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Jazz-Buchtipps für den Sommer Coltrane trinkt Honig und Mitchell erzählt

Es gibt unzählige Arten, sich dem Thema Jazz auch schreibend zu nähern: etwa durch eine Biografie, durch Erfahrungsberichte, autobiografische Erzählungen oder genre-spezifische Abhandlungen. Man kann auch einfach einen jazz-affinen Krimi schreiben. Die BR-KLASSIK Jazzredaktion hat fünf Bücher für Sie ausgesucht, die Ihnen im heißen Sommer ein cooles Jazz-Gefühl vermitteln werden.

Buch wird in einer Hängematte gelesen | Bildquelle: picture-alliance/dpa

Bildquelle: picture-alliance/dpa

Oskar Riha: "Jazz in Concert – Mein Leben als Konzertveranstalter"

Buch-Cover Oskar Riha: Jazz in Concert | Bildquelle: Rosamontis Verlag Bildquelle: Rosamontis Verlag Im Jazz gibt es Helden, die im Scheinwerferlicht stehen und solche, die im Hintergrund bleiben. Eigentlich sind beide gleich wichtig, ohne die einen gäbe es die anderen nicht und andersherum. Oskar Riha steht nicht gerne im Scheinwerferlicht. Besonders unangenehm war es für ihn, 500 Besuchern in der ausverkauften Stadthalle Memmingen erklären zu müssen, warum das Konzert der beiden Jazz-Superstars Pat Metheny und Charlie Haden verspätet beginnen würde. Es hatte etwas mit einem "Showanzug" zu tun. Die ganze Geschichte kann man nachlesen im Buch "Jazz in Concert - Mein Leben als Konzertveranstalter". Darin blickt Oskar Riha, Musiklehrer und seit 1994 Konzertveranstalter in Memmingen auf seine Tätigkeit zurück.

Im Jahr 1998 gründete er den Verein "JAMM Jazz-Art Memmingen e.V.", und als dessen erster Vorsitzender holte er 22 Jahre lang Jazzgrößen ins Allgäu. Gemeinsam mit seiner Frau Susanne Schulzke-Riha hat er nun seine Erinnerungen aufgeschrieben. So ist ein Buch voll heiterer, skurriler, beeindruckender und liebevoller Geschichten rund um das Leben eines Konzertveranstalters entstanden. Von Rückschlägen, Enttäuschungen und doch immer wieder Momenten, die zum Weitermachen anregen, kann man in diesem Buch lesen. Jazz lebt eben dort, wo es Helden gibt - auch solche, die nicht ganz im Scheinwerferlicht stehen.
Erschienen im Rosamontis Verlag

Peter Kemper: "John Coltrane"

Buch-Cover Peter Kemper: John Coltrane | Bildquelle: Reclam Bildquelle: Reclam Einer der radikalsten Musiker des Jazz, einer, der sich völlig verausgabte auf der Suche nach immer neuen Dimensionen des Klangs und der Ausdruckskraft: Das war der Saxophonist John Coltrane, der von 1926 bis 1967 lebte. Peter Kemper, lange Zeit Hörfunk-Mann des Hessischen Rundfunks und freier Musik-Kritiker bei der Frankfurter Allgemeinen Zeitung, zudem Autor von Büchern etwa über Jimi Hendrix und John Lennon, hat zu Coltranes 50. Todestag ein vorzügliches Buch über den Saxophonisten und Jahrhundertmusiker geschrieben. Auf rund 200 Seiten erfährt man hier alles Wesentliche in schlanker, klarer Sprache, die aber immer komplex und kreativ genug ist, um dem vielleicht größten Meister einer, wie Kemper schreibt, "vor Intensität berstenden Musik" auch im sprachlichen Ton gerecht zu werden. Kemper berücksichtigt auch in den letzten Jahren erschienene Ausgrabungen und Neu-Ausgaben von Coltranes Aufnahmen und geht in zupackenden musikalischen Analysen auf Album-Klassiker wie "Giant Steps", "My Favorite Things", "A Love Supreme" oder "Ascension" ein.

