BR-KLASSIK

Inhalt

Personalwechsel im Jazzclub Unterfahrt Musik auf unsicherem Grund

Die Jazz-Szene ist alarmiert. Im Münchner Club Unterfahrt, einem der renommiertesten Jazzclubs europaweit, gibt es schon wieder Personalwechsel. Die künstlerische Leiterin Fee Schlennstedt und drei Vorstände des "Förderkreises Jazz und Malerei München e.V." sind nicht mehr bei der Unterfahrt, dies geht aus einem Schreiben an die Mitglieder des Fördervereins und einer aktuellen von Musikern initiierten Petition hervor.

Gitarrist Wolfgang Mutspiel, Bassist Larry Grenadier und Schlagzeuger Brian Blade im Jazzclub Unterfahrt | Bildquelle: Ralf Dombrowski

Bildquelle: Ralf Dombrowski

Das ist ein Einschnitt, den viele nicht nachvollziehen können: Fee Schlennstedt, früher Chefin des Kulturprogramms in Schloss Elmau und seit Sommer 2015 an gestaltender Position in dem Münchner Vorzeige-Jazzclub, hat eine hervorragende Programmarbeit gemacht. In der Szene ist sie offenbar äußerst beliebt. Der Spagat des vielleicht bedeutendsten deutschen Jazzclubs mit rund 360 Konzerten im Jahr schien in den vergangenen zwölf Monaten besonders geglückt: Junge Musiker wurden gefördert, alle Spielarten des Jazz von frei bis traditionell konnte man erleben, Weltstars gaben ihre einzigen Gastspiele in Deutschland in der Unterfahrt. Manch eine Legende, wie zum Beispiel der New Yorker Piano-Guru Fred Hersch trat in Schlennstedts Zeit überhaupt zum ersten Mal im Münchner Club auf.

Viele Preise trotz Personalwechsels

Pianist Fred Hersch bei seinem ersten Gastspiel in der Unterfahrt im Jahr 2016 | Bildquelle: Ssirus Pakzad New Yorker Jazzpianist Fred Hersch in der Unterfahrt | Bildquelle: Ssirus Pakzad 2012 wurde der Jazzclub Unterfahrt mit dem renommierten Musikpreis der Landeshauptstadt München ausgezeichnet - für die großen Impulse, die von diesem Veranstaltungsort für die musikalische Weltstadt ausgehen. Dieser Preis kann auch als eine Verpflichtung für die Zukunft angesehen werden. Nun herrscht in der Unterfahrt  zum zweiten Mal innerhalb von zwei Jahren eine unsichere Personalsituation. Von November 2014 bis März 2015 - nach der sehr erfolgreichen Zeit der langjährigen Programmgestalterin Christiane Böhnke-Geisse - war Gábor Simon künstlerischer Leiter, vorher bei Pro Helvetia und dem Label ECM tätig. Ab Sommer 2015 war Fee Schlennstedt für die Programmplanung zuständig. Fans fürchten jetzt, dass das Programm dieser Bühne an Profil verlieren könnte. Ein großer Schaden, nicht nur am "Förderkreis Jazz und Malerei München e.V.", der den Jazzclub betreibt, sondern auch für München als einen der lebendigsten Musikorte der Welt.

Erst diese Woche bekam der Jazzclub Unterfahrt wieder den Spielstättenprogrammpreis "APPLAUS", der von der Bundesregierung für herausragende veranstalterische Leistungen vergeben wird. Dieser Preis bezieht sich stets auf das Vorjahr, in diesem Fall also auf 2015. In diesem Zeitraum haben zwei Personen das Programm der Unterfahrt wesentlich mitgeprägt: am Anfang des Jahres Gábor Simon, gegen Ende des Jahres dann Fee Schlennstedt.

Widerstand in der Szene

Seit dem Wochenende machen Musiker, Jazzfreunde und Kulturschaffende über soziale Netzwerke auf eine Petition aufmerksam, die sich an den "Förderkreis Jazz und Malerei München e.V." richtet. Ihre Forderung lautet: "Fee Schlennstedt soll in der Unterfahrt bleiben". Initiatorin ist die Münchner Saxophonistin Stephanie Lottermoser. In den Kommentaren zur Petition wird das Bedauern über die Entscheidung des Unterfahrt-Vorstandes deutlich ausgedrückt.

Wie in einem Schreiben an die Mitglieder des Förderkreises mitgeteilt wurde, habe sich der Vorstand die Entscheidung, Fee Schlennstedt zu entlassen, "nicht leicht gemacht und über einen längeren Zeitraum - zuletzt mit externer neutraler Moderation - versucht, die der Entscheidung zugrunde liegenden Differenzen auszuräumen." Was aber die zugrundeliegenden Differenzen sind, wird nicht benannt. Das hinterlässt bei Musikern, Journalisten und nicht zuletzt bei den Jazzfans in München und darüber hinaus ein großes Fragezeichen.

Die Unterfahrt steht ohne künstlerische Leitung und mit dezimiertem Vorstand da. Eine unangenehme Situation, denn gerade in diesen Zeiten, in denen Kultur sich ihren Stand in der Gesellschaft besonders erkämpfen muss, ist eine feste Bank in Sachen Jazz - und generell Kontinuität bei traditionsreichen Kulturveranstaltern - äußerst wichtig. Einen tragfähigen Rhythmus und die Harmonie wiederzufinden - das ist für den Jazzclub und damit auch für die Musikstadt München das Gebot der Stunde.

Kommentare (3)

Kommentieren ist nicht mehr möglich.

Freitag, 28.Oktober, 08:57 Uhr

Barbara Heinrich

Unterfahrt auf wackligen Beinen

Es ist an der Zeit, Mitglieder, Förderer und die vielen ehrenamtlich Tätigen über die Probleme der internen Führung zu informieren. Der rasche Wechsel völlig unterschiedlicher Persönlichkeiten in booking (3 exzellente Jazzkenner) und Vorstand (5 langjährig tätige Jazzbegeisterte) in den letzten 2 Jahren lässt Fragen offen. Die Unterfahrt braucht eine solide, zeitgemäße Struktur - Kopfmonopole sind hinderlich und angreifbar! Ein rasche Aufklärung sowie die Einführung einer zukunftstaugliche Struktur ist der derzeitige "Restvorstand" allen Jazz- Liebhabern und Förderern schuldig!

Donnerstag, 27.Oktober, 17:45 Uhr

Robert Fischer

Seltsam

Wirklich sehr erstaunlich. Sie wird doch keine silbernen Löffel geklaut haben? In jedem Fall war/ist ihre Programmarbeit über jeden Zweifel erhaben. In Elmau wurde sie von jemandem abgelöst, der nicht halb so viel vom Metier versteht wie sie (und deren öffentliche Ansagen vor Gastspielen meist an Peinlichkeit nicht zu überbieten sind). Und wer kommt nun nach ihr in die Unterfahrt?

Donnerstag, 27.Oktober, 13:56 Uhr

Eva Kruse

Fee Schlennstedt soll in der Unterfahrt bleiben!

Ich finde es äusserst traurig und nicht nachvollziehbar wie eine derartig starke und positive Kraft, die Fee Schlennstedt verkörpert aus diesem wichtigen Job entlassen werden soll! Ich hoffe sehr, dass sich der Spiess noch umdrehen kann und sie mit den ihr vertrauten Vorstands-Mitgliedern weiterarbeiten kann! Eva Kruse/ Kontrabassistin

    AV-Player