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Martial Solal zum 90. Geburtstag Jazz-Ikone aus Frankreich

Weltstars wie Oscar Peterson und Duke Ellington bewunderten ihn. Und das nicht von ungefähr: Der Franzose Martial Solal ist einer der besten Jazzpianisten der Welt - seit rund 70 Jahren - sowie ein vorzüglicher Big-Band-Chef und herausragender Komponist, zum Beispiel von Filmmusiken. Er gilt als der bedeutendste französische Jazzmusiker nach der Jahrhundertfigur Django Reinhardt. Solal wird am 23. August 90 Jahre alt.

Martial Solal  | Bildquelle: Tikemyson

Bildquelle: Tikemyson

Martial Solal zum 90. Geburtstag

Wer ihn einmal solo am Klavier erlebt hat, wird vermutlich über Jahre hinaus nicht mehr vergessen, wie sehr man über Musik staunen kann. Denn Martial Solal "spielt" Stücke nicht nur, er inszeniert sie, verwandelt sie in bewegte Bilder aus Klängen. Ein Klassiker wie "Over the rainbow", der schöne Song aus dem Film "The Wizard of Oz" ("Das verzauberte Land"), wird bei Solal zu einer Rhapsodie ungeahnter Möglichkeiten. Die Melodie: Man kennt sie, aber nicht so. Immer wieder erscheint sie verwandelt, wie in neuen musikalischen Gewändern. Die Rhythmen ändern sich ständig, plötzliche Pausen brechen eine Phrase jäh ab und führen sie nach einer Schrecksekunde ganz logisch fort. Und immer wieder schillern unerwartete Harmonien durch. Es ist, als würden die Stimmen sich selbstständig machen: sich lösen vom Instrument, einander umschwirren und umflattern wie klanggewordene Vögel in der Luft.

Martial Solal beim Jazzfestival Viersen 2007

Sein Spiel wirkt mühelos, doch es ist erarbeitet. Die Klarheit der Stimmführung, das ungemein sichere Gespür für dynamische Nuancen, der Sinn fürs funkelnde Herausarbeiten von Pointen: Das alles erlebt man bei Martial Solal auf allerhöchstem Niveau. Solch eine spieltechnische Beherrschung ist auch in der Weltklasse des Jazz nicht selbstverständlich. Solal äußerte sich zur Frage der Spieltechnik einmal wie folgt: "Das, was man sagen möchte, kann man nur mit einer guten Technik aussagen. Wenn du freilich Sklave deiner Technik bist, kannst du keine gute Musik machen." Nach dieser Maxime musiziert er auch. Er verfügt über die Technik, nicht sie über ihn. Sie ist Mittel zum Zweck für ein Spiel von stets überraschendem Ideenreichtum.

Art Tatum stand Pate

Inspiriert wurde der Franzose dazu nicht zuletzt von Vorbildern wie dem Klavier-Überflieger des frühen Jazz, Art Tatum. Dieser Amerikaner nahm von den 1930er Jahren an Stücke auf, die wie ein Wirbelwind durch die Gehörgänge fegten. Aber auch der dichte moderne Klavierstil von Bud Powell, einem der großen Initiatoren des modernen Jazz, der 1959 nach Paris zog, hat Solal geprägt. Sowie, viel früher schon, der Klangwitz von Fats Waller. Seit Jahrzehnten hat der französische Virtuose wiederum selbst Schule gemacht. Nicht zuletzt wurde sein Name zum Signalwort und Gütesiegel eines berühmten Wettbewerbs für junge Pianisten: des 1989 gegründeten "Concours Martial Solal", den der Pianist auch selbst leitete (bis 2010 zuletzt alle vier Jahre).

Diskriminierung durch Nationalsozialisten

Martial Solal wurde am 23. August 1927 in Algier als Sohn französischer Eltern geboren. Seine Mutter war Opernsängerin und führte ihn früh zur Musik. Er wurde in jungen Jahren vertraut gemacht mit der Klaviermusik von Bach bis Debussy, außerdem lernte er Klarinette und Saxophon. Nachdem 1940 das französische Vichy-Regime die Rassenpolitik der Nazis auch in den französischen Territorien Afrikas anwandte, musste Martial Solal als Sohn eines jüdischen Vaters die Schule verlassen. Musikalisch brachte ihn ein Privatlehrer weiter. Dem Musikjournalisten John Fordham erzählte Solal 2010 für den britischen "Guardian" über diese Zeit Folgendes: "Mein Lehrer in Algier war ein Nachbar meiner Tante: ein großer, dicker, beeindruckender Kerl, der Klavier, Saxophon, Schlagzeug, Akkordeon, Klarinette, Trompete, also einfach alles spielte. Als ich ihn Jazz spielen höre, haut mich das um: Ich werde sein Schüler, dann schließe ich mich seiner Band fünf Jahre lang an, um darin Klavier zu spielen und Klarinette im Stil von Benny Goodman. Es war nur Tanzmusik - Tango, Walzer, ein bisschen Jazz. Und es war 1941 oder 1942, also wussten wir nichts von Charlie Parker und der Moderne. Aber es genügte."

