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Jazztrompeter Miles Davis Soundmagier und Stilikone

Da war seine Musik, sein Image, sein Outfit: Miles Davis ist der wahrscheinlich bekannteste Jazzmusiker des 20. Jahrhunderts. Er starb am 28. September 1991, im Alter von 65 Jahren. Seine Geschichte ist eine von Höhen und Tiefen, von Rausch, Ruhm und Rastlosigkeit.

Im Studio mit den Noten zur Oper "Porgy and Bess" | Bildquelle: Rue des Archives/AGIP/Süddeutsche Zeitung Photo

Bildquelle: Rue des Archives/AGIP/Süddeutsche Zeitung Photo

Zum 25. Todestag

Miles Davis - ein Porträt

Gospel in der Nacht

Seinen größten Coup landete er  1959. Als er das Album "Kind of Blue" aufnahm, brachte er seiner Band zu den beiden Aufnahmesessions nur Grundrisse der Kompositionen mit ins Studio. Wichtig war ihm, dass die Stücke modalen Charakter haben sollten, also auf den Skalen der Kirchentonarten aufgebaut waren und nicht mehr funktionsharmonisch sein sollten.

Er wollte einen Sound, in dem ein Gefühl, eine Erinnerung eingefangen sein sollte: wie er als Junge in Arkansas - dort besaß  sein wohlhabender Großvater, bei dem er oft die Ferien verbrachte, eine Farm - im Dunkeln auf einer Landstraße läuft und plötzlich aus einer nahegelegenen Kirche den Gesang einer Gospelgemeinde hört.

Er wollte den Gospel, aber auch das Laufgeräusch in der Musik hören, und den Klang einer Kalimba - denn im Vorfeld der Aufnahme hatte er sich in New York das Ballet Africaine aus Guinea angesehen und war fasziniert von den Klängen des Daumenpianos, der Polyrhythmik und dem Sog der afrikanischen Musik.

Sondersendungen auf BR-KLASSIK

19.05 Classic Sounds in Jazz
Musik des legendären Trompeters an seinem 25. Todestag aus den Jahren 1950 bis 1967 (Teil 1)
Moderation und Auswahl: Ulrich Habersetzer

23.05 Jazztime
We want Miles - Aufnahmen des legendären Trompeters Miles Davis aus den Jahren 1967 bis 1991 (Teil 2)
Moderation und Auswahl: Beate Sampson

Kind of Blue

Seine Band, die er später  als Traumbesetzung schilderte, setzte seine Ideen zwar nicht eins zu eins um, doch was die Musiker aus den Vorgaben von Miles Davis machten, ließ „Kind of Blue“ zum wahrscheinlich meistverkauften Album der Jazzgeschichte werden.

John Coltrane war am Tenorsaxophon mit dabei, mit dem er seit 1954 regelmäßig im Quintett zusammenspielte und aufnahm, Cannonball  Adderley am Altsaxophon, der relativ neu hinzugestoßen war, Bill Evans am Klavier, der für diese Session noch einmal zu Miles Davis zurückgekehrt war, obwohl er inzwischen sein eigenes, bald schon Epoche machendes Trio gegründet hatte, Paul Chambers am Bass, der seit 1955 in den Bands von Miles Davis spielte und der relativ neu hinzugekommene Jimmy Cobb am Schlagzeug. Als Miles Davis mit ihnen das Album „Kind of Blue“ aufnahm, war die zweite Hochphase seiner Karriere "in full swing". Begonnen hatte diese Karriere 15 Jahre früher.

Erzählt mir nichts vom Blues

Der in St. Louis in gutsituiertem Hause aufgewachsene Trompeter - sein Vater war Arzt, seine Mutter elegante Gesellschaftsdame - war 1944 mit 18 Jahren nach New York gezogen, um dort ein von seinem Vater finanziertes Studium an der renommierten Juilliard School of Music zu absolvieren. Es hielt ihn nur kurze Zeit in diesem Tempel der klassischen Musik. Er war schnell gelangweilt vom Spielen im Symphonieorchester, wo es im Trompetensatz zu wenig zu tun gab, vom klassischen Repertoire, in dem kein Afro-Amerikaner vorkam und von dem, was ihm im Musikgeschichte-Unterricht von einer weißen Lehrerin über den Blues erzählt wurde.

