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Bayreuther Festspiele

25. Juli - 28. August 2019

Siegfried Wagner zum 150. Geburtstag Fidi, der Thronfolger

"Drachen habe ich nicht getötet, Flammenmeere habe ich nicht durchschritten. Und trotzdem hoffe ich, nicht ganz unwürdig dieses Namens zu sein, denn das Fürchten ist wenigstens nicht mein Fall." Dies sagte Siegfried Wagner einst über sich selbst. Am 6. Juni wäre Richard Wagners Sohn 150 Jahre alt geworden. Kompositorisch stand er zwar stets im Schatten seines Vaters, sprach jedoch von Anfang an eine eigene Sprache. Und als Regisseur in Bayreuth bereitete Siegfried Wagner den künstlerischen Neuerungen nach dem Zweiten Weltkrieg den Boden.

Siegfried Wagner | Bildquelle: picture-alliance/dpa

Bildquelle: picture-alliance/dpa

Siegfried Helferich Richard Wagner kommt am 6. Juni 1869 in Tribschen bei Luzern zur Welt. Der heldische Taufname verrät, welch hohe Erwartungen Cosima und Richard Wagner an ihren einzigen Sohn stellen. Als Dreijähriger erlebt "Fidi" die Grundsteinlegung zum Bayreuther Festspielhaus und spätestens ab diesem Zeitpunkt wird ihm zu verstehen gegeben, dass sein Platz genau hier sein würde – als Thronfolger und Erbe. Der Druck verstärkt sich nach Richard Wagners Tod 1883, da Cosima das Regiment in Bayreuth mit hohepriesterlicher Strenge übernimmt. Ausbruchsversuche scheinen zwecklos: Siegfried hegt vielseitige literarische Interessen, beginnt ein Architekturstudium und reist ein halbes Jahr durch Indien und China – doch schließlich kehrt er auf den "Grünen Hügel" zurück und übernimmt das Amfortas-Amt der Festspielleitung. Ab 1908 kümmert er sich alleinverantwortlich nicht nur um Organisation, Finanzierung, technische Modernisierung und künstlerische Engagements, sondern steht auch selbst am Pult im "mystischen Abgrund". Als Regisseur hat er es besonders schwer, denn Cosima und die orthodoxe Wagner-Gemeinde wachen streng über jedes Kulissenteil, auf dem noch "das Auge des Meisters" ruhte. Behutsam befreit Siegfried die musealen Inszenierungen zugunsten einer stärkeren Stilisierung von naturalistischen Details, verräumlicht die unzeitgemäße Kulissenbühne und emanzipiert das Licht vom Beleuchtungs- zum Gestaltungsmittel. Die szenische Revolution seines ältesten Sohnes Wieland nach 1945 hat Siegfried Wagner somit bereits angestoßen.

Homosexuelller Gralshüter

Winifred Wagner und Kinder 1938: Familienbild Winifred Wagner mit den Söhnen Wieland (stehend) und Wolfgang und den Töchtern Friedelind (rechts) und Verena (links). Foto, 1938 | Bildquelle: picture-alliance / akg-images Winifred Wagner und ihre Kinder | Bildquelle: picture-alliance / akg-images Bayreuths Thronfolger fühlt sich erotisch zu Männern hingezogen und lebt seine Neigung jahrelang unverhohlen aus. Er pflegt eine für die oberfränkische Provinz geradezu extravagante Eleganz, reist häufig nach Berlin, ins Schwulen-Mekka der Weimarer Republik, lässt sich mit jungen Männern im kecken Badeanzug ablichten und lädt gleichgesinnte Künstler nach Bayreuth ein. Seine erste große Liebe ist der künstlerische hochbegabte Brite Clement Harris, der 25jährig im griechischen Befreiungskampf fällt. Bis zu seinem Tod steht Harris' Porträt auf Siegfrieds Schreibtisch. Allzu große Sorglosigkeit im Umgang mit einer Neigung, die im Deutschen Reich als Straftat verfolgt wird, kann jedoch selbst hochgestellte Persönlichkeiten zu Fall bringen, wie der Eulenburg-Skandal im Vertrautenkreis Kaiser Wilhelms II. 1908 beweist. Als der Journalist Maximilian Harden, ein gefürchteter Homosexuellen-Jäger, im Sommer 1914 in der Zeitung "Die Zukunft" den Bayreuther Meistersohn als "Heiland aus andersfarbiger Kiste" bezeichnet, schrillen in Bayreuth die Alarmglocken. Der 46-jährige Siegfried muss so schnell wie möglich unter die Haube: Als unverfängliche Braut wird die 18-jährige Winifred Williams auserkoren, eine englische Waise und Adoptivtochter des Pianisten Karl Klindworth. Eine ausgesprochen fruchtbare Alibi-Lösung: Ab 1917 kommen im Jahresabstand die Kinder Wieland, Friedelind, Wolfgang und Verena zur Welt – alle mit unverkennbarem Wagnerprofil.

