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LABELGRÜNDER MATTHIAS WINCKELMANN WIRD 80 "Da weisst du plötzlich: Was ist das für ein Mensch, der da spielt"

Mit geliehenem Geld seines Vaters gründete er einst das Jazz-Label "enja". Das wird demnächst 50 Jahre alt. Der in München lebende Gründer und Chef Matthias Winckelmann feiert schon vorher: Er wird am 7. April 80.

Matthias Winckelmann: Gründer des Jazz-Labels "enja" | Bildquelle: Roland Spiegel

Bildquelle: Roland Spiegel

Die Liste ist beeindruckend. Chet Baker, Dusko Goykovich Abdullah Ibrahim, Abbey Lincoln, John Scofield, Archie Shepp, Bennie Wallace, Yosuke Yamashita - und viele andere mehr haben bei diesem unabhängigen Münchner Label Alben veröffentlicht. Einige gehören immer noch zu den Künstlern, die dem Label verbunden sind: etwa der große südafrikanische Pianist und Komponist Abdullah Ibrahim, der aus dem ehemaligen Jugoslawien stammende Weltklasse-Trompeter Dusko Goykovich. Dazu so markante Musiker wie der libanesische Oud-Virtuose und Komponist Rabih Abou-Khalil. Nur noch wenige Alben bringt enja inzwischen pro Jahr heraus - doch immer noch gerät Produzent und Chef Matthias Winckelmann schnell ins Schwärmen, wenn man mit ihm spricht.

"DA GIBT ES SO EINEN JUNGEN TYPEN …"

Matthias Winckelmann: Gründer des Jazz-Labels "enja" | Bildquelle: Roland Spiegel Labelgründer Matthias Winckelmann | Bildquelle: Roland Spiegel Mit leuchtenden Augen sitzt der stattliche Mann mit dem Kinnbart und der leicht angeraut swingenden Stimme am Schreibtisch in einer Büro-Ecke im derzeitigen Domizil des Labels, einem vor allem als Lagerraum dienenden Hinterhof-Flachbau unweit der Donnersberger Brücke in München, und erzählt von jungen Musikern, deren Aufnahmen er unlängst gehört habe und mit denen er unbedingt Projekte realisieren wolle. "Da gibt es so einen jungen Typen aus ...", beginnen manche seiner Sätze - und ziehen dann meist ausführliche Schilderungen nach sich: Schilderungen eines rückhaltlos Entdeckungsfreudigen.

"MACH, WAS DU WILLST, ABER MACH ES AUCH GUT"

Die schönste seiner Schilderungen ist die vom Anfangs seines Labels. Matthias Winckelmann hatte Volkswirtschaft und Soziologie studiert, sich ursprünglich für einen Beruf in der Entwicklungshilfe interessiert - doch dann kam alles anders. Er hörte Aufnahmen des Saxophonisten Charlie Parker und wusste dann schnell, dass er mit solcher Musik "für den Rest meines Lebens was zu tun haben" wollte. Als sein Vater, ein "großer Businessmann in Frankfurt", ihn fragte, was die Pläne des Sohnes nach dem Examen seien, sagte Matthias Winckelmann, er würde am liebsten ein Jazzlabel gründen. Wenn es etwas ist, wovon Du wirklich begeistert bist, dann mach es, soll sein Vater darauf gesagt haben; aber auch: Und mach es richtig gut. Dann machte sich Matthias Winckelmann daran, bei seiner Bank einen Kredit aufzunehmen - doch auf seine Ankündigung, dass er sensationelle Schallplatten mit einer unwiderstehlichen Musik produzieren wolle, wurde ihm dort gesagt: Klingt großartig, aber machen Sie das lieber mit anderen Partnern. Also lieh er sich von seinem Vater 20.000 Mark für den Start: "Und nach anderthalb Jahren konnte ich ihm das Geld zurückzahlen, da war ich ganz stolz".

