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Thema der Woche Auschwitz: Populäre Musik unterm Hakenkreuz

Zahlreiche Musiker aus der Unterhaltungsbranche, Schauspieler, Sänger, Regisseure und Texter wurden nach Auschwitz gebracht. Ihr Leben und ihre Kunst soll nicht vergessen sein.

Sender München: Orchester mit Dirigent im großen Aufnahmeraum | Bildquelle: Deutsches Rundfunkarchiv, Frankfurt

Bildquelle: Deutsches Rundfunkarchiv, Frankfurt

70. Jahrestag der Befreiung von Auschwitz

Der Name Auschwitz ist Synonym für den Massenmord an den europäischen Juden, den Holocaust. Von Anfang 1942 bis Ende 1944 sind über eine Million Menschen, darunter hauptsächlich Juden sowie viele tausend Sinti, Roma, Polen, politisch Verfolgte, Homosexuelle und Kriegsgefangene im Konzentrationslager Auschwitz gestorben.

Anfang 1940 errichteten die Nationalsozialisten vor der polnischen Stadt Oświęcim ein riesiges Konzentrationslager, zur grausamen und fabrikmäßigen Vernichtung der Inhaftierten. Die ersten Gaskammern wurde 1942 gebaut, die Gefangenen wurden bei ihrem Eintreffen selektiert, die meisten wurden sofort umgebracht, circa 20 Prozent zwang man zur Arbeit in den umliegenden Industrieanlagen, zum Beispiel bei IG Farben oder Krupp. Unter den dort herrschenden katastrophalen Arbeitsbedingungen starben viele davon innerhalb weniger Monate.

Am 27. Januar 1945 wurde das Konzentrationslager Auschwitz durch die 322. Infanteriedivision der 60. Armee der I. Ukrainischen Front unter dem Oberbefehl von Generaloberst Pawel Alexejewitsch Kurotschkin befreit.

Unter den Internierten und Opfern des Holocaust in Auschwitz waren auch zahlreiche Musiker aus der Unterhaltungsbranche, Schauspieler, Sänger, Regisseure und Texter. Ihr Leben und ihre Kunst sollen nicht vergessen sein. Deswegen wollen wir diese Woche in der Mittagsmusik an die Künstler der populären Musik erinnern, die in Auschwitz litten und starben.

Richard Fall

(1882 in Gewitsch/heute Jevícko in Tschechien – 1945 Auschwitz)

Der Komponist Richard Fall | Bildquelle: Österreichische Nationalbibliothek Bildquelle: Österreichische Nationalbibliothek Die Biografie von Richard Fall gibt einige Rätsel auf. Er stammt aus der Musikerfamilie Fall. Leo Fall, der mit der "Rose von Stambul" oder der "Dollarprinzessin“ berühmt wurde und Siegfried Fall, ebenfalls Komponist, waren seine Brüder. Ihr Vater Moritz Fall, Operettenkomponist und Kapellmeister, erteilte seinen begabten Söhnen den ersten Musikunterricht.

Richard Fall schrieb genau wie sein Bruder Leo Operetten ("Die Dame von Welt", "Großstadtmärchen"), dazu Musik für Revuen, die vor allem in den 1920er Jahren gut ankamen. Heute noch ein Begriff ist sein Schlager "Was machst Du mit dem Knie, lieber Hans" von 1925, zu dem Fritz Löhner-Beda den Text schrieb. Ende der 1920er Jahre bekam Richard Fall Angebote aus Hollywood, wo er ab 1930 beschäftigt war und die Musik zu "Liliom", "East Lynne" und "Merely Mary Ann" schrieb.  1932 war er wieder in Deutschland und arbeitete auch hier für den Film, was ab Mitte der 1930er Jahre für ihn als Juden immer schwieriger wurde. Über das Exil in Frankreich floh er wieder nach Hollywood. Aus völlig ungeklärten Gründern kehrte er 1943 nach Frankreich zurück, im November 1943 wurde er in Nizza verhaftet, ins Durchgangslager Darcy gebracht und von dort nach Auschwitz deportiert. Hier wurde er Anfang 1945 ermordet.