Miles Davis | Bildquelle: picture-alliance/dpa Bildquelle: picture-alliance/dpa Er war sowieso die meiste Zeit in Harlem auf der Suche nach Dizzy Gillespie und Charlie Parker, die er bei Gastspielen in St. Louis kennengelernt hatte. In Minton´s Playhouse in Harlem und in den Clubs der 52nd Street spielte Miles Davis jede Jamsession, die sich anbot, und bekam 1945 die Möglichkeit, seine erste Platte einzuspielen. Unter dem Titel "First Miles" ist sie erschienen, und der Trompeter meinte dazu, dass er sie einfach nur so schnell wie möglich vergessen wollte, da er so nervös war, dass er nicht mal die simpelsten Sachen spielen konnte.           

Die Geburtsstunde des Erfolgs

Im selben Jahr hatte Miles seine erste Studiosession mit der Band von Charlie Parker und Dizzy Gillespie. Sie sollten zunächst seine wichtigsten Lehrmeister werden und der Bebop das Metier, in dem sich wie ein Fisch im Wasser bewegte. 1949 war der Trompeter dann soweit, sein eigenes spielerisches Profil zu schärfen: Langsamer spielen - gerne auch in den von ihm bevorzugten mittleren Lagen - gehörte dazu.

Er hatte sich dem Kreis um den kanadischen Arrangeur Gil Evans angeschlossen, zu dem auch der Baritonsaxophonist Gerry Mulligan und der Pianist  John Lewis zählten. Diese drei Musiker wurden die Arrangeure des Albums "Birth of the Cool". Ein Nonett mit sechs Bläsern und einer klaviergestützen Rhythmusgruppe präsentierte einen neuen, den Bebop modifizierenden Sound mit mehr Klangflächen in auskomponierten Teilen. Im selben Jahr spielte Miles Davis auch in der Band des Pianisten Tadd Dameron. Mit dieser Band gastierte er später in Frankreich und verbrachte einige Zeit in Paris, wo  er sich als Jazzmusiker weitaus respektierter und als Afro-Amerikaner weit weniger diskriminiert fühlte als in den Vereinigten Staaten.

Aufstieg im "Fahrstuhl zum Schafott"

Trotzdem kehrte er nach New York zurück. Und es begann eine erste, dunkle Phase in seinem Lebensweg - Miles Davis wurde  abhängig von Heroin. Er geriet in eine kontinuierliche Abwärtsspirale, aus der ihn erst ein kalter Entzug auf der Farm seines Vaters außerhalb von St. Louis wieder herausholte.

1954 kam er halbwegs clean nach New York zurück. In der Zeit seiner schweren Sucht hatte er zwar - wie so viele seiner Kollegen, denen es genauso ging: allen voran Charlie Parker, der 1955 am Heroin zugrunde ging - weiterhin konzertiert und aufgenommen, doch das stringente Arbeiten als Bandleader begann erst wieder, als er von der Nadel weg war. Sein neu formiertes Quintett, in dem John Coltrane mitspielte, wurde zum Publikumsrenner, und er begann, gutes Geld mit seiner Musik zu verdienen.

1957 erhielt er seinen ersten Auftrag als Filmkomponist für den französischen Regisseur Louis Malle. Er spielte die Musik für "Fahrstuhl zum Schafott" in Paris ein,  mit dem Schlagzeuger Kenny Clarke,  dem Bassisten Pierre Michelot, dem Saxophonisten Barney Wilen und dem Pianisten René Urtreger. Es wurde ein höchst atmosphärischer, in Richtung von Miles Davis´ zukünftiger Stilistik weisender Soundtrack.

Klassische Inspirationen

1957 nahm Miles Davis wieder mit dem Arrangeur Gil Evans und einem 19-köpfigen Orchester mit Trompeten, Posaunen, Tuba, Frenchhorns , Saxofonen, Bassklarinetten und Flöten auf. Für das Album "Miles Ahead" münzte Gil Evans unter anderem auch eine Komposition des Spätromantikers Leo Délibes für den Jazz um: sein "Les filles de Cadix", erklang nun in einer schicken Jazz-Fassung.

Auch in den beiden folgenden Jahren spielte Miles Davis mit dem Gil Evans Orchestra je ein Album ein: ganz auf Anregungen aus der andalusischen Musikkultur war dabei 1959 "Sketches of Spain" aufgebaut, mit einer Adaption des 1939 uraufgeführten  "Concierto de Aranjuez" von Joaquin Rodrigo und Bearbeitungen religiöser Volkslieder und Flamencos.

