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Dusko Goykovich, der Sound-Poet vom Balkan Der Jazz-Trompeter wird 90

So weiche und vollendete Linien wie er spielen die wenigsten. Jedenfalls im Jazz. Und auf seinem Instrument, der Trompete. Muskeln lässt er niemals spielen. Aber er hat sie: Und fesselt Hörer von Tokyo bis New York mit müheloser Klang-Eleganz. Jetzt wird der in München lebende Weltstar Dusko Goykovich 90 Jahre alt.

Dusko Goykovich | Bildquelle: picture-alliance/dpa

Bildquelle: picture-alliance/dpa

Sound-Poet vom Balkan

Zum 90. Geburtstag von Dusko Goykovich

Er ist ein Meister des entspannten Tons. Vermutlich gibt es kaum einen Jazz-Trompeter, der bei seiner Arbeit lockerer aussieht. Egal, mit wem er auf der Bühne steht, er ruht in sich. Wenn sein Solo dran ist, dann schlendert er lässig in seinem legeren, aber stets gut sitzenden Jackett zum Mikro, setzt das Instrument an die Lippen und lässt die Töne swingen: und zwar in feinen, niemals angestrengt wirkenden Linien, die aber mit viel Gespür für die Form aufeinander aufbauen. Ein Trompetensolo: Das ist bei ihm kein "schneller-höher-weiter" mit inszeniertem Kraftaufwand, sondern eine spontane Komposition. Beim Jazz das hohe Ideal – aber wenige beherrschen das so gut wie dieser aus dem ehemaligen Jugoslawien stammende und in München lebenden Weltstar: Dusko Goykovich.

Strahlender Trompetensound

Goykovich protzt nie mit seinen musikalischen Muskeln, er setzt sie mit allergrößter Beiläufigkeit ein – und seine Töne treffen immer ganz genau. In purer Eleganz. "A hell of a trumpet player" nannte ihn einer, der selber ein Trompeten-Überflieger war: der Amerikaner Dizzy Gillespie. Wenn die Hölle etwas mit besonders formvollendeten Tönen zu tun hat, dann hatte Gillespie recht mit diesem Ausspruch.

Es erstaunt viele, die Dusko Goykovich über die Jahre immer wieder erlebt haben, stets aufs Neue: Selbst die quirligsten Töne kamen bei ihm wie aus dem Ärmel geschüttelt. Man spürte nicht die geringste Mühe. Und das war bei ihm noch bis vor zwei Jahren so: in einem Alter, in dem die Mundwerkzeuge nicht mehr selbstverständlich geeignet sind für strahlende Trompetentöne. In jüngster Zeit jedoch ist Dusko Goykovich nicht auf der Bühne zu erleben. Vor zwei Jahren, an seinem 88. Geburtstag, trat er im Münchner Jazzclub "Unterfahrt" auf, stand noch gelassen wie eh und je auf der Bühne und spielte hervorragend durchgestaltete Soli. Doch danach sagte er, beim Feiern unter alten Bekannten: "Ich muss jetzt mal ein bisschen Pause machen mit den Konzerten." Er schont sich und feiert diesmal seinen Geburtstag ohne ein eigenes Konzert.

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Guca : Cocek Srece Chochek of Happiness Gypsy Groovz Orchestra featuring Dusko Gojkovic | Bildquelle: GucaTV (via YouTube)

Guca : Cocek Srece Chochek of Happiness Gypsy Groovz Orchestra featuring Dusko Gojkovic

Dusko Goykovich in der Münchner "Unterfahrt"

Kollegen und Weggefährten feiern den Trompeter am 14. Oktober, dem Abend seines Geburtstags, in der Münchner "Unterfahrt" mit einem Tribute-Konzert. Unter der Leitung von Claus Reichstaller, Professor an der Münchner Musikhochschule und Trompetenkollege Goykovichs, spielt ein hochkarätig besetztes Oktett um 20.30 Uhr zu Ehren des Musikers, der seit Jahrzehnten in der Münchner Szene wichtige Impulse setzt – obwohl er weit darüber hinaus bekannt ist. Letzteres belegt der "Master of Global Jazz Award", den Goykovich 2021 vom berühmten Berklee College of Music in Boston verliehen bekam, als zweiter Musiker nach dem amerikanischen Saxophonisten Wayne Shorter. Das Tribute-Konzert in der "Unterfahrt" wird vom Jazzclub selbst auch gestreamt. Und wer weiß, vielleicht schaut der Jubilar ja vorbei und hat wider Erwarten doch die Trompete im Gepäck.