GRÜNDUNG DES LABELS "ENJA": ERSTE PLATTE MIT PIANIST MAL WALDRON

Matthias Winckelmann: Gründer des Jazz-Labels "enja" | Bildquelle: Roland Spiegel Mit Jazz geht es immer aufwärts | Bildquelle: Roland Spiegel Matthias Winckelmann gründete das Label nicht alleine: Sein Compagnon war der sieben Jahre ältere Mode-Designer und Jazzfan Horst Weber (1934 bis 2012), der besonders gute Kontakte nach Japan hatte - einem Land mit extrem vielen Jazz-Liebhabern. "Enja", der Name des Labels, stand für European New Jazz. Das Motto wurde aber nie sklavisch ernst genommen, denn bereits die erste Produktion des Labels präsentierte die Band eines amerikanischen Musikers, der damals in München lebte: Das war der Pianist Mal Waldron, einst Begleiter der Sängerin Billie Holiday. Am 29. Juni 1971 entstand eine Aufnahme mit ihm, Bassist Jimmy Woode und Schlagzeuger Pierre Favre im Münchner Jazzclub "Domicile". "Black Glory" hieß das damalige Album. Damit wurde Mal Waldron zum zweiten Mal der erste Künstler eines in München gegründeten Jazzlabels. Zwei Jahre zuvor hatte der Produzent Manfred Eicher das Label ECM aus der Taufe gehoben, dessen erstes Album "Free At Last" von Mal Waldron war. Zu den frühen Künstlern des Labels enja gehörten auch der ungarische Gitarrist Attila Zoller, der deutsche Posaunist Albert Mangelsdorff und der japanische Trompeter Terumasa Hino.

CHET BAKERS "LAST GREAT CONCERT"

Bald kamen auch Aufnahmen mit Dusko Goykovich und Abdullah Ibrahim hinzu - und 1988 entstand für enja auch die letzte bedeutende Live-Aufnahme des Trompeters Chet Baker: "The Last Great Concert", aufgenommen am 28. April 1988, 15 Tage, bevor der weltberühmte Musiker aus einem Hotelzimmerfenster in Amsterdam stürzte und im Alter von 58 Jahren starb. Die beiden enja-Gründer Matthias Winckelmann und Horst Weber arbeiteten bis 1986 zusammen, danach teilten sie wegen unterschiedlicher Vorstellungen den Katalog ihres Labels, das fortan in zwei getrennten Schienen unter demselben Namen existierte.

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Abdullah Ibrahim 'Triste - My Love' | Live Studio Session | Bildquelle: KNKX Public Radio (via YouTube)

Abdullah Ibrahim 'Triste - My Love' | Live Studio Session

MIT DEM EIGENEN PKW VON PLATTENLADEN ZU PLATTENLADEN

Matthias Winckelmann lieferte in den Anfangsjahren LPs selber aus. Er fuhr mit seinem VW von Plattenladen zu Plattenladen in ganz Deutschland. "Das war alles sehr bescheiden in den frühen Jahren. Ich war mein eigener Vertreter - bis wir uns einen regulären Vertrieb leisten konnten." Wer Winckelmann je im Gespräch erlebt hat, kann sich vorstellen, mit wieviel Schwung und Begeisterung er damals die Musik, die er für die beste der Welt hielt, an die Leute brachte. Die Begeisterung und die Fähigkeit zum verbalen Entfachen von Feuer hat er heute immer noch.

DER MENSCH, DER DA SPIELT

Über das, was ihn einst am Jazz so sehr bewegte, dass er dieser Musik sogleich sein Leben widmen wollte, sagt Matthias Winckelmann: "Ich hab‘ auch viel klassische Musik gehört. Aber das war eine völlig andere Welt. Da war natürlich der Rhythmus ganz anders, aber auch das Harmonische. Das Impulsive, das On-the-Spot beim Jazz, das fand ich faszinierend. Dass du plötzlich wusstest: Was ist das für ein Mensch, der das gerade spielt. Wie ein großer Schauspieler - da denkst Du plötzlich über den nach." Jazz: Musik, die Menschen für Menschen interessieren kann. Dafür steht das bisherige Lebenswerk des Produzenten Matthias Winckelmann. Herzlichen Glückwunsch zum 80. Geburtstag!

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