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Zum 90. Geburtstag des Saxophonisten Lee Konitz Der leise Aufsässige mit dem coolen Ton

Schon 1949 nahm er mit Miles Davis und Lennie Tristano wegweisende Platten der damals neuen Richtung "Cool Jazz" auf. Und heute? Spielt er immer noch. So oft wie möglich. Der Altsaxophonist Lee Konitz ist ein Langzeit-Erfolgreicher. Ein Musiker mit eigenem Ton und eigenem Kopf. Am 13. Oktober 2017 wird er 90. Und danach gastiert er beim BR.

Saxophonist Lee Konitz | Bildquelle: picture-alliance/dpa

Bildquelle: picture-alliance/dpa

Er stellt sich einfach auf die Bühne und fabuliert. Mit seinem Instrument. Solo. Ein kleines Motiv baut er immer weiter aus. Als würde er kleine Steinchen unterschiedlicher Farben aneinanderlegen und jedes Mal die Farb-Abfolgen ein kleines bisschen ändern. Ein, zwei Elemente bleiben gleich, ein neues kommt hinzu, dann folgen wieder vertraute Farben, abermals wieder neue. Faszinierend ist das zu verfolgen - zumindest bei einem musikalischen Spontan-Baumeister wie ihm. Denn das Konstruieren von Melodien aus dem Stegreif - man kann das auch ganz akademisch "motivische Improvisation" nennen - beherrschen nur wenige so traumwandlerisch gelassen wie er. Der Altsaxophonist Lee Konitz pflegt diese Kunst des Jazz-Spielens seit nunmehr fast sieben Jahrzehnten - und schafft es, seine Hörer und sich selbst dabei immer wieder zu überraschen. Auch deshalb hat er noch immer unzählige Bewunderer - unter Fans wie unter Musikerkollegen aller lebenden Generationen.

Hörgewohnheiten aushebeln - Jazz als Herausforderung

Bei der Internationalen Jazzwoche Burghausen im März 2012 konnte man solch einen typischen Konzertanfang mit einer freien Solo-Einleitung von Konitz verfolgen, bei dem sich dann allmählich die Band ins Geschehen einfädelte. Und außerdem erlebte man da auch den Überraschungskünstler Lee Konitz. Denn zur Verblüffung der Veranstalter, des Technik-Teams und später auch der Fans und nicht zuletzt einiger daraufhin verstimmter Kritiker bestand Lee Konitz darauf, dass die ganze Band bei diesem Konzert ohne Verstärkung spielte - in einer Halle, die über 1000 Besucher fassen kann. Damit hebelte er kurzerhand die Hörgewohnheit aus, die man bei solch einem meist kraftvoll beschallten Festival hat. Hier war man plötzlich vor die Aufgabe gestellt, auf stark zurückgenommene, sehr leise Töne zu lauschen.

Jazz-Kammermusik im ganz radikalen Sinn war das. Damals übrigens mit einer herausragenden jungen Band mit internationalem Ruf, dem Trio "Minsarah" des Pianisten Florian Weber. Lee Konitz: ein Eigensinniger. Ein leiser Aufsässiger. Einer, dem Konventionen egal sind. Und der gern alle auf die Probe stellt - auch die Bandmitglieder, denen er häufig nicht sagt, welches Stück einer vereinbarten Auswahl er wann spielen wird und die dann jedes aufgrund seiner bei Konitz nie gleichen Anfangstöne erraten müssen. Jazz: eine ästhetische und intellektuelle Herausforderung; ein Spiel für Leute, die das Unvorhersehbare schätzen. Und genau das ist die Stärke dieses Musikers.

Lee Konitz New Quartet mit "Body and Soul". Das ganze Konzert am 16. Oktober 2017 ab 0.35 Uhr auf ARD-alpha

Die eigene Stimme

In Chicago, Illinois, kam Konitz am 13. Oktober 1927 zur Welt als Sohn jüdischer Einwanderer aus Österreich und Russland. Mit elf bekam er eine Klarinette und erhielt Unterricht. Die Klarinette tauschte er später gegen ein Tenorsaxophon - und dieses schließlich gegen dasjenige Instrument, mit dem ihn die meisten Jazzfans kennen, das heller klingende Altsaxophon, das, so drückte er es selbst aus in einem von mehreren Interviews für BR-KLASSIK, später sein persönliches Sprachrohr geworden ist. In seinen Worten: "Das Altsaxophon - das ist gewissermaßen meine Stimme."