Aufnahmen mit Django Reinhardt

Martial Solal  | Bildquelle: Tikemyson Martial Solal | Bildquelle: Tikemyson

Bereits 1945 wurde Martial Solal professioneller Musiker. Und bereits während der Kriegsjahre hatte er in Marokko, wo er seinen Militärdienst ableistete, für amerikanische Soldaten Jazz gespielt. 1950 zog er nach Paris - in einem Vorort der französischen Hauptstadt lebt er noch heute. Er fand Arbeit bei Orchestern und machte diverse Aufnahmen mit unterschiedlichen französischen Musikern - 1953 etwa auch mit Gitarrist Django Reinhardt, an der Seite von Bassist Pierre Michelot, der ebenfalls ein bedeutender französischer Jazzer der Nachkriegsgeneration werden sollte. Bald gründete Solal ein Trio mit Schlagzeuger Daniel Humair und Bassist Guy Pedersen, spielte in einem Quartett mit dem Trompeter Roger Guérin - und machte sich allmählich einen großen Namen in Frankreich. Im Club Saint Germain im 6. Arrondissement von Paris sowie an anderen einschlägigen Jazz-Spielorten begleitete er große amerikanische Solisten wie Chet Baker und Stan Getz und den in Frankreich lebenden Sidney Bechet. 1963 wurde Solal dann zum Newport Jazz Festival in den USA eingeladen, wo mit Bassist Teddy Kotick und Schlagzeuger Paul Motian eine vielbeachtete Aufnahme mit Standards wie "I got rhythm" entstand.

Keine Lust auf Flugzeuge

Damals hatte Martial Solal es in der Hand, auch im Mutterland des Jazz, in den USA, Karriere zu machen. Er hatte aber bereits Familie und blieb in Frankreich. In den USA war er selten präsent. In einem Interview für das Magazin "France - Amérique" sagte er 2008: "Ich fing 1963 an, in den USA zu spielen, und bin nur ungefähr zwanzig Mal wieder gekommen. Um eine große Karriere in einem Land zu machen, muss man dort sein und oft spielen. Ich bin aber nicht gerade ein Fan von Flugzeugen und habe daher mehrere Konzerte in den Vereinigten Staaten abgesagt."

Godards Filmklassiker "Außer Atem"

Von Frankreich aus hat Martial Solal eine vielfältige und prägnante Karriere gemacht - nicht zuletzt mit Filmmusik. Bereits 1960 erschien Jean-Luc Godards epochemachendes Kino-Opus "A bout de souffle" (Außer Atem) - mit Musik von Martial Solal. Und noch viele Jahre später, nämlich im Jahr 1999, zeichnete der Pianist für die Musik von Bertrand Bliers Film "Les Acteurs" verantwortlich. Als Komponist hat er sich auch im klassischen Bereich einen Namen gemacht: Er schrieb eine Reihe von Kammermusikstücken, aber auch ein Klavierkonzert, diverse Klavier-Etüden - und Solostücke etwa für Fagott oder Cembalo. Fast wie mit dem Klavier geht Solal auch mit großen Jazz-Besetzungen um: Seine Dodeca-Band ist weltweit renommiert. Mit ihr interpretierte Solal unter anderem Stücke von Duke Ellington in ganz eigener Tönung. Auch in seinen Arrangements für die Big-Band-Besetzung lässt Martial die Stimmen voller Witz funkeln, geht oft weit weg von den Themen, die immer wieder spukhaft aufflackern, eingebunden in ein komplexes musikalisches Geschehen, das viel auch von klassischer Musik des 20. Jahrhunderts - etwa Kompositionen von Strawinsky und Bartók - beeinflusst ist. Er wolle zeigen, dass ein Arrangeur eigentlich auch ein Komponist ist, sagte Solal einmal über seine Big-Band-Bearbeitungen von Klassikern.

Ausschnitt aus dem Film "Außer Atem" mit Musik von Martial Solal

Französische Spezialität: Esprit

Als Pianist hat Solal mit vielen weltberühmten Kollegen gespielt - mit Toots Thielemans, mit Lee Konitz und John Scofield, mit Attila Zoller und Hans Koller - und nicht zuletzt mit Django Reinhardts Weggefährte Stéphane Grappelli. Seine Kabinettstücke hat er aber als Solo-Pianist veröffentlicht - auf Alben wie "Nothing But Piano" und "The Solosolal". Spielerischen Witz haben nicht nur seine Töne, sondern auch die Titel seiner Platten und Kompositionen. "Solalitude" nannte er eines seiner Stücke: eine Zusammenziehung des Namens Solal mit dem französischen Wort für Einsamkeit, "Solitude". Ein Musiker mit viel Hintersinn: In seinen Stücken und seinem Klavierspiel steckt stets ein bisschen mehr, als man aufs erste ahnt. Um seine Musik treffend zu beschreiben, verwendet man am besten ein französisches Wort: Esprit. Dieses Wort gibt auch im Deutschen - als Synonym für Geist, Scharfsinn, Schlagfertigkeit, Witz. Das alles haben die Töne von Martial Solal - und sind zugleich getragen von einer fesselnd unmittelbaren Musikalität. Ein Jazz-Großmeister - und so langlebig wie er selbst sind auch die Klänge, die Martial Solal in die Welt gesetzt hat.

Sendung: Jazztime am 23. August 2017, 23.05 Uhr auf BR-KLASSIK

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