Musik von Richard Fall in der Mittagsmusik

* "Schön ist der Mai in Vorderindien…" aus der Revue "Donnerwetter, 1000 Frauen"( Gesang: Irene Ambrus)
* "Was machst Du mit dem Knie, lieber Hans" (Quintonic  Brass)

Fritz Löhner-Beda

(1883 Wildenschwert, Böhmen/ heute Ústí nad Orlici -  1942 Auschwitz )
In Böhmen ansässig sprach die Familie, die eigentlich Löwy hieß, deutsch, doch der familiäre Kosename von Fritz Löhner leitete sich von der tschechischen Form seines Vornamens ab, Bedrich, die Abkürzung davon lautet Beda. Diesen Namen in Verbindung mit seinem Nachnamen benutzte Fritz Löhner häufig als Künstlernamen.

Fritz Löhner | Bildquelle: Österreichische Nationalbibliothek Bildquelle: Österreichische Nationalbibliothek Als Fritz fünf Jahre alt war zog die Familie nach Wien um. Dort ging Löhner Beda zu Schule und  studierte später Rechtswissenschaften. Kurz übte er den Beruf des Notars aus, aber sein eigentliches Interesse galt dem Schreiben von Gedichten und Kabaretttexten. In den 1920er Jahren avancierte Löhner-Beda zu einem der bekanntesten Schlagertexter Wiens. "Oh Donna Clara", "Ausgerechnet Bananen" und "Ich habe mein Herz in Heidelberg verloren" gehen auf sein Konto. Er schrieb die Texte zu Operettenklassikern wie "Victoria und ihr Husar" (Musik: Paul Abraham) , "Das Land des Lächelns", "Friederike" und "Giuditta" (Musik: Franz Lehár).

Kritischer Texter
Seine Texte, die nicht nur alltägliche Begebenheiten, sondern auch politische Zeiterscheinungen kritisch untersuchten und publikumswirksam auf die Schippe nahmen, sein Standpunkt eines engagierten Demokraten und bewussten Juden machten ihn zu einem erklärten Feind für die Nationalsozialisten. 1938 als die Faschisten in Österreich die Macht übernahmen wurde er über Dachau ins Konzentrationslager Buchenwald verschleppt. Dort dichtete er den Text zum "Buchenwaldlied", die Musik schrieb Hermann Leopoldi. Das Buchenwaldlied mussten die Häftlinge im KZ beim Appell singen.
Am 31. August 1942 wurden Fritz Löhners Frau Helene und die Töchter Liselotte und Evamaria, dreizehn und vierzehn Jahre alt, von Wien nach Minsk deportiert, wo sie im Gas ermordet wurden.
1942 kam Löhner Beda nach Auschwitz und musste beim Chemiekonzern IG Farben Zwangsarbeit leisten. Nach schweren Misshandlungen starb er dort am 4. Dezember 1942.

Musikbeispiele von Löhner Beda in der Mittagsmusik

 *"Immer nur lächeln" aus "Das Land des Lächelns" von Franz Lehàr (Richard Tauber, Staatskapelle Berlin: Franz Lehár)
* "In der Bar zum Krokodil"  Musik: Willy Engel-Berger, Text: Fritz Löhner Beda

Kurt Gerron

(1897, Berlin – 1944, Auschwitz)
Schauspieler, Komiker, Sänger und Regisseur

Porträt | Bildquelle: picture-alliance/dpa Bildquelle: picture-alliance/dpa Als Kurt Gerson in Berlin geboren, schlug der einzige Sohn wohlhabender Eltern zunächst die Mediziner-Laufbahn ein, die er jedoch nach dem Ersten Weltkrieg, in dem er mehrfach verwundet wurde, wieder aufgab. 1920 begann er mit der Schauspielerei und wurde einer der populärsten Unterhaltungskünstler der Weimarer Republik. Mitglied im Kabarett der Komiker und den Nelson Revuen.
Gerron spielte den Polizeichef Tiger Brown in der "Dreigroschenoper" und sang als Moritatensänger den Song von Mackie Messer. Als Schauspieler zu sehen war er z.B. neben Marlene Dietrich in “Der blaue Engel”, in "Die drei von der Tankstelle" oder in "Bomben auf Monte Carlo". Durch sein bulliges Aussehen bekam er fast ausschließlichen Rollen in denen er unsympathische, negative Typen verkörperte - Bankiers, Boxer und Zuhälter etwa.
Ende der 1920er Jahre wurde er zunehmend erfolgreich als Regisseur. Kurz nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten musste Gerron seine Tätigkeit bei den Dreharbeiten zum UFA-Film "Kind, ich freu mich auf dein Kommen" unterbrechen und das Filmset verlassen.
Vor allem für die in der Filmbranche Beschäftigten begann die Verfolgung durch die Nazis quasi am Tag danach, denn im Film sahen die Nationalsozialisten ein wichtiges Propagandainstrument, das sie fest in der Hand haben wollten.