Und mit Instrumentalfassungen der Lieder aus George Gershwins Klassiker "Porgy and Bess", vom Komponisten selbst als Oper eingestuft und von der New York Times als "American Folk Opera" bezeichnet, setzten Miles Davis und Gil Evans 1958 auf die wunderbare Mischung eines afro-amerikanischen Sujets und der populär gewordenen Melodien aus der Broadway-Produktion.

Ruhm und Abstürze

Zu Beginn der 60er Jahre ist Miles Davis finanziell gut aufgestellt. Mit seiner Frau, der Tänzerin Frances Taylor, deren Sohn und seinen drei Kindern aus der Verbindung mit seiner Jugendliebe Irene Birth, lebt er in einem eigenen, fünfstöckigen Haus in Manhattan und verdient rund 200.000 Dollar im Jahr.

Im Privaten dagegen ereilten ihn Schicksalsschläge: seine Eltern starben, er litt unter der von Schmerzanfällen begleiteten Sichelzellenanämie, seine Hüfte machte ihm Probleme und er entwickelte eine neue Drogenabhängigkeit: die zum Kokain. Sein Ehe- und Familienleben wurde immer problematischer, er selbst bezeichnet sich in seiner Autobiographie als  eine Art "Phantom der Oper", das  durchs Haus geisterte, oft von latentem Verfolgungswahn getrieben. Wie immer in seinem Leben, blieb Miles Davis auch in dieser Krise produktiv, nahm einige LPs auf, die er hasste - eine Bossascheibe mit Gil Evans etwa, die "Quiet Nights" hieß - und ein Weihnachtsalbum mit einem "albernen Sänger", wie er Bob Dorough nannte. Bei dieser Aufnahme allerdings prägte sich ihm der Sound eines jungen Tenorsaxophonisten ein, der schon bald eine wichtige Rolle in seiner Musik spielen sollte. 

Bahnbrechendes Quintett

Als 1963 seine Rhythmusgruppe mit Jimmy Cobb am Schlagzeug, Paul Chambers am Bass und Wynton Kelly am Piano auseinanderbrach, mit der er gemeinsam mit wechselnden Saxophonisten (Sonny Rollins, Hank Mobley, Sonny Stitt und Jimmy Heath) gearbeitet hatte, stellte Miles Davis eine von Grund auf neue Band zusammen. In ihrem Zentrum stand der 17-jährige Schlagzeuger Tony Williams, den er bei Jackie McLean abwarb. Für die Bassposition suchte er Ron Carter aus, einen Absolventen der Eastman- und Manhattan School of Music. Außerdem war Miles Davis auf den ebenfalls jungen Pianisten Herbie Hancock aufmerksam geworden, der gerade seine Debüt-LP "Takin´off" vorgelegt hatte. Mit dem Tenorsaxophonisten George Coleman, den ihm John Coltrane empfohlen hatte, spielte die Band vier Live-Alben ein. Komplett als das sogenannte "zweite große Miles Davis Quintett" war die Band allerdings erst, als 1964 Wayne Shorter Art Blakeys Jazz Messengers verließ - und bei Miles einstieg: als Musiker am Saxofon und als Komponist.                                                                         

Transformationen

Von dieser Band spricht Miles Davis in seiner Autobiographie in den höchsten Tönen, wie übrigens auch von Gil Evans, den er als seinen besten Freund bezeichnet. 1968 begannen seine Musiker - bis auf Wayne Shorter - sich auf ihre eigenen Bands zu konzentrieren und Miles Davis orientierte sich zum elektrischen Jazz hin. Mit einer neuen Band suchte er den Anschluss an den Rock-, Soul- und Popmarkt.

Soundmagier, Stilikone und Idol mit Kanten | Bildquelle: Rue des Archives/FIA/Süddeutsche Zeitung Photo Bildquelle: Rue des Archives/FIA/Süddeutsche Zeitung Photo Zum Sound dieser Band gehörte das Fender Rhodes E-Piano, und das spielten in den kommenden Jahren Chick Corea, Keith Jarrett und der Österreicher Joe Zawinul. Es gehörte auch ein E-Bass dazu, für den er den Engländer Dave Holland fand und eine E-Gitarre: die spielte dessen Landsmann John McLaughlin, und Jack DeJohnette spielte Schlagzeug. Diese Kernbesetzung erweiterte Miles auf einigen Alben um den Klarinettisten Bennie Maupin, den Bassisten Michael Henderson, den Saxophonisten Gary Bartz oder den Perkussionisten Airto Moreira. Das Album  "In a silent way" - nach der gleichnamigen Joe Zawinul Komposition benannt - brachte 1969 den ersten Erfolg für die elektrische Band von Miles Davis. Und ein Jahr später erschien das legendäre "Bitches Brew"-Album.                  

