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Konzerte mit den Münchner Philharmonikern Die Dirigentin und Sopranistin Barbara Hannigan

Barbara Hannigan gastiert für drei Konzerte bei den Münchner Philharmonikern. Die Sopranistin ist eine echte Rarität im Klassikbetrieb: Sie singt nicht nur, sie dirigiert auch - manchmal sogar gleichzeitig. BR-KLASSIK hat mit der kanadischen Sängerin vorab gesprochen.

Sopranistin und Dirigentin Barbara Hannigan | Bildquelle: © Musacchio Ianniello Accademia Nazionale di Santa Cecilia

Bildquelle: © Musacchio Ianniello Accademia Nazionale di Santa Cecilia

BR-KLASSIK: Frau Hannigan, Sie haben mir gerade Schokolade und Hustenbonbons gezeigt, die Sie vom Orchester bekommen haben. Werden Sie überall so gut begrüßt wie hier bei den Münchner Philharmonikern?

Barbara Hannigan: Ich kann mich nicht beklagen. Von 10 bis 16 Uhr haben wir geprobt - heute Morgen die Werke von Berg, am Nachmittag den kompletten Strawinsky. Nach so einem Tag sind die Musiker, ich inklusive, ein wenig erschöpft.   

BR-KLASSIK: Sie haben in Ihrem Studium sowohl Theater- als auch Tanzunterricht gehabt. Das hilft sicherlich, wenn man sich auf der großen Opernbühne präsentieren muss, eine Inszenierung umsetzten oder schauspielern muss. Hilft das auch beim Dirigieren?

Barbara Hannigan: Als ich die Autobiografie von Leonard Bernstein las und sah, dass er als Student ebenfalls Tanzunterricht bekam, dachte ich mir, dass das wirklich eine gute Idee ist. Obwohl das Dirigieren nicht mit dem Tanzen gleichzusetzen ist, ist das Bewusstsein für den Körper, als Form des Ausdrucks, genauso wichtig für das Dirigieren wie für das Tanzen. Und genau dieses Bewusstsein, das ich im Tanzunterricht entwickelt habe, übertrage ich auf mein Dirigieren. Ob als Sänger oder Dirigent, ich verwende mein Instrument so, dass ich die Partitur korrekt darstelle.

Die kanadische Sopranistin Barbara Hannigan | Bildquelle: Elmer de Haas Bildquelle: Elmer de Haas BR-KLASSIK: Wenn es um das Dirigieren geht, wird viel über die Schlagtechnik gesprochen, also darüber, was Hände und Arme machen. Sie reden dagegen immer vom ganzen Körper.

Barbara Hannigan: Das ist, als würde man die Stimme nur auf die Kehle reduzieren. Da ist aber viel mehr im Spiel. Wenn man von der Stimme spricht, dann geht es um die Atmung. Darauf beruht alles. Schon wie man steht, ist sehr wichtig. Das Gleiche gilt auch für das Dirigieren. Jeder Dirigent wird Ihnen sagen, wie wichtig es ist, wie man sich hinstellt vor dem Orchester. Der Stand muss fest sein, damit sich der Oberkörper frei bewegen kann. Auch der Gesichtsausdruck ist wichtig. Das Orchester spürt komplett, was man ausstrahlt.

BR-KLASSIK: …auch durch die Atmung wahrscheinlich. Ich glaube, ein Dirigent kann durch das Ein- und Ausatmen unglaublich viel bewegen. Es gibt ja auch Dirigenten, die mitsingen...

Barbara Hannigan: Erst neulich stand ich neben einem, der, während ich sang, irgendwelche Töne von sich gab.  Für mich ist die Atmung das Wichtigste. Wenn ich beispielsweise mit einem Dirigenten arbeite, der wirklich laut atmet, dann singe ich besser und das fühlt sich auch so an. Der Raum, in dem mein Ton steht, wächst. Manchmal finde ich mich dann irgendwie im Klang des Orchesters wieder. Beim Dirigieren ist es mir besonders wichtig, dass ich auf meine Atmung achte. Denn das Orchester antwortet darauf. Es ist, als würde man ein Pferd reiten. Das Pferd spürt sofort, wenn du nervös, nicht fokussiert oder abgelenkt bist. Das Gleiche passiert auch mit dem Orchester. Die Musiker und der Dirigent sind durch eine sehr sensible Sphäre verbunden. In diesem sehr offenen und verletzlichen Bereich ist es für den Zuschauer sehr einfach zu erkennen, wer du bist und auch wie du fühlst.

Drei Konzerte mit den Münchner Philharmonikern

György Ligeti: Atmosphères
Alban Berg: Lulu-Suite
Gabriel Fauré: Orchestersuite zur Bühnenmusik "Pelléas et Mélisande", op. 80
Igor Strawinsky: Symphony in three Movements

28. April (19.00 Uhr), 29. April (20.00 Uhr) und 30. April 2016 (19.00 Uhr)
Philharmonie im Münchner Gasteig

Barbara Hannigan singt und dirigiert die Münchner Philharmoniker

BR-KLASSIK: Wenn die Atmung beim Dirigieren eine so wichtige Rolle spielt, ist es eigentlich sehr überraschend, dass es relativ wenige dirigierende Sänger gibt. Mir fällt da nur Dietrich Fischer-Dieskau ein, der als Dirigent allerdings nicht an seine Erfolge als Sänger anknüpfen konnte - oder Plácido Domingo.