Lee Konitz und sein Bruder hörten in der Jugend Swing-Big-Bands, vor allem diejenige von Benny Goodman. Das löste bei Konitz den Wunsch zum Musikmachen aus. Mit 22 begann er seine professionelle Laufbahn, zwei Jahre später begegnete er dem Pianisten Lennie Tristano, der einen intellektuell anspruchsvollen, komplexen Jazz mit ganz neuen Ansätzen spielte, was starken Einfluss auf Konitz hatte - und mit dem er in einer kleinen Cocktail-Bar experimentelle Musik machte. 1947 schloss sich Konitz der berühmten Big-Band des Pianisten Claude Thornhill an, wo er mit anderen später sehr bedeutenden Kollegen wie Gil Evans und Gerry Mulligan zusammentraf.

Name als Programm: "Live-Lee" und "Unleemited"

Ganz junge Stars: Trompeter Miles Davis, Altsaxophonist Lee Konitz, Baritonsaxophonist Gerry Mulligan bei den Aufnahmen zu "Birth of the Cool" | Bildquelle: Rue des Archives/AGIP/Süddeutsche Zeitung Photo Bildquelle: Rue des Archives/AGIP/Süddeutsche Zeitung Photo 1948 kam das Engagement, das ihm fortan viele Wege öffnen sollte: Der Trompeter Miles Davis holte Konitz in jene neunköpfige Band, mit der er 1949 und 1950 die Aufnahmen für das stilistisch völlig neue Möglichkeiten erkundende Album "Birth of the Cool" auf, das aber erst Jahre später veröffentlicht wurde. Dass der Afro-Amerikaner Miles Davis damals den weißen Altsaxophonisten Lee Konitz in diese Band holte - in einer Zeit, in der es gerade auf diesem Instrument eine große Konkurrenz unter Afro-Amerikanern gab - musste Davis damals gegenüber Kollegen, die sich beschwerten, rechtfertigen. Laut seiner Autobiographie reagierte Davis so: "Ich sagte ihnen, wenn ein Kerl so gut spiele wie Lee Konitz (…), dann würde ich ihn immer wieder anheuern, und es wäre mir auch egal, wenn er grün wäre und roten Atem ausstieße (…)." 1949 und 50 nahm Lee Konitz auch die Stücke für sein Debüt-Album als Bandleader auf, "Subconscious-Lee" - und schon damals zeigte sich seine Vorliebe für Wortspiele, in denen er seinen Vornamen an die Stelle einer ähnlich klingenden Silbe setzte. "Live-Lee", "Lone-Lee" oder auch "Unleemited" sind Worte, mit denen er Alben benannte. Ein anderes hieß "You and Lee".

Lange Liste voller Querverbindungen

In seinem langen Musiker-Leben hat Konitz über 150 Alben aufgenommen. Seine Diskographie ist eine lange Liste mit vielen Querverweisen zu berühmten Jazzmusikern aus unterschiedlichsten Ländern. In den Bands amerikanischer Größen wie Stan Kenton, Lennie Tristano, Gerry Mulligan, Dizzy Gillespie spielte er mit – und mit Warne Marsh, Zoot Sims, Max Roach, Chet Baker, Jimmy Giuffre, Attila Zoller, Albert Mangelsdorff, Martial Solal und vielen anderen mehr realisierte er eigene Projekte. Eines aber war ihm stets wichtig: Er wollte seine künstlerische Freiheit behalten und setzte daher nie auf den kommerziellen Erfolg. Zwischendurch zog er sich mehrmals auf Lehrtätigkeiten zurück, um Abstand zu gewinnen.

Von der Krawatte zum Allzweck-Beige: Aber immer fesselnde Töne

Saxophonist Lee Konitz | Bildquelle: picture-alliance/dpa Bildquelle: picture-alliance/dpa Ein Eigenwilliger war er schon immer. In seiner Frühzeit war Lee Konitz einer der wenigen Altsaxophonisten, die nicht wie Charlie Parker, der damalige König dieses Instruments, klingen wollten: Statt auf sprudelnde, immer aufs Äußerste gespannte Energie setzte Konitz lieber auf intellektuelle Gelassenheit des Tons - und klang, auch wenn er schnell spielte, immer ungemein relaxed. Er sah zunächst aus wie ein Student: ein schmaler, schüchtern wirkender Denkertyp mit dick umrandeter Brille und schickem Anzug mit Fliege, Krawatte oder aber trendig nach oben gebogenem Hemdkragen. Später änderte sich das Bild: Westen, Pullover, legere Jacken in Allzweck-Beige und in den letzten Jahren auch gerne Holzfällerhemden und grobe Cordjacken. Auch die musikalische Einkleidung seiner Ideen änderte sich immer wieder. 1974 wollte Konitz das Saxophon ganz pur: Da nahm er in Kopenhagen die Platte "Lone-Lee" auf, mit nur zwei Stücken, langen Improvisationen über den Standards "The song is you" und "Cherokee". Er machte Duo-Aufnahmen mit Partnern wie Pianist Martial Solal, Bassist Red Mitchell und Posaunist Albert Mangelsdorff, stets auf der Suche nach möglichst intensiver Kommunikation. Und: Er umgab sich über die Jahrzehnte immer wieder mit ganz jungen Musikern, um sich neuen Klängen und Herausforderungen zu stellen - machte bereits in den Neunziger Jahren Aufnahmen mit dem Pianisten Brad Mehldau, der gerade auf dem Weg zu einem Renommee als herausragender Pianist der jungen Generation war, und nach 2000 mit wieder jüngeren Kollegen, etwa den Pianisten Florian Weber und Dan Tepfer.

