BR-KLASSIK

Inhalt

Joe Viera zum 85. Geburtstag Von der Musik das Fühlen gelernt

Man nennt ihn gern den "Jazzprofessor". Und kennt ihn nicht zuletzt als den Kopf hinter dem Programm der Internationalen Jazzwoche Burghausen. Seit 1970 ist er dort Künstlerischer Leiter. Der Münchner Saxophonist, Buchautor und leidenschaftliche Jazz-Vermittler Joe Viera wird heute 85 Jahre alt.

Joe Viera am Mikrophon | Bildquelle: IG-Jazz Burghausen e.V.

Bildquelle: IG-Jazz Burghausen e.V.

Joe Viera zum 85. Geburtstag ein Porträt von Ulrich Habersetzer

Eigentlich findet er ja, dass die westliche Welt "das Dezimalsystem zu wichtig" nehme. Ein runder oder ein halbrunder Geburtstag ist für diesen stets genüsslich schmunzelnden Mann mit der Vorliebe für karierte Jacketts und scharfsinnige, leise formulierte Gedanken also offenbar nicht besonders bedeutsam. Ohnehin ist ihm als mathematisch beschlagenem Kopf - er hat Physik studiert - und als Jazz- und Blues-Spezialist die Zwölf lieber als die Zehn. "Man muss sich ja auch vor Augen halten, durch wie viele Zahlen zwölf teilbar ist", sagt er. Es gibt zwölf chromatische Töne, zwölf magische Takte des gängigsten Blues-Schemas - und auch da ergeben sich jeweils reizvolle Teilungs- und Unterteilungsmöglichkeiten. Also hätte die Musikwelt Joe Viera lieber letztes Jahr feiern sollen: zum 84. BR-KLASSIK tut es trotzdem jetzt - und in der "Jazztime" ist er am Abend seines 85. Geburtstags zu hören: Er hat die Musik ausgewählt und spricht über die Töne und sein Leben.

Joe Viera, geboren am 4. September 1932 in München, ist Jazzmusiker, Arrangeur, Komponist, Buchautor, Dozent und jedes Jahr zu bestimmten Zeitabschnitten Wahl-Burghauser. Zum 48. Mal fand dieses Jahr die Internationale Jazzwoche in dem direkt an Österreich grenzenden 20.000-Einwohner-Ort Burghausen an der Salzach statt, mittlerweile Bayerns traditionsreichstes und bekanntestes Jazzfestival. Seit 1970 ist Viera dort Programm-Verantwortlicher.

Der Weltrekordler

Vergleicht man die Wirkungszeit von Künstlerischen Leitern anderer bedeutender Festivals mit seiner, dann kommt man ins Staunen. George Gruntz, der die erfolgreichste Phase des Berliner Jazzfests gestaltete, der größten und weltweit bekanntesten Jazzveranstaltung Deutschlands, brachte es auf 23 Jahre. Walter Schätzlein, der in Nürnberg die Programm-Strippen für das wunderschöne Festival "Jazz Ost-West" zog, kam auf 38 - allerdings fand Jazz Ost-West nur alle zwei Jahre statt und existiert seit 2004 nicht mehr. Burkhard Hennen, der einstige Leiter des New Jazz Festivals im niederrheinischen Moers, lange Zeit das Trendsetter-Festival schlechthin, übte diese Funktion 34 Jahre lang aus. Claude Nobs in Montreux stellte von 1967 bis zu seinem plötzlichen Tod, infolge eines Unfalls im Jahr 2012, die Weichen - also 46 Jahre lang. Nur im amerikanischen Newport erreichte der Impresario George Wein eine Spanne von 52 Jahren, bis er das Festival abgab; allerdings mit einer Unterbrechung in einer Krisenphase der Sechziger Jahre.

"Nie wieder Burghausen!"