Barbara Hannigan: Ja, es gibt nicht so viele. Eigentlich ist das seltsam, weil man vermuten könnte, dass gerade Sänger in die Richtung Dirigieren gehen. Sie sind schließlich die Einzigen, die die Arme frei haben beim Musizieren. Vielleicht hat das damit zu tun, dass sich früher die Gesangsausbildung nicht so sehr mit der musikalischen Analyse beschäftigt hat. Heutzutage ist das anders, denn wir haben wirklich viele gute Sänger mit einer hochqualifizierten theoretischen Musikkenntnis. Sicherlich wird es bald mehr Dirigenten geben, die eine Gesangsausbildung haben.

BR-KLASSIK: Leider und absurderweise gibt es wenig Frauen, die am Pult stehen. Für den Schriftsteller Elias Canetti war das Dirigieren der Inbegriff von Machtausübung. Es wird immer wieder behauptet, Frau hätten eine andere Beziehung zur Macht. Wie sehen Sie das als Dirigentin?

Barbara Hannigan | Bildquelle: Marco Borggreve Bildquelle: Marco Borggreve Barbara Hannigan: Beim Dirigieren geht es um eine Verbindung von Macht und Verletzlichkeit. Wenn ich zum Beispiel die "Symphonie in drei Sätzen" von Strawinsky dirigiere, dann muss ich manchmal ziemlich männlich auftreten. Ich fühle mich dann auch so. Aber dann gibt es auch Momente, in denen fühle ich mich sehr weiblich. Aber das hat sicherlich nichts mit Machtausübung zu tun. Wenn ich die "Lulu"-Suite dirigiere, gibt es zum Teil sehr kraftvolle Passagen, die ich als durchaus weiblich bezeichnen würde. In Strawinskys Werk dagegen fühle ich eine gewisse Männlichkeit im Aufbau der Musik. Aber was mich beschäftigt, ist, dass ich immer wieder unterschiedliche Aspekte meines Ichs in der Musik wiederfinde. Es ist ja nicht mein Geschlecht, das die Musik macht. Auch ein Cello ist weder weiblich noch männlich ist. Genauso kann man dem Dirigenten auch keinem Geschlecht zuordnen. Man beschreibt es viel eher als einen Klang, der Qualitäten hat, und dem muss man keinerlei Bedeutung zuschreiben.

BR-KLASSIK: Es kommt also mehr auf die individuelle Persönlichkeit an als auf das Geschlecht.

Barbara Hannigan: Auf jeden Fall, denn es geht um eine Führungspersönlichkeit. Das ist sicherlich ein wichtiger Aspekt. Auch geht es um eine bestimmte Art von Musikalität, um das Bewusstsein in dieser Position des Dirigenten zu sein, bei der man den Kollegen auch hilft. Ich kann mir auch gut vorstellen, dass sich viele nicht vorstellen könnten, ein Dirigent zu sein, denn es hat seine Vor- und Nachteile, das erfahre ich jedes mal.

BR-KLASSIK: Was planen Sie in den nächsten 20 Jahren? Werden Sie mehr singen oder dirigieren?

Barbara Hannigan: In 20 Jahren werde ich sicherlich nicht mehr so gut singen können. Die Stimme wird irgendwann ihre Elastizität verlieren. Mein Plan ist es also, mein Dirigieren langsam so zu optimieren, dass es an erster Stelle steht, und ich dann irgendwann mein eigener Wegweiser in der Musik werde.

BR-KLASSIK: In Ihrem jetzigen Programm gibt es ein Stück, in dem Sie singen und gleichzeitig dirigieren. Das ist eine Seltenheit. Besonders bei Alban Bergs "Lulu"-Suite ist das sicherlich nicht leicht, da es eine besondere Atemkontrolle verlangt, man die Stimme einstellen und die Noten treffen muss. Wie gehen Sie mit dieser Doppelbelastung um?

Barbara Hannigan: Ja, heute war es sehr schwierig, weil es die erste Probe war, in der ich ein Stück singe und dirigiere. Besonders am ersten Tag rede ich viel mit dem Orchester. Und wenn wir, wie beispielweise heute, von 10 bis 16 Uhr proben, dann ist meine Stimme danach immer ein wenig angeschlagen. Ich muss dann bewusst versuchen, auf meine Stimme zu achten. Wenn ich heute abend auftreten müsste, dann würde ich vermutlich gar nicht sprechen. Auch bin ich physisch viel aktiver, wenn ich außerdem dirigiere, so dass es auch wirklich anstrengend sein kann. Die Zuschauer werden beim Auftritt aber sehen, dass ich mich auf der Bühne gar nicht so verausgaben muss, weil ich während des Konzerts viel Verantwortung an meine Kollegen abgebe, besonders an den Konzertmeister.

Das Interview führte Bernhard Neuhoff für BR-KLASSIK.

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