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Paul McCartney zum 75. Geburtstag Melodien-Genie, Linkshänder und Beatle mit deutschem Bass

Seit fast sechs Jahrzehnten ist er einer der bekanntesten Musiker der Welt. Der einstige "Beatle" und heute erfolgreichste Songschreiber der Popmusikgeschichte verfasste ewige Hits wie "Yesterday", "Blackbird" und "Hey Jude" - und kann am 18. Juni seinen 75. Geburtstag feiern: Paul McCartney - oder besser, seit 1997, Sir James Paul McCartney.

Musiker Paul McCartney (ehem. Beatles-Bandmitglied) | Bildquelle: picture alliance / abaca

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Unverschämt jung: So konnte man ihn erst vor einem Jahr erleben - etwa am 10. Juni 2016 im ausverkauften Olympiastadion in München. Paul McCartney auf der Bühne: Noch immer machte er da, im adrett geschnittenen blauen Jackett meist stehend am Mikrophon, eine bestechend gute Figur. Er spielte Bass, akustische Gitarre, E-Gitarre, Klavier - und in einer Hommage an den Beatles-Kollegen George Harrison auch einmal Ukulele. 38 Songs - von "A Hard Day's Night" zum überpünktlichen Beginn bis "The End" etwa zwei Stunden später - brachten er und seine Band auf die Bühne. Und man konnte staunen, wie vorzüglich McCartney die Songs auch noch stimmlich bewältigte. Er ließ sich bei ganz hohen Tönen zwar ab und zu geschickt und fast unmerklich von einem seiner Mitmusiker aushelfen; aber immer noch brachte er die unterschiedlichen Tonlagen und Energie-Zustände von Stücke wie "Hey Jude", "Live and Let Die" und "Band On The Run" bewundernswert rüber. Und verblüffte dazwischen auch mit so kniffligen Instrumental-Einlagen wie dem in harschen Quarten geführten E-Gitarrenriff des Songs "Let Me Roll It" und dem Solo-Schlagabtausch mit Kollegen im atemberaubend zupackend gespielten Schluss-Medley aus "Abbey Road". Ein Mann im bereits fortgeschrittenen Rentenalter? So klang das nicht - und sah es nicht aus.

Sanfter Poet, wilder Röhrer

Paul McCartney, geboren am 18. Juni 1942 in Liverpool, ist, man kann es vielleicht nicht anders sagen, ein Wunder. Einer, der, wie es scheint, fast alles kann - und das auch noch über eine unfassbar lange Zeit. Er hat eine Chamäleon-Stimme, die völlig unterschiedliche Farben annehmen kann, vom zarten Schwelgen bis hin zum beinharten Rockgesang (der sanfte Poet etwa in "Here, There and Everywhere" und "Yesterday", der wilde Röhrer in "Oh, Darling" oder "Helter Skelter"). Er spielt die unterschiedlichsten Instrumente flüssig und elegant - auf der "Wings"-Platte "Band On The Run" von 1973 etwa auch bewundernswert Schlagzeug; und von Beatles-Zeiten bis heute natürlich immer wieder einen Linkshänder-Bass, dessen Korpus an den einer Geige erinnert und der von einer Firma aus dem fränkischen Bubenreuth bei Erlangen stammt. Darüber hinaus ist Paul McCartney auch ein Musiker, der viel augenzwinkernden Humor in Songs aufblitzen lässt - etwa in der Country-Moritat "Rocky Raccoon", in der swingenden Music-Hall-Hommage "Honey Pie" oder auch in dem gern geschmähten, von jamaikanischer Musik beeinflussten Ohrwurm "Ob-La-Di, Ob-La-Da".