Kurt Gerron verbrachte die nächsten Jahre im Exil, der bekannte Regisseur bekam auch in Österreich oder Holland Aufträge und drehte Filme, die hochgelobt wurden. Doch nach der Besetzung Hollands durch die Deutschen hatte auch das ein Ende fand er keine Beschäftigung mehr beim Film. Er besann sich wieder auf seine Anfänge beim Kabarett und trat in Revuen von Willy Rosen oder Rudolf Nelson auf.

Von links: Lilian Crossman (Lilian Harvey), Dr. Kalmus (Kurt Gerron), Willy (Willy Fritsch), Konsul Crossman (Fritz Kampers), Edith von Turkoff (Olga Tschechowa) und Kurt (Oskar Karlweis). | Bildquelle: © ARD Degeto Bildquelle: © ARD Degeto Kabarett im Lager Westerbork
Im September 1943 wurde er zusammen mit seiner Frau ins niederländische Lager Westerbork verschleppt, auch dort wirkte er bei Unterhaltungsprogrammen mit.  Auf der "Bühne Lager Westerbork" traten die besten Unterhaltungskünstler der damaligen Zeit auf. Es hieß mit einer gehörigen Portion Zynismus, dass im KZ Westerbork das beste deutschsprachige Kabarett der damaligen Zeit gespielt wurde.

Filmen in Theresienstadt
Im Februar 1944 wurde Kurt Gerron nach Theresienstadt  deportiert, dort wurde er gezwungen bei dem Propagandafilm über die "jüdische Musterstadt Theresienstadt" Regie zu führen - ein Film, der vorspiegeln sollte, dass die jüdischen Inhaftierten, die in den Osten deportiert worden waren, gut behandelt würden. Gleich nach Ende der Dreharbeiten, im Oktober 1944,  wurden Gerron und fast die gesamte Filmcrew nach Auschwitz gebracht und ermordet. Dieser  Film aber, der Film "Der Führer schenkt den Juden eine Stadt"  haftet dem Ansehen Kurt Gerrons bis heute an wie ein Makel.

Kurt Gerron in der Mittagsmusik

*  "Die Moritat von Mackie Messer" aus "Die Dreigroschenoper" von Kurt Weill und Bert Brecht (Gesang: Kurt Gerron;  Lewis Ruth Band: Theo Mackeben)
*  "Das Nachtgespenst" von Rudolf Nelson, Musik und Friedrich Holländer, Text (Kurt Gerron, Gesang; Rudolf Nelson, Klavier)

Willy Rosen

(1894 Magdeburg – 1944, Auschwitz)
Komponist, Textdichter, Schauspieler und Kabarettist.

"Text und Musik sind von mir"
Der Kaufmannssohn Willy Julius Rosenbaum tat seine ersten beruflichen Schritte als Pianist  und Leiter eines Fronttheaters während des 1. Weltkriegs. In der Weimarer Republik machte er sich rasch einen Namen als Pianist und musikalischer Interpret an führenden Berliner Kleinkunstbühnen, darunter im "Kabarett der Komiker" und im "Schwarzen Kater". Darüber hinaus schrieb er einige populäre Schlager jener Jahre wie etwa "Wenn Du einmal dein Herz verschenkst" und "Ich schick dir ein paar Veilchen". Bis 1933 galt Willy Rosen als Inbegriff für heitere, musikalisch witzig arrangierte Programme. Seine knappe Ankündigung: "Text und Musik sind von mir!", ehe er sich an das Klavier setzte und eines seiner Stücke spielte und sang wurde ein geflügeltes Wort.