48 Jahre ununterbrochene Leitung eines Jazzfestivals - das ist also ein Weltrekord. Und er kam zustande, obwohl Joe Viera sich während seines allerersten Burghausen-Aufenthalts ein Jahr vor Festival-Gründung, 1969, schwor: "Nie wieder Burghausen!" Damals reiste Joe Viera mit kanadischen Musik-Kurzfilmen, an die er durch die zufällige Bekanntschaft mit einem kanadischen Jazzfan gekommen war, durch Europa und hielt Einführungsvorträge - einen davon auch in Burghausen an der Salzach, auf Einladung von Helmut Viertl, der dort einen Jazzclub gegründet hatte. Beim leider nicht sonderlich gut besuchten Vortrag - man munkelt von sieben Besuchern - streikte der Projektor, und Viera saß währenddessen verlassen in einer Ecke. Am nächsten Tag ein weiteres Desaster: Joe Viera wurde im Hotel in eine Telefonzelle eingesperrt, weil er die Übernachtung nicht zahlte. Diese Rechnung sollte eigentlich das damalige Volksbildungswerk übernehmen, aber der Wirt bestand auf der direkten Lösung: Wer übernachtet, der zahlt. "Meine Abneigung gegen Burghausen begann sich ins Unermessliche zu steigern", erzählt Viera heute. Aber dann passierte noch Folgendes: Jazzclub-Gründer Helmut Viertl kam, zahlte die Hotelrechnung brachte Viera zum Bahnhof und erwähnte dabei, dass er gern einmal etwas Größeres mit Jazz in Burghausen aufziehen würde. Da redeten sich die beiden so fest, dass Joe Viera mehrere Züge abfahren ließ, bis er doch endlich in einen einstieg. Vom Waggon aus winkte er dann bei der Abfahrt aus dem Fenster und sagte: "Ich mach mit". So wurde die Internationale Jazzwoche Burghausen geboren.

Treffen der Weltstars

Burghausens Bürgermeister Hans Steindl, Jazzlegende Klaus Doldinger und Festivalchef Joe Viera | Bildquelle: IG-Jazz Burghausen e.V. Burghausens Bürgermeister Hans Steindl, Jazzlegende Klaus Doldinger und Festivalchef Joe Viera | Bildquelle: IG-Jazz Burghausen e.V. Inzwischen sind dort etliche Jazzweltstars aufgetreten - Ernestine Anderson, Dianne Reeves, Abbey Lincoln, Max Roach, Art Blakey, Dizzy Gillespie, Chet Baker, Dexter Gordon, Stéphane Grappelli, John McLaughlin, Dave Brubeck, McCoy Tyner, Cecil Taylor, Abdullah Ibrahim, Esbjörn Svensson, Jan Garbarek, Marcus Miller, Klaus Doldinger - und sehr viele andere mehr. Auch Nina Hagen sang dort ein Jazzkonzert. Und Paul Kuhn gab ein gefeiertes Konzert mit seiner Big-Band. Ein gutes Pflaster für Weltgrößen aller unterschiedlichen Ausprägungen des Jazz. Und die sind so unterschiedlich, weil der künstlerische Leiter Joe Viera sich für so viele unterschiedliche Arten von Jazz und Blues interessiert.

"A index m ist gleich Alpha, multipliziert mit r hoch 2"

Die Art, wie der Programmchef dabei seine Herzensmusik präsentiert, ist legendär. Eine besonders schöne Geschichte fand am 18. April 2002 statt. Ein offenbar nicht ausverkauftes Konzert, denn in den vorderen Reihen war noch so mancher Platz frei. Also bat Joe Viera bei der Ansage das Publikum, nach vorn zu kommen. Aber nicht einfach mit einem so simplen Satz. Der Text dieser Ansage lautete so: "Liebe Zuschauer, mit jedem Meter, den Sie sich der Bühne nähern, steigt der atmosphärische Eindruck der Musik im Quadrat. Das geht nach der Formel A index m ist gleich Alpha multipliziert mit r hoch 2. Dabei ist A index m die Atmosphäre bezogen auf die Musik, Alpha ist der Fest-Koeffizient, und r ist der Abstand von Ihnen zu den Musikern. Diese Formel habe ich soeben erst erfunden, aber ich glaube, sie stimmt." So spricht nur Joe Viera.

72 Luftangriffe in München - und Jazz als Lebensmittel

Joe Viera auf der Bühne | Bildquelle: IG-Jazz Burghausen e.V. Bildquelle: IG-Jazz Burghausen e.V. Er studierte in München Physik, bis zum Abschluss, merkte aber dann schnell, dass er lieber Musiker werden wollte. Den Beruf des Physikers habe er nie ausgeübt, sagt er. Und: "Von der Physik habe ich das Denken gelernt, von der Musik das Fühlen." Die erste Begeisterung für den Jazz kam bei Joe Viera schon während seiner Kindheit in der Nazi-Zeit auf. Ganz früh interessierte ihn mehr als andere Musik diejenige von Schellack-Platten mit Tanzmusik, in der zumindest Spurenelemente des Jazz enthalten waren (was er damals natürlich noch nicht wusste). Und später dann, mit elf oder zwölf, lauschte er mit Hilfe einer selbstgebastelten Antenne - so etwas konnte der technisch interessierte Bub bauen, weil es im Haus ein Buch über Rundfunktechnik gab - diversen verbotenen Sendern. 1944 war das zum Beispiel Radio Bari aus Süditalien, wo bereits die amerikanischen Truppen angekommen waren. In diesem Sender lief die Musik von Swing-Big-Bands. Bereits vorher hatte er Instrumente gelernt -Blockflöte und Klavier -, aber klassisch. Die ersten Jazz-Stücke, die er hörte, faszinierten ihn, weil da rhythmisch ganz ungewohnte Dinge passierten. Er sagt auch: Er habe diese Musik damals als "Lebensmittel" gebraucht. Während der Kriegsjahre lebte er immer in München. 72 Bombenangriffe habe er miterlebt. Und die Musik, die aus dem Land dieser sogenannten "Feinde" kam, habe ihm geholfen, diese Jahre durchzustehen.