Fan von Karlheinz Stockhausen

Ein Sonny-Boy mit ganz vielen Ausnahme-Begabungen: Dafür könnte man ihn halten. Doch das ist nur das halbe Bild eines Musikers und Songschreibers mit höchst unterschiedlichen Facetten. Beatles-Verehrer stellten McCartney und seinen großen Beatles-Kompagnon John Lennon (1940-1980) oft als Antipoden dar: John, der scharfsinnige Intellektuelle und aufmüpfige Avantgardist, Paul, der Schöne, Freundliche mit dem Sinn für Melodien, die man nachpfeifen kann. Wie aber der Produzent George Martin (1926 - 2016) geschildert hat, unter anderem 1994 in dem Buch "Summer of Love" über die Entstehung der LP "Sgt. Pepper's Lonely Hearts Club Band", trafen solche Klischees ganz und gar nicht zu. In musikalischer Hinsicht etwa war John Lennon diesen Schilderungen zufolge ein ziemlich konservativer Rock'n'Roller - und Paul McCartney derjenige, der avantgardistische Ideen mitbrachte. McCartney interessierte sich zur Zeit der Aufnahmen von "Sgt. Pepper" (Ende 1966 und Anfang 1967) besonders für zeitgenössische E-Musik, nicht zuletzt für diejenige des deutschen Komponisten Karlheinz Stockhausen (etwa dessen "Gesang der Jünglinge"), aber auch die des Amerikaners John Cage und des Italieners Luciano Berio.

Monumentale Klangmasse als Song-Überleitung

Paul McCartney | Bildquelle: picture-alliance/dpa Paul McCartney 2016 in München | Bildquelle: picture-alliance/dpa McCartney war es auch, der das berühmte 40-sekündige Orchester-Crescendo in dem Song "A Day In The Life" anregte. Dieser Song, Höhepunkt des Albums "Sgt. Pepper's Lonely Hearts Club Band", setzt sich zusammen aus einem Hauptteil, den John Lennon schrieb und sang, und einem Mittelteil von Paul McCartney - sowie einer aufwändigen Überleitung von 24 Takten, die mit 41 Musikern des London Philharmonic Orchestra aufgenommen wurde. Die Grund-Idee, dass hier alle Orchestermusiker leise auf dem niedrigsten Ton ihres Instruments beginnen und sich dann - spiralförmig und Intensität sowie Lautstärke steigernd - bis zum höchsten Ton hochwinden, stammte von McCartney. Die Anweisung an die Musiker, die dann George Martin auf den Punkt brachte, darauf zu achten, keinesfalls denselben Ton wie der Nachbar zu spielen, könnte von John Cage stammen. Das Ergebnis jedenfalls: eine monumentale Klangmasse, wie man sie vorher mindestens in der Pop-Musik nie gehört hatte: ein orchestrales Cluster voller ungeahnter Reibungshitze. 24 Takte, die Geschichte machten.

Einmaliges Melodien-Talent

Über Paul McCartney und das, was diesen Musiker kennzeichnet, schrieb George Martin die folgenden, spannenden Zeilen: "In Wirklichkeit war er genauso ein Rocker wie John, der wiederum in seinen Liebesliedern mindestens so sentimental sein konnte wie Paul. (…) Paul hatte ein einmaliges Talent zum Melodienschreiben. Sie sprudelten scheinbar mühelos aus ihm heraus. Immer wieder begeisterten mich seine wunderschönen neuen Melodien mit ihren interessanten Harmonien, und ich fragte mich oft, wo die wohl immer herkamen. Seltsamerweise wusste Paul das auch nie so recht."

"Yesterday" - das Lied von den Rühreiern

Musiker Paul McCartney 1960 (ehem. Beatles-Bandmitglied) | Bildquelle: picture alliance//HIP Paul McCartney 1960 | Bildquelle: picture alliance//HIP Es verwundert nicht, dass ein Stück wie "Yesterday" zum meistgespielten Popsong aller Zeiten wurde - mit bis heute über 3000 veröffentlichten Versionen mit Interpreten, die von Ray Charles über Frank Sinatra bis hin zu den Drei Tenören Luciano Pavarotti, José Carreras und Placido Domingo reichen. Denn dieses Lied verfügt über Zutaten, die nur durch bestes Songwriter-Handwerk zustande kommen konnten: eine zugleich ungemein logisch aus einem zweitönigen, immer wiederkehrenden Grundmotiv aufgebaute Melodie, einen überraschend kontrastierenden zweiten Melodieteil - und Harmonien, die mit selbstverständlicher Wendigkeit durch Dur- und Moll-Passagen führen. Ein einfacher, aber nirgends simpler Song, der sich auch durch eine verblüffende Natürlichkeit auszeichnet. Er wäre möglicherweise nicht der ewige Hit geworden, als den man ihn kennt, wenn er denjenigen Titel behalten hätte, den McCartney beim Komponieren der Melodie als Arbeitstitel mit sich herumtrug: "Scrambled Eggs" (Rühreier). Mit dem bekannten Text, der von einer beendeten Liebe und der Sehnsucht nach vergangenen gemeinsamen Zeiten erzählt, schmiegte sich die Musik wohl doch leichter ins Gemüt von inzwischen Millionen Hörern. "Yesterday" gehörte selbstverständlich auch zum Programm des McCartney-Konzerts in München 2016. Auch hier spielte McCartney die Begleitung, wie in der Original-Aufnahme, mit einer heruntergestimmten Gitarre. Das Stück erklingt in F-Dur, aber McCartneys Gitarre ist zwei Halbtöne tiefer gestimmt, so dass er die bequemeren und in diesem Fall auch besser klingenden G-Dur-Griffmuster verwenden kann.

