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Der Jazztrompeter Nils Wülker im Interview "Manche Dinge passieren nur vor Publikum"

Er hat schon Musik für die "Space Night" des BR-Fernsehens komponiert und mit Musikern wie Silje Nergaard, Klaus Doldinger oder Gregory Porter zusammengespielt. Seine neue CD heißt "Decade Live". Wie ist es, nach neun Studio-Alben ein Live-Album aufzunehmen?

Nils Wülker | Bildquelle: (c) nilswuelker.com

Bildquelle: (c) nilswuelker.com

Das Interview zum Anhören

BR-KLASSIK: Sie haben ja eigentlich mit klassischer Trompete angefangen. Wann und wie sind Sie denn eigentlich zum Jazz übergelaufen?

Nils Wülker: Das war im Alter von 15, 16 Jahren. Und es stimmt: ich habe mit klassischer Trompete und  klassischem Klavier begonnen und lange nur Klassik gespielt und als Jugendlicher Pop gehört. Damals in den 90ern diese Acid Jazz-Welle und das war das erste Mal, dass im Pop-Radio Musik lief, bei der dann eben auch eine Trompete eine größere Rolle gespielt hat - beispielsweise bei US3. Das war für mich so das erste Aha-Erlebnis. Ich dachte: Oh, Trompete kann auch anders klingen! Dann hat mir jemand kurz darauf Miles Davis vorgespielt und das war dann tatsächlich das Erweckungserlebnis.

BR-KLASSIK: Nun ist die Trompete ja vielleicht nicht ganz so populär wie das Klavier oder die Geige. Kann man denn als Trompeter davon leben?

Nils Wülker: Ja aber natürlich. Ich lebe seit 15 Jahren davon, meine eigene Musik zu spielen und ich liebe das Instrument nach wie vor. Ich finde es hat eine unglaubliche Ausdrucksbandbreite, ist einfach wahnsinnig vielfältig und nah an der Stimme. Man kann halt sehr natürlich klassisch-heroisch aber auch sehr verletzlich klingen. Oder man kann richtig losrocken. Diese klangliche Bandbreite mag ich immer noch sehr.

BR-KLASSIK: Sie haben insgesamt zehn Alben herausgebracht - ein ziemlich vielseitiges Repertoire, was man daran erkennen kann, dass sie offensichtlich auch mal für die Space Night des Bayerischen Rundfunks komponiert haben.

Nils Wülker: Genau, das war mein zweites Album damals. Es war ja lange eine Sendung mit elektronischer Musik. Die Macher damals wollten zum zehnjährigen Jubiläum etwas ganz anderes haben. Es sollte akustischer Jazz sein. Und dann habe ich mich an verschiedene Leute gewandt und meine Demos mochten sie. Dann habe ich da den Zuschlag bekommen. Ein schönes Projekt.

BR-KLASSIK: Die aktuelle Platte heißt „Decade“ und das ist nun ausnahmsweise ein Live-Album geworden. Tun Sie sich eigentlich schwer, so einen Live-Mitschnitt auf Platte zu bringen oder sind Sie da als Jazzmusiker relativ entspannt? Klassiker möchten ihre Musik ja lieber nicht auf CD gebrannt haben, wenn nicht alles absolut perfekt ist..

Nils Wülker: Ich hatte mal mit einem wunderbaren englischen Produzenten zu tun, Peter Vettese. Der hat für mich diesen Begriff des „perfect imperfect“ geprägt. Manchmal ist ja etwas, was vermeintlich nicht perfekt ist, genau das Richtige in dem Moment, weil es vielleicht einfach eine besondere Atmosphäre hat. Und ich glaube, dem muss man auch eine Chance geben. Aber es stimmt: Ich habe zuerst neun Studios gemacht und ein Live-Album ist eigentlich etwas Paradoxes, weil ich eigentlich auf die Bühne gehe mit dem Gefühl, dass das, was wir da machen flüchtig ist. Und wenn man das dann als Live-Album festhält, hat das natürlich etwas Paradoxes. Aber andererseits habe ich einfach gemerkt, dass die Musik sich live weiterentwickelt hat und dann doch eigentlich etwas Eigenständiges geworden ist. Und das war für mich das Entscheidungskriterium. Ich wollte halt nur Live-Aufnahmen haben, bei denen ich das Gefühl hatte, da wird der Musik eine neue Facette abgewonnen. Ich finde, manche Dinge passieren nur vor Publikum und das in der Konzentration festzuhalten war dann der Anspruch. Insofern fühle ich mich sehr wohl mit dem Album.

BR-KLASSIK: Wie wichtig ist ihr Gegenüber, in dem Fall das Publikum im Konzert?

Nils Wülker: Ich weiß, 15 Minuten vor dem Konzert setzt das Lampenfieber ein. Das finde ich sehr schön, weil mich das irgendwie aus allem herausreißt, was bis dahin an dem Tag stattgefunden hat. Das ist auch eine Erinnerung, dass auf der Bühne zu stehen was Besonderes ist. Und diese Besonderheit entsteht dadurch, dass das Publikum da ist.

Sendung: Leporello am 23. Oktober 2018 ab 16:05 auf BR-KLASSIK

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