BR-KLASSIK

Inhalt

Erinnerung an Esbjörn Svensson Groove, Drive und Poesie

Das Energie-Vermächtnis: Vor genau zehn Jahren, am 14. Juni 2008, verunglückte der schwedische Pianist Esbjörn Svensson tödlich. Und immer noch trauert die Jazzwelt. Doch Svenssons Musik strahlt nach wie vor eine aktuell gebliebene Kraft aus.

Der Pianist Esbjörn Svensson bei einem Auftritt 2007 in Hamburg  | Bildquelle: © Isabel Schiffler, picture alliance / Jazzarchiv

Bildquelle: © Isabel Schiffler, picture alliance / Jazzarchiv

Der Beitrag zum Anhören

Musik, die anders war. Das Trio e.s.t. - so die Abkürzung für Esbjörn Svensson Trio – brachte nicht einfach nur "frischen Wind" in den Jazz, sondern gleich eine völlig neue Temperatur. Das Wort "Jazz" war dafür eigentlich zu eng. Oft sprach man von Rockmusik mit Jazz-Instrumenten oder von Jazz mit dem Gestus von Rock. Jedenfalls erreichte dieses Trio aus Schweden, das in den 1990er-Jahren gegründet worden war, auch ein Publikum, das nicht bereits im "Jazz" zu Hause war. Denn die Musik der Band hatte kantigen Groove, griffige Melodien und verwendete durch leichte elektronische Verfremdungen Klänge, die man so noch nicht kannte, in einer Besetzung mit Klavier, Bass und Schlagzeug – der klassischen "Klaviertrio"-Besetzung des Jazz. Der Pianist Esbjörn Svensson war das Zentrum, vielleicht auch "die Seele", des Trios. Nach seinem plötzlichen Tod führten die beiden verbliebenen Band-Mitglieder, Schlagzeuger Magnus Öström und Bassist Dan Berglund, die gemeinsame Unternehmung nicht mehr fort.

Dokumentarfilm "A Portrait of Esbjörn Svensson"

Svenssons Plattenlabel ACT hat unter dem Motto "Remembering Esbjörn Svensson" an unterschiedlichen Orten in Deutschland Veranstaltungen lanciert, in denen unter anderem der schwedische Dokumentarfilm "A Portrait of Esbjörn Svensson" gezeigt wird. Am 14. Juni selbst ist der Film in der Unterfahrt München (19:00 Uhr) und im E-Werk Erlangen (ebenfalls 19:00 Uhr) zu sehen. In der Unterfahrt gibt es anschließend ein Konzert mit Dan Berglund, Magnus Öström und dem Gitarristen Ulf Wakenius.

Drei Schweden erobern die Jazzwelt

Beinahe 20 Jahre ist es her, dass e.s.t. mit einem neuen Album europaweit bekannt wurde. Denn im Jahr 1999 erschien das Album "From Gagarin's Point of View" international. Es markierte einen Aufbruch. Einen ganz neuen Stil im Jazz. Die Musiker kannte man damals noch nicht. Aber sehr bald wurden sie berühmt. Esbjörn Svensson Trio nannten sie sich damals noch, später kürzer e.s.t., auch weil sie unterstreichen wollten, dass sie gleichberechtigte Musiker waren und nicht einer dem ganzen Trio den Namen geben sollte. Auf dieser CD waren Stücke enthalten wie "Dodge the Dodo": Mit einem fast manisch vorwärtstreibenden Rhythmus und einem griffigen Klavierthema definierte dieses Stück einen ganz neuen Puls in der Geschichte jazziger Klaviertrios. Mit Sounds wie diesem und mit Stücken von enormer lyrischer Schönheit – wie etwa dem Titelstück "From Gagarin’s Point of View" - schaffte es dieses Trio in den Folgejahren nicht nur, in Europa besonders viel und vor allem auch jüngeres Publikum anzusprechen. Die drei Schweden kamen mit ihrer Musik 2006 auch auf das Titelblatt des amerikanischen Jazzmagazins "Downbeat" – und zwar als erste europäische Jazzgruppe.

Stirnband, Glatze, Eigenklang

Esbjörn Svensson Trio | Bildquelle: ACT / by Jim Rakete Das Esbjörn Svensson Trio (von links nach rechts: Magnus Öström, Esbjörn Svensson und Dan Berglund) | Bildquelle: ACT / by Jim Rakete Sie waren ein Team: der sportlich-feingliedrige Esbjörn Svensson, einst mit langem, glattem Haar, das von einem Stirnband gehalten wurde, und später mit in der Bühnenhitze praktischerem Bürstenhaarschnitt; dann der Fels in der Mitte, der stämmige Dan Berglund, dessen mächtige Glatze immer ein optischer Fixpunkt auf der Bühne war; und schließlich der stille, stets genussvoll schmunzelnde Magnus Öström am Schlagzeug; derjenige, der in den späten Jahren des Trios der einzige mit wirklich sichtbarem Haupthaar war. Sie sahen anders aus als viele Jazzmusiker, und sie klangen auch anders. Svensson und Öström hatten seit ihrer Rockmusik-beflügelten Jugendzeit eine gemeinsame Vorstellung von Drive. Und Bassist Dan Berglund brachte, als er später hinzukam, die besonders wuchtige Energie und die gelegentlichen Klang-Querbezüge zu Heavy-Metal-artigem Soundgewitter mit hinein.

