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75. Geburtstag von Peter Brötzmann Starke Lunge gegen die Indifferenz

Der große Ungestüme mit den vielen Facetten: Porträt des Saxophonisten, Bildenden Künstlers und Jazz-Avantgardisten Peter Brötzmann, der am 6. März 1941 geboren wurde. Nach seinen Sounds wurde das Wort "brötzen" geprägt - und mit seinen Radikal-Klängen ist er auch in den USA und Japan verblüffend populär.

Fans eher traditioneller Jazzklänge haben einen wie ihn stets gemieden. Der am 6. März 1941 in Remscheid geborene Bildende Künstler und Musiker Peter Brötzmann ist für sie gleichsam der Teufel persönlich. Er spielt das Saxophon so ungestüm, dass es schier zu bersten scheint, Musik war bei ihm lange Zeit der pure Exzess. Verehrer nennen ihn liebevoll den "Vater des deutschen Free Jazz". Doch weit über die Bundesgrenzen hinaus hat dieser Musiker aktuelle Entwicklungen mitgeprägt, geschätzt und verehrt wird er auch in den USA und in Japan. Sein Klang und seine unnachgiebige musikalische Haltung haben sogar den deutschen Wortschatz bereichert. Um ein Verb: "brötzen". Ein Wort, das man nicht nachschlagen muss, wenn man die Musik dieser deutschen Free-Jazz-Ikone hört, die am 6. März dieses Jahres 75 wird.

Einer wie er klingt nie harmlos. Seine Musik ist wild, ungestüm, aufbegehrend, rau-ungeschliffen, energiegeladen, ausdrucksgierig und wahrhaftigkeitsversessen. Jeder Ton ein Statement. Es ist Musik mit viel Puste und gehörig Lust am Sound. Und diese Lust wiederum lässt offenbar auch mit zunehmender Reife nicht nach.

Ich bin ein ganz alt gewordener Jazzmusiker. Ja.

"Jazzmusiker" spricht er dabei so aus, wie es die nach dem zweiten Weltkrieg mit dieser Musik großgewordene Generation grundsätzlich tat: „Jatzmusiker“.

Peter Brötzmann ist seit den 1960er Jahren eine herausragende Figur der etwas heftigeren Gangart des europäischen Jazz. Sein Schaffensdrang und auch sein Bekanntheitsgrad haben dabei, wie es scheint, nie nachgelassen. Brötzmann hat nicht aufgehört, neugierig zu sein. Er ist und bleibt eine Konstante, eine starke Lunge gegen die Indifferenz. Immer noch umgibt er sich mit herausragenden jungen Musikern, wie etwa dem Schweizer Schlagzeuger und Komponisten Michael Wertmüller, dem US-amerikanischen Drummer Nasheet Waits oder dessen Landsmann Jason Adasiewicz, einem Vibraphonisten Jahrgang 1977. Er experimentiert mit Tönen, denen er sich bisher noch nicht ausführlich genähert hat - etwa denen der amerikanischen Pedal-Steel-Gitarristin Heather Leigh. Sein Tourplan für 2016 ist ziemlich beeindruckend. Im März Deutschland und Polen, im April unter anderem Skandinavien, im Mai Kanada und unterschiedliche Orte der USA, von Austin, Texas, bis San Francisco - und nicht zuletzt Chicago. Und stets mit neuen Partnern - um die Herausforderungen nicht unnötig herunterzuschrauben.

Ein Bürgerschreck. Ein - auf den ersten Blick zumindest, auf den zweiten dann nicht mehr - Holzfäller-Typ mit Bürstenhaar und einem Buschwerk von Bart. Und zugleich einer, der überraschend sanft wirkt, wenn er spricht. Die Stimme: leicht aufgeraut, ja. Aber kein Beton-Organ. Sondern ein Sound, der leise ausschwingt.

Ich hab’s immer noch gerne, wenn ich einen Trommler hinter mir habe. Wenn es losgeht und das Horn vibriert. Das ist schon ein gutes Gefühl.

Dieser Ungezähmte - immerhin seit fünf Jahrzehnten der wohl wildeste Mann des deutschen Jazz - ist sensibel. Ein Mann wie ein Baum, mit den rücksichtsvollsten Umgangsformen, die man sich vorstellen kann. Das schlägt sich auch musikalisch nieder. Ganz fein abgetönt klingt seine Musik in zarten Momenten. Doch lange Zeit war der deutsche Free-Jazz-Saxophonist Peter Brötzmann schlicht einer der Lautesten im Lande. Wie ein Nebelhorn klang da das Saxophon. Sogar richtig martialisch konnte seine Musik werden.

Die Reaktionen waren dementsprechend. Brötzmann erinnert sich an ein Festival in Belgien, in Comblain-La-Tour, einem Dorf bei Liège. Saxophonist John Coltrane trat dort mit seinem Quartett auf, natürlich bei einem Abendkonzert. Brötzmanns Band war im Nachmittagsprogramm und sollte 40 Minuten spielen.

