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Keith Jarrett live in München Sechs Dinge, mit denen Sie Keith Jarrett niemals ärgern sollten

Er ist ein Superstar und er hat seine eigenen Spielregeln: Pianist Keith Jarrett ist der Magier des Jazzpianos, er erfindet die Musik bei seinen Solokonzerten wirklich aus dem Moment heraus. Dafür verlangt er aber vom Publikum einiges. Am 16. Juli tritt er in der Philharmonie in München auf. Hier eine inoffizielle Checkliste.

Pianist Keith Jarrett vor einem Konzert in Rio | Bildquelle: Daniela Yohannes/ECM Records

Bildquelle: Daniela Yohannes/ECM Records

Fotos machen

Es gibt die Geschichte, dass Angehörige eines Indianischen Stammes lange glaubten, die weißen Ethnologen, die ihre Kultur erforschen wollten und sie fotografierten, würden ihnen damit die Seele rauben. Vielleicht denkt Keith Jarrett ähnlich. Fotografieren ist strikt verboten bei seinen Konzerten, und zwar immer. Weder beim Anfangsapplaus, noch nach der Zugabe. Das Publikum im Wiener Musikverein am vergangen Samstag durfte das miterleben. "Ich spiele erst, wenn die Person, die gerade Fotos gemacht hat, den Saal verlässt", ließ es der Meister von der Bühne tönen. Und wirklich: Einer stand auf und ging. Man muss ja auch nicht immer alles fotografieren, es geht ja um Musik, und die sieht man auf dem Foto nicht.

Husten

"Ist Ihnen schon mal aufgefallen, dass ich nie huste, während ich spiele?" Diese Frage hat Keith Jarrett einmal seinem Publikum gestellt - nach heftigen Hustenanfällen aus dem Zuschauerraum. Husten stört, keine Frage. Jeder hat sich schon über die bronchialen Attacken Anderer in intimen langsamen Sätzen geärgert. Aber: Wenn man weiß, dass man es auf gar keinen Fall darf, spürt man schon vorher dieses leichte Kratzen, den rauen Hals, die trockene Kehle. Also: Bonbons nicht vergessen. Die werden übrigens oft auch vom Veranstalter an der Garderobe bereitgelegt. Greifen Sie zu! Keith Jarrett und ihr Nachbar danken es Ihnen.

Vorsicht Falle! Mit dem Bonbonpaper rascheln

Husten ist schlimm, das wissen wir, aber Bonbonpapier noch schlimmer. Hier trifft folgender Satz ins Schwarze: Das Gegenteil von gut ist gut gemeint. Es knistert, alles klebt, genau in diesem Moment bekommt man es mit spitzen Fingern nicht auf. Klappt es doch, gleitet mit etwas Pech das Objekt der Begierde auch noch auf den Boden. Der Aufschlag wird ein nicht besonders leises "Tock" sein - ganz sicher! Deshalb sollten Sie mindestens ein Bonbon ausgepackt in der Sakkotasche platzieren. Lieber die Reinigung der verklebten Tasche riskieren, als den Platzverweis des Tastengenies. Für Damen in Abendrobe gilt: Gleich vor Beginn des Konzerts den Sitznachbarn nach ausgepackten Bonbons fragen. Ist er damit ausgestattet, hat jeder im Umkreis etwas davon.

Mitsingen

Der Maestro ist im Fluss. Er zaubert eine traumhafte Melodie hervor, nie gehört und doch fest im Ohr verwurzelt. Auch wenn es reizt, der Mund sollte geschlossen bleiben. Kein Laut aus dem Publikum - viel Wohlklang von der Bühne. Außerdem: Man weiß ja nie, wann Jarrett die musikalische Fahrtrichtung ändert, auf elegisch folgt gerne mal kraftvoll. Oder noch schlimmer: auf heftig-virtuos folgt Pause. Dann singen Sie ganz alleine ... Keine gute Idee.

Zu spät kommen

Kein Parkplatz, die S-Bahn kommt nicht, das Fahrrad hat einen Platten, der Taxi-Fahrer weiß den Weg nicht. Planen Sie alle Eventualitäten ein und kommen Sie pünktlich! Der Meister wartet nicht und vor allem: Hat er einmal begonnen, weiß man nie, wann er wieder aufhört. Eine Improvisation kann nur 1 Minute 33 Sekunden dauern, so geschehen 2002 in Osaka (zu hören auf der CD "Radiance"), oder knapp 45 Minuten, wie der erste Teil des Konzerts in der Mailänder Scala 1995 (CD "La Scala"). Und hat Jarrett einmal angefangen, gibt es keinen Einlass. Denn wer seinen Platz sucht, trägt sicher nicht zur Ruhe im Raum bei.

Filmen

Keith Jarrett | Bildquelle: picture-alliance/dpa Bildquelle: picture-alliance/dpa Das Schlimmste! Ach, so eine kleine Erinnerung für zu Hause. Oder mal ein Übe-Video, um zu Jarretts Einfällen jammen, oder gleich bei Facebook hochladen, damit die Kumpels sehen, was man für ein kulturbeflissener Geist ist. Auf gar keinen Fall! Hier reagiert der Pianist bisweilen heftig, und der Filmer riskiert, den ganzen Konzertabend zunichte zu machen. Damit zieht man wahrscheinlich auch den Zorn der Sitznachbarn auf sich, und dann könnte es handgreiflich werden.

Fazit: Ein Konzert von Keith Jarrett ist ein Erlebnis, bei dem das Publikum auch etwas leisten muss. Eigentlich nichts Besonderes, denn jeder Künstler möchte ungeteilte Aufmerksamkeit. Jarrett fordert sie allerdings bedingungslos ein. Dafür gibt er aber auch alles, was er hat, ebenso bedingungslos. Und für dieses Ergebnis - Musik, die aus dem Augenblick geboren wird und unwiederholbar ist - lohnt es sich, zwei Stunden konzentriert zuzuhören.

Infos zum Konzert

Keith Jarrett - Piano solo
Samstag, 16. Juli 2016, 19:00 Uhr
München, Philharmonie im Gasteig

Einziges Konzert in Deutschland

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