Esbjörn hörte lieber "Slade"

Man merkte, dass diese Musiker nicht nur aus der Welt des Jazz kamen, sondern einen anderen Horizont absteckten. Esbjörn Svensson hörte in früher Jugend besonders gern die Popmusik von englischen Teenie-Idolen wie "Sweet" und "Slade", zugleich entdeckte er durch seine Mutter, die sehr gut Klavier spielte, die Musik von Chopin und Liszt. Und erst später erschloss er sich diejenige Musik, die sein Vater dauernd hörte: die Musik von Saxofonist Charlie Parker. Esbjörn Svensson mochte diese Musik zunächst gar nicht, aber immerhin die Hüllen der Jazzplatten fand er cool. Mit 15 schließlich stöberte er in Vaters Platten herum, und ein Stück, das ihm besonders gefiel, war "Confirmation" - das er dann aus dem "Real Book" selber nachspielte.

Esbjörn Svensson wollte zunächst am liebsten Schlagzeuger werden. Aber sein Freund Magnus Öström war schneller. Er, dessen Vater Maler – also Wandmaler – war, hatte sich schon früh aus alten Farbeimern ein Drumset zusammengebaut und später dann auch ein richtiges bekommen. Er und Esbjörn Svensson machten zusammen Musik in einer Band, die "Beware of the Beginners" hieß. Da Esbjörn Svenssons Mutter Pianistin war, wurde der Sohn früh an Tasteninstrumente herangeführt. Und in der Band mit Öström spielte er zunächst Orgel. Als Jugendlicher wurde Esbjörn Svensson übrigens, wie Magnus Öström erzählt, aus einer Musikschule geworfen, weil der betreffende Lehrer fand, Esbjörn habe kein Talent.

Trio in Hochform: "live in london"

Die große internationale Erfolgsgeschichte des Trios, das sich später nur noch e.s.t. nannte, dauerte nur rund zehn Jahre. Dann verunglückte der Pianist Esbjörn Svensson tödlich in den Schären bei Stockholm. Nach dem, was später rekonstruiert wurde, trug Svensson einen Trockentauchanzug und geriet in Panik, als dessen Luftleitung sich löste. Svensson kam nicht mehr nach oben, wurde bewusstlos auf dem Grund geborgen und starb im Krankenhaus.

Mit einer bisher unveröffentlichten Live-Aufnahme lässt das Plattenlabel die Musik des Esbjörn Svensson Trios nochmal aufleben. Sie stammt vom 20. Mai 2005 aus dem Londoner Barbican Centre und füllt eine Doppel-CD mit dem Titel "e.s.t. live in london". 2005 war eine Hochphase des Trios. Die Konzerte der damaligen Zeit waren von einer enormen Intensität. Das war auch im Jahr davor bei der Internationalen Jazzwoche Burghausen festzustellen. Stücke wie "When God Created the Coffeebreak", "Eighty-eight Days in my Veins" oder "Viaticum" spielte die Band bei dem Konzert in London in ausgreifenden Versionen, die oft um die zehn Minuten dauern. Dabei entfaltete sich eine enorme Energie, zumal etwa in der Nummer "Mingle in the Mincing Machine", auf der der Kontrabass von Dan Berglund durch elektronische Zusatzgeräte plötzlich an einen E-Gitarren-Sound wie von Jimi Hendrix erinnert. Die Doppel-CD ist innerhalb weniger Wochen in die Top 20 der Pop-Album-Charts gestiegen – eher ungewöhnlich für Jazz-Alben.

"Lernen, damit zu leben"

Auch BR-KLASSIK erinnert an Esbjörn Svensson, unter anderem durch die Ausgabe der "Jazztime" am 14. Juni, in der außer Musik von e.s.t. auch Auszüge aus Interviews zu hören sind: so ein Gespräch, das 2004 mit Esbjörn Svensson geführt wurde, und eines mit Magnus Öström aus dem Jahr 2016. Öström rang auch da immer noch mit Worten, als die Sprache auf Esbjörn Svenssons Tod kam. Und dann sagt er: "Wir waren so lange zusammen, sind miteinander aufgewachsen. Wir waren noch mittendrin in unserer gemeinsamen Geschichte. Und plötzlich wird alles von dir weggerissen. Ein harter Schlag. Die Nachwirkungen davon trägt man dann später immer mit sich herum. Aber man muss dann lernen, damit zu leben."

Esbjörn Svensson auf BR-KLASSIK

Jazztime
Donnerstag, 14. Juni 2018, 23:05 Uhr
Interview-Auszüge von und mit Esbjörn Svensson und seinem Schlagzeuger Magnus Öström – und unter anderem Musik von der 2018 erschienenen CD "e.s.t. live in london" mit Aufnahmen von 2005.

    AV-Player