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Bayreuther Festspiele

25. Juli - 28. August 2017

Bayreuther Festspiele - Interview Johannes Martin Kränzle "Es ging nur ums Überleben"

Am 25. Juli debütiert der Bariton Johannes Martin Kränzle bei den Bayreuther Festspielen - als Sixtus Beckmesser in Wagners "Meistersingern". Und das, obwohl er 2015 schwer an MDS erkrankte und schon mit dem Schlimmsten gerechnet hatte.

Bariton Johannes Martin Kränzle | Bildquelle: © Monika Rittershaus

Bildquelle: © Monika Rittershaus

Gespräch mit Johannes Martin Kränzle anhören

BR-KLASSIK: Sie hatten eine gründliche Instrumentalausbildung, sind als Geiger solistisch aufgetreten, haben sich intensiv mit Komposition beschäftigt und haben dann angefangen, Musiktheater-Regie zu studieren. Auf die Idee, Sänger zu werden, sind Sie zunächst nicht gekommen. Was hatten Sie denn vor?

Johannes Martin Kränzle: Ich hatte dieses Zutrauen in meine Stimme nicht. Ich habe zwar im Schulchor gesungen, aber es war mir nicht klar, ob es zum Sänger aureichen würde. Ich war eigentlich immer so breit aufgestellt in der Schule, dass ich verschiedene Instrumente - neben der Geige noch Oboe und, sehr schlecht, Posaune - also einfach alles ausprobieren wollte und auch nach dem Abitur nicht sofort wusste, wo es hingeht. Es sollte irgendwas mit Theater oder mit Musik sein. Das Studium Musiktheater-Regie in Hamburg hat mir dann weniger gefallen, weil es sehr theoretisch war. Zufällig saß dann ein sehr bekannter Gesangslehrer in meiner Aufnahmeprüfung für Schulmusik: Martin Gründler. Er hat mir ins Gesicht gesagt: "Nein, Schulmusik nicht, Sie werden Sänger!" Sein Versprechen hat er wahr gemacht: Ich war fünf Jahre bei ihm und danach bin ich direkt in Dortmund engagiert worden.

"Antiquiertes Operngestehe"

BR-KLASSIK: Zumindest lässt aber das Interesse für Musiktheater-Regie darauf schließen, dass Ihnen nach wie vor der darstellerische Aspekt wichtig ist und Sie als Schauspieler gefordert sein wollen?

Johannes Martin Kränzle: Ja, ich finde alles andere in der Oper recht langweilig. Ich denke, da müssen schon die verschiedenen Künste zusammenkommen. Privat interessiert mich oft das Schauspiel mehr als die Oper, weil es mich inspiriert und ich neue Ideen entwickeln kann. In der Oper gelingt das auch, aber eben nicht immer. Oft sieht man ein ziemlich antiquiertes Operngestehe - das reizt mich überhaupt nicht. Ich will Musiktheater machen, auch als Sänger.

Zur Person Johannes Martin Kränzle

- 1962 geboren in Augsburg
- studierte Gesang bei Martin Gründler an der Frankfurter Musikhochschule
- Ensemblemitglied am Theater Dortmund (1987-1991), an der Staatsoper Hannover (1991-1997) und an der Oper Frankfurt (1998-2016)
- 2011 "Sänger des Jahres" in der Zeitschrift Opernwelt
- erkrankte 2015 an der Knochenmarkkrankheit MDS, Comeback 2016 am Royal Opera House in London
- 2017 Bayreuth-Debüt als Beckmesser in der Wagner-Oper "Die Meistersinger von Nürnberg"

BR-KLASSIK: Sie waren die längste Zeit Ihrer bisherigen Karriere in festen Engagements: in Dortmund, Hannover und lange an der Frankfurter Oper. Trotz aller Sesshaftigkeit hat sich Ihre Karriere dann stark international entwickelt. Spätestens seit Sie 2011 zum "Sänger des Jahres" gekürt wurden, haben sich die großen Häuser und Festivals um Sie gerissen. Aber genau in dieser sehr erfolgreichen Zeit sind Sie 2015 sehr schwer erkrankt. Sie sind damit sehr offensiv umgegangen - es stand auch auf Ihrer Homepage. Was war damals passiert und wie lange hat es gedauert, bis Sie sich erst ins Leben, und dann in die Kunst zurückgekämpft hatten?