Verbotene Töne

Am 14. Oktober 1931 wurde Dusko Goykovich in einem Ort namens Jaice in Bosnien geboren, er wuchs aber in Belgrad auf. Als 16-Jähriger hörte er auf einem selbstgebauten Kurzwellenempfänger heimlich "Voice of America". Die im damaligen Jugoslawien verbotenen Töne etwa von Louis Armstrong und Roy Eldridge ließen ihn nicht mehr los. Von geliehenem Geld kaufte er sich bei einem Trödler ein gebrauchtes Kornett (also jenes trompetenähnliche Instrument, mit dem auch Louis Armstrong ursprünglich bekannt wurde). Er nahm Unterricht und wurde bald zum begehrten Mitglied von Tanzkapellen, die heimlich auch gern Jazz spielten. Als sich das Tito-Regime schließlich mehr westlich orientierte und sogar eine Bigband im Staatsrundfunk zuließ, konnte Dusko Goykovich dem vorher verpönten Jazz endlich gefahrlos auch öffentlich frönen. Und er blieb dabei.

Play your own thing

1955 nutzte Goykovich eine Gastspiel-Einladung nach Frankfurt am Main, um im Westen zu bleiben. Er quartierte sich mit Feldbett und Marinesack im Jazzkeller ein, übte tagsüber und jammte nachts. Wenig später spielte er in München bei Max Greger und in Köln bei Kurt Edelhagen, trat mit amerikanischen Weltstars auf. Anfang der 1960er-Jahre lebte er selbst in den USA, studierte in Boston Jazztheorie, Komposition und Arrangement, wurde für die Big Bands von Woody Herman und Maynard Ferguson engagiert. Doch 1966 kehrte er nach Deutschland zurück. Denn zum einen merkte er schnell, dass ein Jazz-Solist in den USA stets Gefahr lief, auszubrennen. Und zudem hatten ihm berühmte Kollegen wie Miles Davis klargemacht, dass es wichtig ist, einen eigenen Ton zu finden: "Play your own thing", hieß die Devise. In Europa konnte er das "own thing" besser verwirklichen. Und das tat er schnell.

Wieder in Deutschland, nahm er in Köln ein Album auf, das Maßstäbe setzte: "Swinging Macedonia". Die vertrackten Rhythmen und melancholisch angehauchten Melodien Südosteuropas verband er auf dieser Platte mit aktuellen Jazztönen so hervorragender Partner wie Saxofonist Nathan Davis und Pianist Mal Waldron. Das war Jazz, der anders groovte als der sonst gängige. "Balkan-Jazz" nannte man diese Mischung alsbald.

Ich hab versucht, dieses Balkan-Melos und den Rhythmus in ein Jazz-Idiom zu bringen – und zwar in einen modernen Jazz-Stil.
Dusko Goykovich

Dusko Goykovich spielte dabei nicht einfach bekannte Melodien mit einer jazzigen Besetzung, sondern er versuchte eine Durchdringung: ein groovender Untergrund, aber mit ungewohnten rhythmischen Akzenten, Melodien mit leicht orientalischem Einschlag, aber phrasiert wie moderne Jazz-Linien – und das Ganze mündend in zeitgemäße Improvisationen, in denen das neue Jazz-Spielmaterial nach allen Regeln aktueller Kunst zerlegt und neu kombiniert wurde. Die Balkan-Elemente nicht als Sound-Deko, sondern als Substanz, die sich mit der zeitgenössischen Jazz-Substanz verbindet. Deshalb klingen Goykovichs Stücke wie "Macedonia" oder "Balkan Blue" noch heute nicht nach swingend maskierter Folklore. Sie sind mehr.