Siegfried Wagner auf BR-KLASSIK

"Klassik plus": Zum 150. Geburtstag von Siegfried Wagner
Donnerstag, 06. Juni 2019, 19:05 Uhr

Konzertabend aus dem Studio Franken mit Werken von Siegfried Wagner
Donnerstag, 06. Juni 2019, 20:05 Uhr

"Onkel Wolf" und die Nationalsozialisten

Siegfried Wagner wächst in einem Elternhaus auf, das nicht gerade für Liberalität und Toleranz bekannt ist. Richard Wagners peinlicher Aufsatz "Das Judentum in der Musik" findet seine Fortsetzung in zahlreichen antisemitischen Äußerungen seines Sohnes. Radikalisiert wird die deutschnationale Tendenz auf dem Grünen Hügel durch zwei Hochzeiten im Wagner-Clan: 1908 ehelicht Siegfrieds Schwester Eva den gefährlichen Rassentheoretiker Houston Stewart Chamberlain, einen Vordenker der Nationalsozialisten. Und die 1915 als scheinbar harmlose Kindfrau geheiratete Winifred entwickelte sich ab 1923 zur fanatischen Anhängerin Adolf Hitlers. Der erste Teil von dessen Propagandaschrift "Mein Kampf" wurde auf Papier niedergeschrieben, das Bayreuths First Lady ihrem Idol nebst Strümpfen und Pralinen in die Festung Landsberg sandte. Siegfried scheint das politische Engagement seiner Frau zunächst durchaus unterstützt und große Hoffnungen auf die Nationalsozialisten gesetzt zu haben. Doch als Hitler wenig später als "Onkel Wolf" zum vertrauten Familienkreis gehörte, als Juden während der Festspiele 1924 in der Bayreuther Innenstadt bespuckt wurden und das Publikum im Festspielhaus nach der "Meistersinger"-Vorstellung geschlossen das Deutschland-Lied anstimmte, da wurde es ihm wohl zu "braun": Unter Anbringung der Hinweistafel "Hier gilt's der Kunst" verbat er sich derartige Demonstrationen und nahm in offenen Briefen und Artikeln jüdische und ausländische Festspielbesucher in Schutz.

Ob ein Mensch Chinese, Neger, Amerikaner, Indianer oder Jude ist, das ist uns völlig gleichgültig!
Siegfried Wagner

Siegfried holte Toscanini nach Bayreuth

Toscanini mit Siegfried Wagner, 1930 | Bildquelle: picture alliance/Mary Evans Picture Library Arturo Toscanini mit Siegfried Wagner | Bildquelle: picture alliance/Mary Evans Picture Library Hitler war sicher befremdet über die Tatsache, dass Siegfried den germanischen Obergott Wotan mit dem jüdischen Kantorensohn Friedrich Schorr besetzte und 1930 mit Arturo Toscanini den ersten nicht deutschen Dirigenten Bayreuths einlud. Joseph Goebbels fand den Festspielchef "feminin", "gutmütig", "dekadent" und somit des "Meisters" unwürdig. Wie sich Siegfrieds Einstellung zu den neuen Machthabern veränderte, darüber kann man nur mutmaßen, da seine private Korrespondenz bis heute nicht öffentlich zugänglich ist. In seiner letzten Oper "Das Flüchlein, das Jeder mitbekam" geht es allerdings um einen sadistischen Räuberhauptmann namens "Wolf", dessen mörderischem Treiben ein Ende gesetzt wird. Siegfried blieb der konkrete Kampf gegen den "Führer" und die politische Vereinnahmung seiner Festspiele durch seinen frühen Tod im Jahr 1930 erspart.