Bariton Johannes Martin Kränzle | Bildquelle: © Challenge Records International Bildquelle: © Challenge Records International Johannes Martin Kränzle: Bei mir ist die Knochenmarkserkrankung MDS diagnostiziert worden - ein myelodysplastisches Syndrom, das von einem Tag auf den anderen aufgetreten ist. Man kann sich das so vorstellen: Es handelt sich um einen DNA-Reparaturfehler. Unsere DNA wird täglich repariert. Und wenn das an einem sehr empfindlichen Punkt falsch geschieht, potenziert sich so ein Fehler. Bei mir war die Folge, dass ich keine funktionierenden weißen Blutkörperchen mehr hatte. Das gesamte Immunsystem ist zusammengebrochen. Es ging dann rapide bergab, so dass ich knapp vor dem Ende stand, wenn nicht eine Stammzellentransplantation möglich gewesen wäre.

Ich hatte Glück: Mein Bruder war mein Spender. Aber die ersten Monate, vielleicht auch das ganze erste Jahr nach der Transplantation, ging es noch nicht darum, wieder zu singen oder an den Beruf zu denken, sondern nur ums Überleben. Und es sah auch vor einem Jahr noch nicht so aus, als ob ich in den Sängerberuf zurückfinden könnte. Das ging dann ganz schnell und mit großem Willen und großem Glück, so dass ich vergangenen August dann wieder beginnen konnte zu proben. Im Juni davor war das quasi noch unvorstellbar. Es war ein Schock, weil die Erkrankung aus dem Nichts kam - mit einem Tag ändert sich das ganze Leben.

"Manchmal ist es unbeschreiblich für mich"

BR-KLASSIK: Fühlen Sie sich dem Druck der bevorstehenden Bayreuth-Premiere gewachsen?

Johannes Martin Kränzle: Als es wieder bergauf ging und ich in London die Proben zu "Così fan tutte" wieder aufnehmen konnte, habe ich sängerisch eine ganz große Stabilität bemerkt. Das hat mir Sicherheit gegeben. Es war eher noch eine Frage der körperlichen Kondition. Wie weit kann ich mich belasten? Kann ich sechs Stunden am Tag proben? Wie weit kann ich auch aktive Dinge auf der Bühne machen? Das hat sich von Monat zu Monat stabilisiert. Ich bin, stimmlich, aber auch körperlich auf einem annähernd ähnlichen Level wie ich vorher war - Gott sei Dank. Manchmal ist es unbeschreiblich für mich. Ich kann es nicht fassen und bin dann in manchen Momenten auch ganz emotional.

Lockerheit in der Stimme behalten

BR-KLASSIK: Kommen wir zum Beckmessser: Den haben Sie erstmals 2009 in Köln gemacht, dann in Glyndebourne, an der Metropolitan Opera und dieses Frühjahr an Covent Garden in London. Sie kennen die Partie also in- und auswendig. Wie sind denn die stimmlichen Anforderungen?

Johannes Martin Kränzle: Beim Beckmesser gibt es ein paar Schwierigkeiten: Zunächst einmal darf man in der sängerischen Darstellung nicht überzeichnen. Die Figur ist oft sehr erregt, sehr aufgebracht und bösartig. Man muss sich da eine gewisse Lockerheit in der Stimme behalten und darf sich in der Rolle nicht festfressen. Dann liegt die Tessitur sehr hoch - dieses ganze Schimpfen ist für einen Bariton immer an der Grenze. Es gibt viele schnelle kurze Stellen, wo viel textliche Information geliefert werden muss - dazu noch sehr deutlich gesungen und sehr vielfarbig präsentiert.

"Die Meistersinger von Nürnberg" auf BR-KLASSIK

Hans Sachs: Michael Volle
Walther von Stolzing: Klaus Florian Vogt
Sixtus Beckmesser: Johannes Martin Kränzle
Veit Pogner: Günther Groissböck
und weitere

Inszenierung: Barrie Kosky
Musikalische Leitung: Philippe Jordan
Chor und Orchester der Bayreuther Festspiele

BR-KLASSIK überträgt die Eröffnungspremiere am 25. Juli 2017 live aus dem Bayreuther Festspielhaus - im Radio ab 15.57 Uhr und im Video-Stream ab 16.00 Uhr.