"Jazz ist Freiheit": So heißt ein Buch über Dusko Goykovich, das 1995 in der Schriftenreihe des Bayerischen Jazzinstituts Regensburg erschien. Der Titel kam nicht von ungefähr: Goykovich musste sich diese Musik von Anfang an erkämpfen. Freiheit, die nicht selbstverständlich ist. Vielleicht klingt sein Jazz deshalb so gelassen: eine Existenz, für die er hart gearbeitet hat – und die ihn jeden Tag belohnt.

Die Gedanken sind frei, das Spielen beim Jazz auch. Der Politkommissar kann mir nämlich nicht sagen, wie ich zu improvisieren, wie ich einen Blues zu spielen habe.
Dusko Goykovich

So begründet Dusko Goykovich, weshalb Jazz für ihn "Freiheit" bedeutet. Um die Freiheit, so zu spielen, wie es seiner Person am besten entspricht, musste Dusko Goykovich aber in unterschiedlichen Lebensphasen jeweils auf andere Art kämpfen. In Ex-Jugoslawien ging es um die Freiheit, überhaupt Jazz spielen zu können. In den USA und der Zeit direkt danach ging es um die Freiheit, seinen eigenen Stil zu finden und zu realisieren. In den Jahrzehnten nach den 1960er-Jahren, als Trends wie Rock-Jazz und Free Jazz neue Maßstäbe setzten, ging es darum, trotzdem am Ball zu bleiben. Dusko Goykovich war da plötzlich jemand, den man mit "Mainstream" verband und nicht mit dem letzten Schrei der Blue Notes. Hier ging es um die Freiheit, mit den eigenen Tönen weiterhin zu existieren. Goykovich schaffte es, weil er so ein herausragender Könner war. Freiheit hing da ganz besonders mit dem zusammen, das man (ungerechterweise) selten mit ihr assoziiert: mit Disziplin. Und die hat Goykovich wie nur wenige seiner Kollegen.

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Danca Comigo - Dusko Goykovich | Bildquelle: acornbliss (via YouTube)

Danca Comigo - Dusko Goykovich

Weit mehr als Balkan-Jazz

Auf „Balkan-Jazz“ war er nie zu reduzieren. Dusko Goykovich, der seit 1968 in München lebt und in der Jazz-Szene der Bayerischen Landeshauptstadt stets ein leiser Mentor vieler Musiker war, gehört zu jenen Musikern, die in den unterschiedlichen klassischen Klängen des modernen Jazz besonders glänzen: Blues, Bebop, Balladen. Und Latin-Jazz, den er besonders liebt. Das alles hat bei ihm bis heute eine jugendlich strahlende Kraft. Besondere Musikalität – vor allem ein hervorragendes Gefühl für Melodien – ergänzt sich mit besonders gepflegter Spieltechnik.

1998 wurde Goykovich der Schwabinger Kunstpreis verliehen – und 2015 erhielt er den begehrten Musikpreis der Landeshauptstadt München. In der Jurybegründung für diesen mit 10.000 Euro dotierten und hoch angesehenen, spartenübergreifenden Preis hieß es über Goykovich: "Er gilt als Souverän aller Spielklassen, dem es bei aller Virtuosität und musikalischer Kompetenz trotzdem niemals wichtig war, als der Weltstar gefeiert zu werden, der er eigentlich ist. Und er lässt es sich weiterhin […] nicht nehmen, regelmäßig mit seiner Trompete in Münchner Clubs oder an der Hochschule zu erscheinen, um die anderen an seiner Kunst und seinen Erfahrungen teilhaben zu lassen."

Eigentlich ist es ganz einfach: Du musst immer mit den besten spielen.
Dusko Goykovich

Das sagte Dusko Goykovich einmal im Gespräch mit dem früheren BR-Moderator Joe Kienemann. Da gehörte er selber aber auch schon zu den besten. Ein Meister, ein Ausnahme-Könner, einer, der am Boden und stets nah am Mundstück geblieben ist. Und einer, der Töne spielt, die berühren: Dusko Goykovich.

Sendungen: 
"Leporello" am 14. Oktober 2021 ab 16:05 Uhr auf BR-KLASSIK
"Jazztime" am 14. Oktober 2021 ab 23:05 Uhr auf BR-KLASSIK
"Classic Sounds in Jazz" am 3. November 2021 ab 19:05 Uhr auf BR-KLASSIK

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