Das Meisterwerk "Blackbird"

Viele von McCartneys Songs haben eine Eleganz, die durchaus mit derjenigen des großen amerikanischen Musical- und Songkomponisten Cole Porter (1891-1964) vergleichbar ist. Durch kleine harmonische und melodische Kniffe weichen sie ab von allzu naheliegenden Mustern. Dadurch sind sie auch für andere Interpreten so interessant. Diese Kniffe steigern die Herausforderung und auch den Spaß, den Musiker beim Nachspielen haben. Viele von McCartneys Songs werden auch gern von Jazzmusikern nachgespielt. "I will" von 1968 ist so ein Beispiel. Noch signifikanter aber: "Blackbird", das möglicherweise beste Lied, das McCartney geschrieben hat. In "Blackbird" überrascht die Stimmführung auf der Gitarre, mit wandernden Bässen und raffiniert ineinander geführten Harmonien. Und auch die Intervallsprünge der Melodie sind ungewöhnlich. Dass dieser Song von 1968 auch noch eine leicht versteckte politische Botschaft hat, inspiriert von der amerikanischen Bürgerrechtsbewegung und mit der titelgebenden Amsel als Metapher für eine diskriminierte afroamerikanische Frau, ist ein weiterer Hinweis darauf, wie leicht man McCartney unterschätzen kann. Nicht nur seine Melodien und Harmonien sind bemerkenswert, sondern auch seine Texte haben manchmal Elemente, die durchaus überraschen. Nicht nur in "Blackbird" kann man das feststellen, sondern auch etwa in einem Song wie "I'm Looking Through You" von 1965, in dem die bestechend formulierte Zeile "Love has a nasty habit of disappearing overnight" vorkommt - oder auch der überraschende Vers: "You don't look different, but you have changed".

Jakob, der Rabe

Absolut verdient also ist es, dass dieser einstige Liverpooler Lausejunge und Jung-Superstar der Sechziger in den Olymp der populären Musiker aufgestiegen und so lange dort oben geblieben ist. Auch nach der Zeit der Beatles, also seit 1970, hat Paul McCartney hervorragende Lieder geschrieben und so starke Platten wie "Band On The Run", "Tug Of War", "Flaming Pie" oder auch die von 2013 stammende CD "New" veröffentlicht. Bei seinen Tourneen seit den 1980er Jahren spielten er und seine Mitmusiker stets neue Kompositionen und Beatles-Klassiker - letztere dabei technisch so perfekt, wie es die Original-Beatles live gar nicht gekonnt hätten. McCartney ist dabei auch ein guter Entertainer mit ganz eigenem Witz - in Deutschland ganz gern mit Bühnenansagen auf Deutsch, nicht zuletzt mit dem schönen Schulbuch-Satz "Jakob, der Rabe, ist der frechste von den Vögeln, die ich je gesehen habe", den McCartney mit hübsch singendem, englischem Akzent unter anderem im Mai 2003 bei seinem bejubelten Konzert auf dem Münchner Königsplatz zitierte.

Die 64 Jahre, die er einst in einem seiner berühmten Lieder besang ("When I'm Sixty-Four"), hat er längst überschritten, um elf Jahre mittlerweile. Und der Song ist auch schon 50 Jahre alt. "Will you still need me, will you still feed me?" Diese Zeile beantworten seine Fans jedoch auch heute noch vermutlich uneingeschränkt mit "Ja". Und zumindest imaginär senden sie ihm die auch in dem betreffenden Liedertext enthaltenen "Birthday greetings, bottle of wine" zum unerwartet schnell herbeigeeilten Fünfundsiebzigsten. Have a great celebration, Sir James Paul McCartney.

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