BR-KLASSIK: Beckmesserei steht ja sprichwörtlich für kleingeistige Pedanterie und rechthaberische Haarspalterei. Bezogen auf den Beckmesser ist das vielleicht ungerecht, denn er hat ja in der Zunft der Meistersinger das Amt des Merkers. Es ist also sein Job, auf die Einhaltung der Regeln zu achten und die Regeln in der Kunst sind ja auch nicht so ganz unwichtig.    

Johannes Martin Kränzle: Ich glaube, man tut ihm auch Unrecht. Ein bisschen schwingt natürlich sein Eigeninteresse mit, wenn er als Juror für den jungen Stolzing fungiert. Er will um die gleiche Frau singen und das wird ihm letztlich auch zum Vorwurf gemacht. Aber eigentlich muss er diese Regeln befolgen und hat in der Sache im ersten Akt völlig Recht, also dass dieser junge Tenor "versungen und vertan" hat.

"Man kommt aus dem Konzept"

BR-KLASSIK: Im ersten Akt ist Beckmesser ein geachteter Meister, der souverän mit den Regeln umgeht. Im zweiten Akt erleben wir ihn dann mit seinem Preislied und da fragt man sich: Warum schafft er es nicht, selbst diese Regeln einzuhalten? Warum sind da so viele Fehler drin?

Johannes Martin Kränzle: Das ist eine schwierige Frage. Ich denke, man muss es so erklären, dass er ganz am Anfang des Liedes noch gar nicht so viel Fehler machen würde, und sich das zu Hause durchaus gut zurechtgelegt hatte, bevor er dann vor dem Fenster steht. Dort kommt die Nervosität vor dem jungen Mädchen hinzu. Dann wird er durch Sachs gestört - und plötzlich häufen sich die Fehler. Das ist, wie wenn man einen Vortrag hält und merkt, dass man aus dem Konzept kommt. Man fängt an zu stottern, der Angstschweiß kommt und dadurch macht man Fehler an Fehler.

BR-KLASSIK: Der Sachs ist schon ein bisschen fies mit ihm…

Johannes Martin Kränzle: Ja! Mir ist auch aufgefallen, Beckmesser sagt alles, was er denkt - auch Sachs gegenüber. Das ist sein Verhängnis. Sachs hält viele Informationen zurück oder lässt nur das raus, was ihm zunutze ist. Insofern ist der Ehrlichere von beiden eigentlich Beckmesser.

BR-KLASSIK: Regisseur Barrie Kosky hat die "Meistersinger" lange als zu Deutsch abgelehnt. Er selbst ist Australier mit jüdischen Wurzeln und hat in seinen Inszenierungen am eigenen Haus, an der Komischen Oper Berlin, oft mit seiner jüdischen Identität gespielt. Beckmesser ist ja verschiedentlich als antisemitische Karikatur gesehen worden. Spielt das in der aktuellen Inszenierung irgendeine Rolle?

Johannes Martin Kränzle: Es wird eine Rolle spielen. Vielleicht nicht ganz so wie man es erwartet, aber es ist durchaus ein Thema, das einen Kommentar in der Inszenierung findet. Es ist allerdings nicht so, dass Beckmesser die jüdische Karikatur in dem Stück wäre. Ich fände das auch etwas verkürzt. Dann wäre das Lied mit den Quarten ganz sicher eines mit übermäßigen Terzen geworden - dieses Jüdische hätte Wagner ja auch reinkomponieren können, aber davon findet sich eigentlich nichts. Und ich würde auch sagen: Sixtus Beckmesser ist auch kein Name, der auf eine jüdische Herkunft schließen lässt. Als Jude wäre wahrscheinlich auch nicht Stadtschreiber geworden. Somit wäre dieser Vergleich, Beckmesser sei der Jude in dem Stück, zu verkürzt. 

Das Gespräch führte Alexandra-Maria Dielitz für BR-KLASSIK. Es wurde für die Lesefassung gekürzt und an die Schriftsprache angepasst.

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