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Bayreuther Festspiele

25. Juli - 28. August 2019

Kritik - "Die Meistersinger" in Bayreuth Musiktheater der obersten Liga

Wagners Oper "Die Meistersinger von Nürnberg" feierten am 27. Juli ihre diesjährige Premiere auf dem Grünen Hügel. Bei dieser Wiederaufnahme konnte Barrie Koskys Inszenierung auch im dritten Jahr nicht restlos überzeugen. Trotzdem ist es Musiktheater der obersten Liga.

Szenenbild "Meistersinger von Nürnberg" Bayreuther Festspiele 2019 | Bildquelle: Enrico Nawarth

Bildquelle: Enrico Nawarth

Die Kritik zum Anhören

Es gibt Momente, in denen man plötzlich wieder weiß, ja, am ganzen Körper fühlt, warum man Musiktheater so liebt. Der erste Aufzug in Barrie Koskys Bayreuther "Meistersingern" ist reich an solchen Momenten. Es macht glücklich, wie Wagner, seine Weggefährten und seine gerade von ihm herbeikomponierten Doppelgänger sich im Haus Wahnfried langsam in die Charaktere aus den Meistersingern verwandeln, und die Meister dann zu den Singversuchen Stolzings Lebkuchen essen. Hier greift einfach alles ineinander: eine gute Grundidee der Regie, musikalisch virtuose, unterhaltsame Personenführung und ausgezeichnete Sängerdarsteller. So muss Musiktheater sein!

Regie von Barrie Kosky überzeugt nicht durchgehend

Szenenbild "Meistersinger von Nürnberg" Bayreuther Festspiele 2019 | Bildquelle: Enrico Nawarth Barrie Koskys Inszenierung der "Meistersinger" geht in Bayreuth nun ins dritte Jahr. | Bildquelle: Enrico Nawarth Leider schafft es Kosky aber auch in seinem dritten Jahr in Bayreuth nicht, das hohe Niveau des ersten Aufzugs vor allem in der dramaturgischen Logik zu halten. Der Schwurgerichtssaal der Nürnberger Prozesse, in dem die beiden letzten Aufzüge spielen, ist – vom großartigen Schlussbild mal abgesehen – nach wie vor nicht in die Handlung integriert. Er bleibt so bloße Kulisse und die Möglichkeit. Dass der schicksalsträchtige Saal nicht mit dem Spiel verbunden wird – beispielsweise dadurch, dass sich, analog zum ersten Aufzug, Charaktere aus den Meistersingern zurück in historische Persönlichkeiten, also etwa in die Richter der Siegermächte zu verwandeln – wird verschenkt. Das ist fatal, denn so erscheint das ausgelassene Johannisfest im Schwurgerichtssaal nicht etwa als Selbstanklage des Stückes, sondern als respektloses Ärgernis.

Bilder der Inszenierung finden Sie hier

Und dennoch ist diese "Meistersinger"-Aufführung Musiktheater der obersten Liga – und das liegt vorranging an Sängerdarstellern die ihresgleichen suchen und die durch Koskys Personenführung zu einer unfassbaren Spielfreude beflügelt werden. Das schließt auch den Chor, allen voran die Lehrbuben, ein. Besser und textverständlicher kann man diese fröhlich-chaotische Truppe kaum singen und darstellen. Das gleiche gilt für die Meister, die sichtlich Spaß an ihrem Zusammenspiel haben.

Festspielorchester in Hochform

Das Festspielorchester unter Philippe Jordan steigert sich bis zum dritten Aufzug in die gewohnte Hochform. Die ist bei den Solisten von Anbeginn durch die Bank da und wie sie miteinander agieren ist einfach großartig. Beispielsweise Johannes Martin Kränzle und Michael Volle, die sich als Beckmesser und Sachs hinreißend auf die Nerven gehen. Generell gilt hier bei allen Solisten: Ausdruck vor bloßem Wohlklang. Jordan tut gut daran, das zuzulassen. Kränzle etwa gestaltet so seine Partie emotional und vielschichtig und spielt den Außenseiter Hermann Levi alias Beckmesser so intensiv, dass er zum verschrobenen Sympathieträger wird, mit dem man mitleidet.

Camilla Nylund gibt jugendliche Eva

Szenenbild "Meistersinger von Nürnberg" Bayreuther Festspiele 2019 | Bildquelle: Enrico Nawarth Camilla Nylund als Eva und Michael Volle als Hans Sachs | Bildquelle: Enrico Nawarth Sehr überzeugend sind auch Günther Groissböck als väterlich sonorer Veit Pogner und Franz Liszt, und Daniel Behle als agiler, jugendlicher David, der stimmlich an die gute Form der letzten Jahre anknüpft und Wiebke Lehmkuhl als Lene mit warmer und voluminöser Stimme. Nur 24 Stunden nach ihrem Hausdebüt als Elsa im Lohengrin gab Camilla Nylund die Eva alias Cosima Wagner. Damit ist sie die dritte Sängerin in der Rolle in der Produktion und sie klingt jugendlicher als ihre Vorgängerinnen und damit weniger nach Cosima sondern vor allem nach Eva. Klaus Florian Vogt, der gestern noch als Lohengrin begeisterte, traut sich als Stolzing endlich, die schauspielerische Leistung zu, die man sich von ihm schon lange wünscht. Zwölf Jahre nach seinem Bayreuth-Debüt als Stolzing hat sich seine Stimme freilich verändert, sie klingt menschlicher, erwachsener – doch beim Preislied im dritten Aufzug ist sein einzigartiges Strahlen da.

Michael Volle als Jahrhundert-Sachs

Vom anderen Stern aber ist die unfassbare Leistung von Michael Volle. Als Richard Wagner alias Hans Sachs ist er viereinhalb Stunden hochkonzentriert, ungeheuer präsent und zeigt zu allem Haltung, selbst wenn er nicht singt. Und wenn er singt, merkt man ihm an, dass er jede einzelne Note, jedes einzelne Wort in diesem Stück liebt, dass er jeden Takt verstanden hat, dass er die Partie so in und auswendig beherrscht, dass er sie gestalten kann, wie auch immer er als Sachs oder Wagner gerade möchte: mal polternd selbstgerecht, mal besonnen; mal hat er wütende, verzweifelte Ausbrüche, mal sehr viel Liebe in sich. Mit Superlativen wird allzu verschwenderisch verfahren. Hier ist einer angebracht: Michael Volle – ein Jahrhundert-Sachs.

Sendung: "Allegro" am 29. Juli ab 6:05 Uhr auf BR-KLASSIK

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