ein Ereignis für Hörer frei bewegter Musik.

Die Woche in der Mittagsmusik

Montag: Alles Gute Rolf Kühn! - zum 90. Geb. des Jazz-Klarinettisten, bei dem auch sein Bruder nicht zu kurz kommt
Dienstag: Uwe Kropinski und Joe Sachse, zwei Jazzgitarristen
Mittwoch: Sie singt Schlager genauso wie Freejazz: Uschi Brüning. Zusammen mit Ernst Ludwig Petrowsky hat sie coole Sachen gemacht
Donnerstag: Das Zentralquartett und Wolf Biermann
Freitag: Manfred Krug, der Mann, der nicht nur Schlager singen konnte.

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