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Dusko Goykovich, der Sound-Poet vom Balkan Der Jazz-Trompeter wird 85

So weiche und vollendete Linien wie er spielen die wenigsten. Jedenfalls im Jazz. Und auf seinem Instrument, der Trompete. Muskeln lässt er niemals spielen, aber er hat sie - und fesselt Hörer von Tokyo bis New York mit müheloser Klang-Eleganz. Jetzt wird der in München lebende Weltstar Dusko Goykovich 85 Jahre alt.

Dusko Goykovich | Bildquelle: picture-alliance/dpa

Bildquelle: picture-alliance/dpa

Er ist ein Meister des entspannten Tons. Vermutlich gibt es kaum einen Jazz-Trompeter, der bei seiner Arbeit lockerer aussieht. Egal, mit wem er auf der Bühne steht, er ruht in sich. Wenn sein Solo dran ist, dann schlendert er lässig in seinem legeren, aber stets gut sitzenden Jackett zum Mikro, setzt das Instrument an die Lippen und lässt die Töne swingen: und zwar in feinen, niemals angestrengt wirkenden Linien, die aber mit viel Gespür für die Form aufeinander aufbauen. Ein Trompetensolo: Das ist bei ihm kein Schneller-höher-weiter mit inszeniertem Kraftaufwand, sondern eine spontane Komposition. Beim Jazz das hohe Ideal - aber nur von wenigen so gut beherrscht wie diesem aus dem ehemaligen Jugoslawien stammenden und in München lebenden Weltstar: Dusko Goykovich.

Strahlende Trompetentöne

Es erstaunt viele, die Dusko Goykovich über die Jahre immer wieder erlebt haben, stets aufs Neue: Selbst die quirligsten Töne wirken bei ihm wie aus dem Ärmel geschüttelt. Man spürt nicht die geringste Mühe. Und das ist in einem Alter, in dem die Mundwerkzeuge nicht mehr selbstverständlich geeignet sind für strahlende Trompetentöne, bei ihm immer noch so wie vor Jahrzehnten. Erst im März 2016 konnte das Publikum der Internationalen Jazzwoche Burghausen erleben, wie gut die Töne bei diesem Könner noch sitzen. Und wie gelassen er noch auf der Bühne steht. Dusko Goykovich protzt nie mit seinen musikalischen Muskeln, er setzt sie mit allergrößter Beiläufigkeit ein - und seine Töne treffen immer ganz genau. In purer Eleganz. "A hell of a trumpet player" nannte ihn einer, der selber ein Trompeten-Überflieger war: der Amerikaner Dizzy Gillespie. Wenn die Hölle etwas mit besonders formvollendeten Tönen zu tun hat, dann hatte Gillespie recht mit diesem Ausspruch.

Ich übe wirklich jeden Tag. Und es wird besser mit der Zeit.
Dusko Goykovich

So lakonisch spricht Dusko Goykovich selbst über das, was ihn auch auszeichnet: besondere musikalische Disziplin. Vermutlich hat ihn nur die zu jenem Meister gemacht, der später zum hochgeschätzten Kollegen amerikanischer Idole wie Miles Davis und Sonny Rollins wurde. Von Anfang an hat dieser Musiker stets täglich geübt, in der ersten Zeit "drei, vier, fünf Stunden am Tag, und abends gab ich dann auch noch Konzerte; später aber genügten dann zwei Stunden - aber die mussten schon sein." Ein konsequenter Arbeiter - und das bis in die jüngste Zeit.

Am 14. Oktober 1931 wurde Dusko Goykovich in einem Ort namens Jaice in Bosnien geboren, er wuchs aber in Belgrad auf. Als 16-Jähriger hörte er auf einem selbstgebauten Kurzwellenempfänger heimlich "Voice of America". Die im damaligen Jugoslawien verbotenen Töne etwa von Louis Armstrong und Roy Eldridge ließen ihn nicht mehr los. Von geliehenem Geld kaufte er sich bei einem Trödler ein gebrauchtes Kornett (also jenes trompetenähnlich Instrument, mit dem auch Louis Armstrong ursprünglich bekannt wurde). Er nahm Unterricht und wurde bald zum begehrten Mitglied von Tanzkapellen, die heimlich auch gern Jazz spielten. Als sich das Tito-Regime schließlich mehr westlich orientierte und sogar eine Bigband im Staatsrundfunk zuließ, konnte Dusko Goykovich dem vorher verpönten Jazz endlich gefahrlos auch öffentlich frönen. Und er blieb dabei.

Play your own thing

1955 nutzte Goykovich eine Gastspiel-Einladung nach Frankfurt am Main, um im Westen zu bleiben. Er quartierte sich mit Feldbett und Marinesack im Jazzkeller ein, übte tagsüber und jammte nachts. Wenig später spielte er in München bei Max Greger und in Köln bei Kurt Edelhagen, trat mit amerikanischen Weltstars auf. Anfang der 1960er-Jahre lebte er selbst in den USA, studierte in Boston Jazztheorie, Komposition und Arrangement, wurde für die Big Bands von Woody Herman und Maynard Ferguson engagiert. Doch er kehrte 1966 nach Deutschland zurück. Denn zum einen merkte er schnell, dass ein Jazz-Solist in den USA stets in der Gefahr war auszubrennen. Und zudem hatten ihm berühmte Kollegen wie Miles Davis klargemacht, dass es wichtig ist, einen eigenen Ton zu finden: Play your own thing, hieß die Devise. In Europa konnte er das "own thing" besser verwirklichen. Und das tat er schnell.