Frescalalto: Unverbraucht am Alt

Sein Interesse an der Musik war immer wach, aber hatte stets denselben Kern: sich und andere zu überraschen mit Dingen, die Konitz vorher möglichst nie genauso gespielt hatte. "Er hat jedes Mal etwas Neues zu sagen. Er ist immer noch ein knallharter Typ!", sagt der Schlagzeuger Kenny Washington, der als Produzent für die 2017 erschienene, jüngste CD von Lee Konitz verantwortlich zeichnet. "Frescalalto" heißt die CD - mit einer italienischen Wortneubildung, die so viel bedeutet wie "Unverbraucht am Altsaxophon"; und der Hör-Eindruck bestätigt es. Der aktuelle Ton von Lee Konitz ist zwar nicht mehr so hinreißend ausgewogen und geschmeidig wie in jungen und mittleren Jahren - aber immer noch einer, der fesselt. Denn noch immer legt Konitz Wert darauf, seine musikalischen Aussagen jedes Mal neu zu formulieren, selbst wenn sein Repertoire sich konsequent wiederholt. Evergreens wie "Stella by starlight", "Cherokee" oder "Alone together" hat er viele Male eingespielt. Und doch klingen sie jedesmal anders, da sie stets ein Abenteuer der Entdeckung neuer Wege sind.

Froh, wenn er spielen darf

Saxophonist Lee Konitz | Bildquelle: picture-alliance/dpa Bildquelle: picture-alliance/dpa Lee Konitz, der auch in den letzten Jahren viel unterwegs war - und vor seinem 85. Geburtstag oft bis zu 200 Auftritte im Jahr hatte, staunt selbst über seine lange Karriere und die Bedeutung, die auch seine ganz frühen Stationen noch immer für Jazzkenner auf der ganzen Welt haben, mittlerweile sechzig Jahre nach den Aufnahmen. "Es ist ein totales Wunder für mich! Ich bin froh, wenn ich einfach die Gelegenheit habe, zu spielen. Doch wenn Leute immer noch von den Aufnahmen sprechen, die ich mit Lennie Tristano, mit Stan Kenton, mit Miles Davis und Gerry Mulligan gemacht habe, sage ich 'Danke Gott', das freut mich." Das "Danke Gott" sagte er auf Deutsch in einem englisch geführten Interview.

Ein Marathon-Mann des Jazz: einer, dessen leiser und hochdiszipliniert verfolgter musikalischer Weg ungemein lange trägt. Wer Konitz erlebt, kann sich auf konsequente Anti-Routine einstellen. Es stimmt auch heute noch, was einst der Altsaxophon-Kollege Paul Desmond über Lee Konitz sagte: Ihm zuzuhören sei ebenso faszinierend, wie jemanden zu beobachten, der ein Mobile baut, während er auf einem Artistenrad fährt. Eine leise, komplexe Kunst, die höchste Konzentration erfordert. Eine gute Überschrift dafür wäre: "Mobi-Lee".

Lee Konitz live:

Bühne Frei im Studio 2: Matthieu Bordenave Quartet feat. Lee Konitz am 25. Oktober 2017 im Münchner Funkhaus
Einen Mitschnitt des Konzerts sendet BR-KLASSIK am Freitag, 03.11.2017, in der "Jazztime"

Lee Konitz auf BR-KLASSIK und ARD-alpha:

Classic Sounds in Jazz am 11.10.2017
Profound blue
Mit Musik von Thelonious Monk, Lee Konitz, June Tabor, Wolfgang Muthspiel und anderen
Moderation und Auswahl: Roland Spiegel

Jazztime: All that Jazz am 12. Oktober 2017
"Subconscious-Lee". Der Altsaxophonist Lee Konitz
Lee Konitz: der stilbildende Altist des Cool Jazz
Moderation und Auswahl: Marcus Woelfle

alpha-Jazz: Lee Konitz New Quartet live bei der 43. Internationalen Jazzwoche Burghausen
Lee Konitz (as), Florian Weber (p), Jeff Denson (b), Ziv Ravitz (dr)

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