Electric Miles

Mit Musik dieser Machart trat der Trompeter ab 1970 vermehrt bei großen Rockkonzerten auf - in Programmen mit Bands wie den Grateful Dead und Santana oder der Sängerin Laura Nyro, dann auch in einem Programm mit Jimi Hendrix und the Who auf dem englischen Isle of Wight Rockfestival, wo er  60.000 Leute in Elektro-Freejazz-Trance versetzte.

In den kommenden fünf Jahren spielte er seine Trompete fast nur noch durch einen verzerrenden Wah-Wah Effekt, er war der "Electric Miles" geworden. In seiner Biographie schreibt er, dass es ihm schwerfiel, die damaligen Ereignisse noch auseinander zu halten, weil er so viel unterwegs und in Studios war. Als tragisches Begleitprogramm zu seinem kreativen Output und all der Ekstase stieg sein Alkohol-, Tabletten- und Kokainkonsum kontinuierlich. 1975 war Miles Davis körperlich so fertig, dass er entschied, eine Pause zu machen. Aus angedachten sechs Monaten wurden fünf Jahre, in denen er sein Horn nicht anrührte, und während der er mit seinen Tantiemen vor allen Dingen seine Kokainsucht finanzierte.

Er wurde zum Einsiedler und geriet an den Rand der Verwahrlosung. Den Bemühungen der Frau, die später seine dritte Ehefrau werden sollten, der Schauspielerin Cicely Tyson, und denen seines Neffen Vincent Wilburn und des Produzenten George Butler ist es zu verdanken, dass Miles Davis 1980 wieder ins Musikgeschehen einstieg. "The Man with the Horn" hieß die Einspielung, mit der das Comeback eingeläutet wurde. Dann kam das Live-Album "We want Miles". In der Band: die nächste Generation junger Jazzmusiker. Der Saxophonist Bill Evans, der Gitarrist Mike Stern, der Bassist Marcus Miller, der Drummer Al Foster und der Perkussionist Mino Cinelu.

Fluch und Segen

Soundmagier, Stilikone und Idol mit Kanten | Bildquelle: Brigitte Friedrich/Süddeutsche Zeitung Photo Bildquelle: Brigitte Friedrich/Süddeutsche Zeitung Photo Eine letzte erfolgreiche Dekade begann jetzt für den Mittfünfziger: Weltweite Konzerttourneen und Studiodates, bei denen er mit  den interessantesten und talentiertesten jungen Musikern zusammenarbeitete: darunter der Gitarrist John Scofield, der Bassist Darryl Jones, die Saxophonisten Kenny Garrett und Rick Margitza, der Schlagzeuger Omar Hakim und viele mehr. Sie strebten alle danach, durch die "Miles Davis Schule" zu gehen. Der Trompeter produzierte Hits mit seinen Adaptionen berühmter Popsongs - Cindy Laupers "Time after time" und Michael Jacksons "Human Nature". Er verdiente nun auch schönes Geld als Maler und sagte in den abschließenden Worten seiner 1989 erschienenen Autobiographie: "Die Musik lag immer wie ein Fluch auf mir, denn ich musste einfach spielen. In meinem Leben stand und steht sie an erster Stelle. Allerdings habe ich eine Art Frieden mit meinen musikalischen Dämonen geschlossen, und so gehe ich jetzt alles ruhiger an."

Das Vermächtnis

Bis zum Sommer 1991 blieb Miles Davis dieser Devise treu und war dabei doch höchst aktiv. Fünf der insgesamt neun Grammys in seinem Leben gewann er in seiner letzten Schaffensdekade, zwei dann noch posthum. 1984 erhielt er als erster Jazzmusiker den bis dato klassischen Interpreten vorbehaltenen, renommierten Leonie Sonning Musikpreis.

Am 28. September 1991 starb Miles Davis in Kalifornien an den Folgen einer Lungenentzündung und eines Schlaganfalls. Wie bei vielen Stars umranken den Tod einige Mythen - der schwere Schlaganfall, nachdem er ins Koma fiel und nicht mehr erwachte, soll Folge eines Streits mit dem ihn behandelnden Arzt gewesen sein.
Miles Davis ist 65 Jahre alt geworden, und hat aus dem auf ihm lastenden Fluch einen Segen für Jazzliebhaber und Musiker rund um den Globus gemacht.

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