Viel erfährt man auch über den Menschen Coltrane, der sich seiner Kunst so unbedingt hingab, dass er sich etwa, wie Zeitgenossen schilderten, einen leichten Bogen in die oberen Schneidezähne feilte, damit das Mundstück besser Halt fand zwischen den Zähnen. Und der, unisono mit dem Saxophon-Kollegen Eric Dolphy, während einer Aufnahme-Session Honig aus dem Glas trank, um möglichst viel Energie für besonders lange Improvisationen zu gewinnen. "Würde, Wärme, Wahrheit" sind - in der Überschrift des letzten Kapitels - drei Stichworte, die der Autor mit John Coltrane besonders verbindet. Der menschlichen Wärme des Musikers, dem Wahrheits-Drang seiner Töne und der Würde eines Klangs, der nie Kompromisse einging, kommt man mit Kempers Buch sehr nah. Ein Muss für alle, die mehr über eine der größten und tragischsten, im Alter von nur 40 Jahren an Leberkrebs gestorbenen Gestalten des Jazz wissen möchten.
Erschienen bei Reclam

Rainer Wittkamp: “Hyänengesang”

Buch-Cover Rainer Wittkamp: Hyänengesang | Bildquelle: grafit-Verlag Bildquelle: grafit-Verlag Nicht nur Musiker haben einen Sound, auch Schriftsteller haben ihn - erst recht, wenn sie sich so ausgiebig mit Musik beschäftigen wie der in Berlin lebende Krimi-Autor Rainer Wittkamp. Wittkamp ist Jazzfan und begeisterter Posaunist - und das hat auf seinen Krimi-Kommissar Martin Nettelbeck abgefärbt. Auch der hört am liebsten Posaunen-Jazz, wenn er sich bei der kniffligen Lösung eines Falls ein bisschen sammeln muss. Und wenn Nettelbeck, ein sympathischer Nicht-Angepasster, der mit kantig eigenem Schädel gern auch mal aneckt, bei seinen Ermittlungen Berliner Schauplätze aufsucht - hier zum Beispiel den Viktoria-Luise-Platz in Schöneberg -, dann klingt das so: "In der New-Wave-Ära war die Gegend eine angesagte Ausgehmeile gewesen. Als Gymnasiast hatte der Kommissar in den anliegenden Lokalen am Wochenende oft bis in die frühen Morgenstunden gefeiert. In einem der Hinterhöfe hatte er in einer schwülen Sommernacht seine Unschuld verloren, diverse Drogen ausprobiert (na ja, zumindest Alkohol, Cannabis und ein-, zweimal Kokain), verrückte Pläne geschmiedet und von einer Karriere als Jazzposaunist geträumt."

Der nun bereits fünfte Fall des Kommissars Nettelbeck rankt sich um einen einstigen Schlagerstar mit dem schönen Namen Roman Weiden und die Machenschaften eines Managers, der Maximilian Hollweg heißt (auch das ein Name mit Nachklang), sowie um einen Diplomaten, der seine Immunität dahingehend ausnutzt, sich eine Sklavin zu halten und an dem sich Nettelbeck fast die Zähne ausbeißt. Dazwischen kann der Leser immer wieder Musik entdecken: etwa von Grachan Moncur III und Wycliffe Gordon. Außerdem - in einer Szene, die bei der Verleihung des Albert-Mangelsdorff-Preises 2013 im Haus der Berliner Festspiele angesiedelt ist - den Sound des deutschen Posaunen-Stars Nils Wogram.
Erschienen im grafit-Verlag

Anke Steinbeck: “Fantasieren nach Beethoven: Praxis und Geschichte kreativer Musik”

Buch-Cover Anke Steinbeck: Fantasieren nach Beethoven | Bildquelle: Verlag Dohr Bildquelle: Verlag Dohr Keith Jarrett und Brad Mehldau sind heutige Superstars dieser Kunst, Louis Armstrong und John Coltrane setzten Maßstäbe darin, und auch Bach, Beethoven und Chopin waren Meister der Disziplin. Die Rede ist von: Improvisation - in der Klassik und Romantik auch "Fantasieren" genannt, wenn es um das spontane Erfinden von Stücken in freier Form ging. Die Musikwissenschaftlerin und Projektleiterin des Jazzfests Bonn, Anke Steinbeck, hat sich unter anderem in vielen Interviews mit dem Thema Improvisation beschäftigt und ihre Ergebnisse in dem Buch "Fantasieren nach Beethoven" zusammengefasst. Im ersten Drittel nimmt die Beethoven-Stadt Bonn und deren Musikleben einen breiten Raum ein, aber danach schält sich viel übergreifender Erkenntniswert heraus.