Fluchtversuch
Mit der Machtübernahme durch die Nationalsozialisten war Willy Rosens Karriere im Deutschen Reich schlagartig beendet, er emigrierte über Österreich und die Schweiz nach Holland, wo er in Scheveningen mit anderen Emigranten das "Theater der Prominenten" gründete.  Nach der Besetzung der Niederlande 1940 wurde das "Theater der Prominenten" von den Deutschen geschlossen. Freunde in den USA versuchten ihn aus Europa herauszuholen, sie organisierten Veranstaltungen deren Erlös dazu dienen sollte Rosen eine Schiffspassage in die Staaten zu ermöglichen. Dazu kam es jedoch nicht, Rosen wurde ins KZ Westerbork gebracht, wo er zusammen mit anderen Künstlern noch Unterhaltungsprogramme auf die Beine stellte. Revuen, die dem Durchgangslager Westerbork den makabren Ruf einbrachten "Hochburg des europäischen Kabaretts" zu sein.  Im September 1944 wurde Willy Rosen nach Theresienstadt und anschließend nach Ausschwitz deportiert, wo er im Oktober 1944 in der Gaskammer ermordet wurde.

Willy Rosen in der Mittagsmusik

* "Das find‘ ich reizend von Lulu"  Musik und Text Willy Rosen, (Willy Rosen, Gesang und Klavier)
*  "Darf ich um den nächsten Tango bitten" Musik von Willy Rosen; Text Kurt Schwabach ( Richard Tauber, Tenor;)
*  "Wenn ich Richard Tauber wär"  Musik Krauss, Text  Elka (Willy Rosen, Gesang;)

Coco Schumann

(geb. 1924 in Berlin)

Coco Schumann, lachend mit Brille auf der Nasenspitze vor dunklem Hintergrund | Bildquelle: picture-alliance/dpa Bildquelle: picture-alliance/dpa Er sei ein  Musiker, der im KZ gesessen hat, kein KZ-ler, der Musik macht. Eine Unterscheidung, die dem Gitarristen Coco Schumann wichtig ist. Keinesfalls will er sein Leben von seinem KZ-Aufenthalt in Theresienstadt und Auschwitz dominieren lassen.
Coco Schumann wurde 1924 in Berlin geboren, als Sohn einer jüdischen Mutter und eines nicht jüdischen Vaters. Schon als Jugendlicher entdeckte er seine Liebe zum Swing, den trommelte er zunächst am Schlagzeug, bald aber wechselte er zur Gitarre. Sein sicheres Gefühl für Rhythmus und Jazz brachte ihm schon früh erste Engagements. Ab Ende der 1930er Jahre spielte Coco Schumann in Nachtclubs und Bars, immer in Gefahr denunziert zu werden, denn war er spielte war im Nationalsozialismus verbotene Musik.  Im März 1943 wurde Schumann verhaftet und kam nach Theresienstadt. In dem Propagandafilm, den Kurt Gerron dort drehen musste, ist Coco Schumann in einer Szene zu sehen, als Schlagzeuger bei der Jazzband "Ghetto Swingers".

Im September 1944 wurde Coco Schumann ins Vernichtungslager Auschwitz verlegt, kam aber 1945 auf einen Transport ins Konzentrationslager  nach Kaufering bei Landsberg. Die Häftlinge wurden auf einen Todesmarsch in Richtung Innsbruck geschickt, amerikanische Soldaten befreiten sie.

Coco Schumann hat überlebt. Nach dem Krieg wurden in Deutschland wieder Jazz, Swing und Tanzmusik gemacht. In den späten 1940er Jahren waren es vor allem die Zusammenarbeit mit dem Jazzgeiger Helmut Zacharias, die Schumann zu einem der bekanntesten Gitarristen Deutschlands machte und sein spezieller Sound: Er war der erste, der auf einer E-Gitarre spielte.

Weil er es nicht ertrug, wie alte Nazis im Nachkriegsdeutschland wieder zu Amt und Würden kamen, wanderte Coco Schumann 1950 zusammen mit seiner Frau nach Australien aus, kehrte aber 1954 wieder zurück nach Deutschland. Heute lebt Schumann wieder in Berlin und gab bis vor kurzem noch Konzerte.

Über seine Erlebnisse  im Nationalsozialismus sprach er lange nicht, erst über 50 Jahre nach Kriegsende,1997 erschien sein Buch "Der Ghetto Swinger", in dem er seine Geschichte erzählt. Mittlerweile gibt es auch ein Theaterstück mit dem Titel "Der Ghetto Swinger" über die Lebensgeschichte von Coco Schumann. 

Musik von Coco Schumann in der Mittagsmusik

* "Bei mir bist du schön" Aufnahme von 1944 mit den Ghetto Swingers (Theresienstadt)
* "Helmis Bebop Nr. 3" mit Helmut Zacharias und der Berliner Allstars Band
* "Exotique" von Coco Schumann, Aufnahme von 1963

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