Wieder in Deutschland, nahm er in Köln ein Album auf, das Maßstäbe setzte: "Swinging Macedonia". Die vertrackten Rhythmen und melancholisch angehauchten Melodien Südosteuropas verband er auf dieser Platte mit aktuellen Jazztönen so hervorragender Partner wie Saxophonist Nathan Davis und Pianist Mal Waldron. Das war Jazz, der anders groovte als der sonst gängige. "Balkan-Jazz" nannte man diese Mischung alsbald.

Ich hab versucht, dieses Balkan-Melos und den Rhythmus in ein Jazz-Idiom zu bringen - und zwar in einen modernen Jazz-Stil.
Dusko Goykovich

Dusko Goykovich spielte dabei nicht einfach bekannte Melodien mit einer jazzigen Besetzung, sondern er versuchte eine Durchdringung: ein groovender Untergrund, aber mit ungewohnten rhythmischen Akzenten, Melodien mit leicht orientalischem Einschlag, aber phrasiert wie moderne Jazz-Linien - und das Ganze mündend in zeitgemäße Improvisationen, in denen das neue Jazz-Spielmaterial nach allen Regeln aktueller Kunst zerlegt und neu kombiniert wurde. Die Balkan-Elemente nicht als Sound-Deko, sondern als Substanz, die sich mit der zeitgenössischen Jazz-Substanz verbindet. Deshalb klingen Goykovichs Stücke wie "Macedonia" oder "Balkan Blue" noch heute nicht nach swingend maskierter Folklore. Sie sind mehr.

"Jazz ist Freiheit": So heißt ein Buch über Dusko Goykovich, das 1995 in der Schriftenreihe des Bayerischen Jazzinstituts Regensburg erschien. Der Titel kam nicht von ungefähr: Goykovich musste sich diese Musik von Anfang an erkämpfen. Freiheit, die nicht selbstverständlich ist. Vielleicht klingt sein Jazz deshalb so gelassen: eine Existenz, für die er hart gearbeitet hat - und die ihn jeden Tag belohnt.

Die Gedanken sind frei, das Spielen beim Jazz auch. Der Politkommissar kann mir nämlich nicht sagen, wie ich zu improvisieren, wie ich einen Blues zu spielen habe.
Dusko Goykovich

So begründet Dusko Goykovich, weshalb Jazz für ihn "Freiheit" bedeute. Um die Freiheit, so zu spielen, wie es seiner Person am besten entspricht, musste Dusko Goykovich aber in unterschiedlichen Lebensphasen jeweils auf andere Art kämpfen. In Ex-Jugoslawien ging es um die Freiheit, überhaupt Jazz spielen zu können. In den USA und der Zeit direkt danach ging es um die Freiheit, seinen eigenen Stil zu finden und zu realisieren. In den Jahrzehnten nach den 1960er-Jahren, als Trends wie Rock-Jazz und Free Jazz neue Maßstäbe setzten, ging es darum, trotzdem am Ball zu bleiben: Dusko Goykovich war da plötzlich jemand, den man mit "Mainstream" verband und nicht mit dem letzten Schrei der Blue notes. Hier ging es um die Freiheit, mit den eigenen Tönen weiterhin zu existieren. Goykovich schaffte es, weil er so ein herausragender Könner war. Freiheit hing da ganz besonders mit dem zusammen, das man (ungerechterweise) selten mit ihr assoziiert: mit Disziplin. Und die hat Goykovich wie nur wenige seiner Kollegen.

Weit mehr als Balkan-Jazz

Auf „Balkan-Jazz“ war er nie zu reduzieren. Dusko Goykovich, der seit 1968 in München lebt und in der Jazz-Szene der Bayerischen Landeshauptstadt stets ein leiser Mentor vieler Musiker war, gehört zu jenen Musikern, die in den unterschiedlichen klassischen Klängen des modernen Jazz besonders glänzen: Blues, Bebop, Balladen. Und Latin-Jazz, den er besonders liebt. Das alles hat bei ihm bis heute eine jugendlich strahlende Kraft. Besondere Musikalität – vor allem ein hervorragendes Gefühl für Melodien – ergänzt sich mit der besonders gepflegten Spieltechnik.

1998 wurde Goykovich der Schwabinger Kunstpreis verliehen - und  2015 erhielt er den begehrten Musikpreis der Landeshauptstadt München. In der Jurybegründung für diesen mit 10.000 Euro dotierten und hoch angesehenen, spartenübergreifenden Preis heißt es über Goykovich:  "Er gilt als Souverän aller Spielklassen, dem es bei aller Virtuosität und musikalischer Kompetenz trotzdem niemals wichtig war, als der Weltstar gefeiert zu werden, der er eigentlich ist. Und er ist lässt es sich weiterhin (…) nicht nehmen, regelmäßig mit seiner Trompete in Münchner Clubs oder an der Hochschule zu erscheinen, um die anderen an seiner Kunst und seinen Erfahrungen teilhaben zu lassen."

Eigentlich ist es ganz einfach: Du musst immer mit den besten spielen.
Dusko Goykovich

Das sagte Dusko Goykovich einmal im Gespräch mit dem früheren BR-Moderator Joe Kienemann. Da gehörte er selber aber auch schon zu den besten. Ein Meister, ein Ausnahme-Könner, einer, der am Boden und stets nah am Mundstück geblieben ist. Und einer, der Töne spielt, die berühren: Dusko Goykovich.

Konzerttipp

Dusko Goykovich tritt zusammen mit Saxophonist Scott Hamilton am 23. Oktober 2016 im Velodrom Regensburg auf
– beim 1. Landesjazzfestival Bayern, am selben Abend wie die Band des Gitarristen John Scofield.

Radio- und TV-Tipp

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