Und nach fünf oder zehn Minuten war der Strom weg. Wir haben unsere 40 Minuten gespielt ohne Rücksicht auf Verluste. Aber so war das nun mal.

Sogar bei der Studentenbewegung stieß seine Musik auf Unverständnis. Da flogen schon mal Bierdosen, weil das Publikum den freitönenden Jazz als elitär empfand, als Musik des "Establishments".

Wir sagten dann: Wir spielen trotzdem weiter, wir müssen ja unsere Miete zahlen. Hinterher können wir ja dann drüber diskutieren - aber da war natürlich keiner mehr da.

"Machine gun" von 1968 ist Peter Brötzmanns provozierendstes und bekanntestes Werk, höchst kontrovers diskutiert. Ein Berserker mit System: Brötzmann studierte Kunst, arbeitete ursprünglich als Grafiker. In jungen Jahren arbeitete er an seinem Wohnort Wuppertal für den damals schon international berühmten Künstler Nam June Paik. Der ermutigte ihn: "Brötzmann, mach deinen Scheiß!" So zumindest schildert es Peter Brötzmann heute, sich an die damalige Zeit erinnernd. Seine Arbeit als Bildender Künstler hat Brötzmann auch als Musiker geprägt. Als Maler, sagte er einmal, habe er gelernt, die Freiheit des persönlichen Ausdrucks zu gebrauchen. Konventionelle Schemata waren da, um sie wegzufegen.

Peter Brötzmann als Maler - im Katalog zu einer Ausstellung seiner Gemälde im Jahr 2011 schrieb die Kunsthistorikerin Susanne Buckesfeld:


„Das künstlerische Schaffen von Peter Brötzmann zeichnet sich trotz einer überwiegend herben, ja düsteren Ausdrucksweise durch außerordentliche Sensibilität aus. (…) So rührt die Musik ebenso wie das bildnerische Schaffen stark von der Emotionalität des Künstlers her, der er hör- und sichtbar Ausdruck verleiht. (…) Eine weitere Gemeinsamkeit beider Kunstformen stellt das originäre Anliegen Peter Brötzmanns dar, tradierte Wege zu verlassen und zu überschreiten, Konventionen zu zerstören und im vermeintlichen Verfall und Verlust eine neue, umso fragilere Poesie entstehen zu lassen. Die Abkehr von den Weiheformen der Hochkultur, sowohl der klassischen Musik als auch der schönen Künste, geht allerdings mit einem Höchstmaß an Sinnlichkeit und Eindringlichkeit einher. Während die Rezipienten auf dem musikalischen Feld den packenden, klagenden, verstörenden Klangkaskaden des Free Jazz ungeschützt ausgesetzt sind, schaffen die Bildwelten Peter Brötzmanns hierzu einen Gegenpol von meditativer Ruhe, die dennoch jene, die sie betrachten dürfen, zu berühren vermag.“

Peter Brötzmann steht für eine Musik, die alte Formen bricht, neue sucht und Zwänge kategorisch ablehnt. Sein Jazz wirbelt und fiept und donnert und dröhnt. „Die tetutonische Axt“ nannte man Peter Brötzmann denn auch gern. Seine musikalische Stimme wurde sehr bald international gehört: in Frankreich, England, in den USA. Im Mutterland des Jazz kennt man ihn vor allem seit den neunziger Jahren gut. "Peter Brotzman" heißt er da.

Seine Sprache ist universell: Musik als Aufbegehren. Eine, die alle Töne dieser Welt ausprobiert. Und die mit ungeschönten Tönen zeigt, wie die Welt ist.

"Brutale Musik für eine brutale Zeit": Das war einst ein Motto Peter Brötzmanns.

Es gibt eigentlich keinen Grund, nicht mehr wütend zu sein.

Und dennoch spricht er auch mit einer gewissen lakonischen Distanz von den wilden 1960er Jahren, aus denen das Diktum von der "brutalen Musik" stammt. Auf die Welt reagieren er und seinesgleichen aber immer noch. Etwa im Jahr 2011 führte sein Chicago Tentet zusammen mit einem japanischen Koto-Spieler ein Stück mit dem Titel "Concert for Fukushima" auf - reagierend auf die atomare Katastrophe, die soeben die Welt erschüttert hatte.

Manche seiner Töne haben eine sperrige Anmut, sind verwegen schön. Wie auch einige Stück- und Plattentitel: "Ein halber Hund kann nicht pinkeln". "Wolke in Hosen". "3 points and a mountain". Das sind Worte aus einem Kopf, der sich nicht verbiegen lässt. Auch seine Töne hat Peter Brötzmann nie beugen, nie glätten lassen. Die Wege, die Peter Brötzmann, der sensible Radikale, im Jazz beschritten hat, sind immer noch spannend. Ausdrucksgier, Kompromisslosigkeit: Sie werden nicht langweilig.

Brötzmann auf BR-Klassik

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