Als Mit-Organisatorin von Konzerten fiel der Autorin auf, dass auch der klassische Musikbetrieb - der Improvisation im 20. Jahrhundert besonders stark ausgeschlossen hat - heute dabei ist, die ungewöhnliche Kraft spontan erfundener Musik wieder umfassend zu entdecken. Diese Kraft schildern Musiker in Interviews sehr unterschiedlich und ziemlich lebendig. Der Bassist Dieter Ilg etwa erzählt, wie er in jungen Jahren ein Solo auswendig gelernt habe, sich aber im Konzert dann nicht mehr daran erinnern konnte und damit gezwungen war zu improvisieren - mit verblüffendem Erfolg beim Publikum, denn das Stegreif-Solo hatte offenbar enorme Intensität. Der Filmmusik-Komponist Enjott Schneider schildert, dass er seine Schüler im Harmonielehre-Unterricht oft dazu angeregt habe, Tonsatzübungen auf dem Instrument zu improvisieren statt sie geduldig auf Notenblättern zu fixieren; damit wollte er emotional wenig fesselnde "Papiermusik" vermeiden. Seine Überzeugung: Im Spielen "by heart" könne man oft auch Musik mit mehr "Herz" schaffen. Besonders erfrischend das Interview mit dem Vibraphonisten und Theorie-Professor Christopher Dell, der in Berlin auch ein Institut für "Improvisationstechnologie" leitet und Improvisation auch stark auf das Alltagsleben überträgt: "konstruktiven Umgang mit Unbestimmtheit in Gemeinschaft" nennt er das auch. Musikalische Improvisation ist für Dell eine Sache auf sehr hohem Niveau: "Jazz ist für mich keine Unterhaltungsmusik", sagt er: "Ebenso wie die zeitgenössische notierte Musik" gehöre Jazz "in den Konzertsaal". Er merkt allerdings einschränkend an, dass man auch im Jazz schlechte Improvisationen finde: "Doofe Musik gibt es genug und in allen Genres".

"Fantasieren nach Beethoven" ist der erste Teil einer auf drei Bände angelegten Reihe. In den Fortsetzungen sollten Fehler wie der falsche Vorname bei Rossini und der fehlende erste Vorname bei dem bedeutenden Musiktheoretiker Heinrich Christoph Koch allerdings nicht mehr passieren.
Erschienen im Verlag Dohr

"Joni Mitchell - In Her Own Words"

Buch-Cover Malka Marom: Joni Mitchell "In her own words" | Bildquelle: ECW Press Bildquelle: ECW Press Man muss nicht mit ihnen aufgewachsen sein, um die Songs von Joni Mitchell, der großen kanadisch-amerikanischen "Mutter aller Singer-Songwriter", zu kennen. Lieder wie "Both Sides Now", "Big Yellow Taxi", "Woodstock" oder "This Flight Tonight", die sie Ende der 60er Jahre geschrieben hat. Nicht nur sie selbst hat sie gesungen, sondern auch Rockbands, Jazzmusiker und Folksängerinnen haben ihre Klassiker adaptiert. Ihre Zusammenarbeit mit Jazzlegende Charles Mingus, die Alben mit dem "L.A. Express", mit Herbie Hancock, Wayne Shorter und Jaco Pastorius, und ihr Spätwerk - zwei mit Symphonieorchester eingespielte Doppelalben - sind außerdem Bestandteil der beeindruckenden künstlerischen Biographie einer sich immer selbst treu gebliebenen, großen Wandlungsfähigen. Aus Joni Mitchells ebenso pointierten wie poetischen Texten sprechen ihre scharfe Beobachtungsgabe und ihr analytischer Blick auf die eigene Gefühlswelt. Mit den feinen Nuancen ihrer Stimme - früher klarer Sopran, später rauchiger Alt - gab sie den wundersamen Melodien ihrer Stücke eine besondere erzählerische Note und erschuf mit ihren ungewöhnlichen, häufig auf offenen Gitarrenstimmungen basierenden Harmonien eine einzigartige Klangwelt.

Es gibt eine ganze Reihe englischsprachiger Bücher über sie. Dieses im Jahr 2014 erschienene trägt den verheißungsvollen Titel "Joni Mitchell in her own Words". Es sind Transkriptionen von drei langen Gesprächen, die sie 1973, 1979 und 2012 mit der kanadischen Sängerin und Radiojournalistin Malka Marom geführt hat. Joni Mitchell spricht darin sehr offen über ihr Leben und ihre Ansichten. In vielen anekdotischen Geschichten entfaltet sich ihr spannender Werdegang, in dessen frühen Jahren es an Härten nicht fehlte, und das Bild einer vielschichtigen, nach Unabhängigkeit und Freiheit strebenden Persönlichkeit. Mitchells künstlerischer Anspruch, moderne amerikanische Musik zu machen, war immer eng verknüpft mit der Verarbeitung ganz persönlicher Lebenserfahrung. Viel Humor schwingt dabei mit und manchmal auch eine Prise Bitterkeit.
Erschienen bei ecwpress.com

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