Ich will mit der Volksoper neue Wege gehen.
Siegfried Wagner

Märchenoper statt Bühenenweihfestspiel

Dass Siegfried Wagner das Bayreuther "Familienunternehmen" weiterführte, wurde als seine selbstverständliche Sohnespflicht hingenommen. Dass er sich jedoch erdreistete, als Spross eines musikalischen Genies ebenfalls als Komponist hervorzutreten, stieß auf große Skepsis. Dabei hatte Siegfried gar nicht vor, die Nibelungensaga fortzuschreiben oder ein zweites "Bühnenweihfestspiel" vorzulegen. Klug hatte er sich das Märchen zur Stoffquelle auserkoren und versuchte mit dem bescheidener gedachten Format der "Volksoper" aus dem übermächtigen Schatten des Vaters herauszutreten. Dabei sorgten Titel wie "An allem ist Hütchen schuld" oder "Das Märchen vom dicken fetten Pfannekuchen" nicht nur für Spott und Häme, sondern täuschten auch eine infantile Harmlosigkeit vor, die Siegfrieds Libretti gar nicht einlösten. Lediglich seine erste, 1899 in München uraufgeführte und sofort im In- und Ausland nachgespielte Oper "Der Bärenhäuter" entsprach dem selbstgesteckten Ziel der Volkstümlichkeit. Statt diesen erfolgversprechenden Kurs weiterzuverfolgen, erzählte Siegfried immer komplexere Geschichten voll düsterer Symbolik, indem er Märchenmotive zu ganz neuen Zusammenhängen verknüpfte. Verstörende Themen wie Abtreibung und Kindsmord, Hexenprozesse und soziale Ächtung spiegeln wohl seine Selbstwahrnehmung als Außenseiter in einer moralisch verlogenen Gesellschaft wider. Zum Kassenschlager taugten derartige Opern allerdings nicht: Siegfried gelangte immer mehr zur Überzeugung, nur noch für "das Schubfach" zu komponieren. Allerdings nicht ohne Hoffnung, dass seine Werke einst doch noch gehört würden!

Heutzutage liegt sein gewaltiges Oeuvre – 17 Opern, konzertante und symphonische Werke – fast vollständig auf Tonträgern vor. Vielleicht ist ja der 150. Geburtstag von Siegfried Wagner ein guter Anlass, das Vorurteil vom harmlosen Märchenkomponisten musikalisch zu überprüfen.

Veranstaltungshinweise

Am 9. und 10. August 2019 bringen die Solisten des pianopianissimo-musiktheaters mit den Nürnberger Symphonikern unter der Leitung von Frank Strobel im Markgräflichen Opernhaus Bayreuth Siegfried Wagners Oper "An allem ist Hütchen schuld" zur Aufführung.

Zum 150. Geburtstag von Siegfried Wagner gastieren die Berliner Symphoniker am 17. August 2019 mit einem Konzert im Rahmen der Bayreuther Festspiele im Markgräflichen Opernhaus. Auf dem Programm stehen das Vorspiel zur Oper "Sonnenflammen" op. 8, das Konzert für Violine und die Symphonie in C.

Vom 24. Juli bis 30. August 2019 findet eine Ausstellung über Leben und Werk Siegfried Wagners im Alten Schloss Bayreuth statt. Täglich von 10 bis 16 Uhr geöffnet.

Kommentare (1)

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Donnerstag, 06.Juni, 14:19 Uhr

Midou Grossmann

Wagner und Co.

Langsam ermüdend, diese Seitenhiebe auf Cosima Wagner. Sie war keine erstarrte Rückwärtsdenkende, sondern sie verstand als Erste die enorme Bedeutung der Werke Richard Wagners. Sie zog sich dennoch vollkommen aus dem Festspielhaus 1906 zurück, Siegfried Wagner hatte freie Hand. Kann man in Originalbriefen lesen. Übrigens: sie war die geniale Tochter von Franz Liszt. Eine große Pianistin hätte sie werden können, wahrscheinlich auch eine Dirigentin und war wohl eine sehr unabhängige, starke Frau.

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