70 Mark fürs erste Saxophon

Bis Joe Viera selbst Jazz spielte, dauerte es. Sein erstes richtiges Jazzkonzert erlebte er 1952 im Zirkus Krone, am Tag seiner letzten Abitur-Arbeit. Sein erstes Saxophon war ein Sopransaxophon. Ein Münchner Freund hatte eines gekauft, konnte aber dann doch nichts damit anfangen und bot es Joe Viera an. Der kratzte dann irgendwie das Geld dafür zusammen - 70 Mark in einer Zeit, in der die Halbe Bier in München noch 50 Pfennig kostete - und gründete gleich mit diesem Freund, der Gitarre spielen konnte, eine Band.

Karrierebeginn: die "Hot Dogs"

Im Laufe seines nun deutlich über ein halbes Jahrhundert umspannenden Musiker-Lebens spielte Joe Viera höchst unterschiedliche Töne. Dixieland mit den Hot Dogs von 1955 bis 1957, danach ebenfalls Oldtime-Jazz mit der Riverboat Seven, in den Sechziger Jahren dann auch Free Jazz, unter anderem mit einem Mann am Bass, der später eines der bekanntesten Musiklabels der Welt gründen sollte: Manfred Eicher. Wieder ein paar Jahre später hatte Joe Viera das erwähnte Quartett mit Ed Kröger und noch später ein Sextett, das eine brodelnd aktuelle Siebzigerjahre-Mischung spielte.

Der Förderer von Jungtalenten

Volle Konzentration: Joe Viera lauscht einer Band beim Finale des Europäischen Burghauser Nachwuchs Jazzpreises. | Bildquelle: IG-Jazz Burghausen e.V. Bildquelle: IG-Jazz Burghausen e.V. Zur bisher letzten Jazzwoche Burghausen kamen bisher rund 9.000 Besucher. Vorsichtig geschätzt dürfte, 48 Jahre zusammengenommen, eine Viertelmillion erreicht sein. Dazu hatten die Burghauser Jazzkurse, die Joe Viera 1972 gegründet hat und heute noch organisiert, in vier Jahrzehnten rund 13.000 Teilnehmer. Durch diese Kurse gingen Musiker wie die beiden Gitarristen Helmut Nieberle und Helmut Kagerer, die Bassisten Thomas Stabenow, Dieter Ilg und Andreas Kurz, die Saxophonisten Roman Schwaller und Peter Weniger, die aktuellen deutschen Jung-Talente Julian und Roman Wasserfuhr - oder auch der Trompeter und heutige Professor für Jazz an der Hochschule für Musik und Theater in München, Claus Reichstaller - damals noch als Gitarrist.

Weit über Burghausen und München hinaus hat Joe Viera lauter kleine Jazz-Samenkörner verstreut. Er hat in Duisburg und Hannover an der Uni unterrichtet und tut es in München immer noch. Er hat etlichen Studenten die Kunst des Big-Band-Spiels nahegebracht. Er hat seine Lehrbücher geschrieben. Er wurde vom Goethe-Institut 1978 nach Afrika geschickt und 2000 nach China. Er war fast 40 Jahre lang im Vorstand der Union Deutscher Jazzmusiker. Nach wie vor wirft er sich in die Bresche für junge Jazzer, nicht zuletzt als Jury-Vorsitzender des Europäischen Jazzpreises Burghausen. Wie er von der Musik das Fühlen und von der Physik das Denken gelernt hat - so haben viele Menschen in Bayern von Joe Viera, dem Jazzprofessor mit den charakteristischen Jacketts, das Hören gelernt.

Sendung auf BR-Klassik:

4. September 2017: Jazztoday
Der Jazzprofessor: Joe Viera, Künstlerischer Leiter der Internationalen Jazzwoche Burghausen, außerdem Musiker, Leiter der Uni-Big-Band München und Autor diverser Jazzbücher als Studiogast bei Roland Spiegel. Joe Viera hat für diese Sendung auch die Musik ausgesucht – und feiert am heutigen 4. September seinen 85. Geburtstag.

    AV-Player