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Beethovens "Pathétique" Die besten Aufnahmen der berühmten Klaviersonate

Bräuchte Beethovens Musik eine Visitenkarte, wäre seine Klaviersonate c-Moll, op.13 mit Sicherheit eine exzellente Wahl. In der "Pathétique" erlebt man Beethoven in Reinkultur: hart und zart, explosiv und intim, pathetisch und berührend. Die BR-KLASSIK-Redaktion hat die besten Interpretationen des Meisterwerks für Sie zusammengestellt.

Bildquelle: picture-alliance / akg-images

Daniel Barenboim

Im Prolog, den Barenboim spätromantisch im "Moderato" intoniert, kann der Pianist den hochexplosiven Spannungsbogen kaum aufbauen. Im "Allegro di molto e con brio" dominiert die lyrische Note, manchmal großzügig pedalisiert. Das "Adagio" erhebt Barenboim innig zu einer sakralen Andacht. Das Feuer im Finalrondo hält der Pianist auf kleiner Flamme. Die "Pathétique" als gezähmtes Kulturgut.

Vladimir Ashkenazy

Auch der russische Pianist Vladimir Ashkenzy kommt am Anfang wie ein Trotzkopf nicht von der Stelle, viel Bewegung mischt sich später ins Spiel. Einen sehr noblen "Cantabile"-Ton findet er für den zweiten Satz, im intimen Dialog mit dem Komponisten sympathisch unpathetisch. Erfrischend nervös und glühend begegnen sich im Finale fiebrige und entspannte Gedanken. Doch Ashkenazy kann die hitzige Spannung bis zum Schlussakkord nicht hundertprozentig durchhalten.

Krystian Zimerman

Sehr schön – fast zu schön – geleitet uns der polnische Pianist wie ein Reiseführer durch die felsigen Akkordlandschaften am Anfang, überrascht im "Allegro"-Teil dann mit mitreißender Vehemenz und dramatischer Spielfreude an Gegensätzen. Im polyphonen Muster entfaltet Zimerman ein melancholisches "Adagio", wechselt klug vom nüchternen zum innigen Tonfall. Weniger Leidenschaft versprüht das Rondo, sehr ordentlich sortiert Zimerman Beethovens irrlichtartige Einfälle. Statt revolutionärem Wildwuchs findet im Finale Struktur und Kontur statt.

Swjatoslaw Richter

Ungebändigter äußert sich Swjatoslaw Richter in der "Pathétique". Im eher flotten "Grave" brechen die Akkorde teilweise wüst aufeinander, der unerbittliche Drive im folgenden "Allegro" ist phänomenal, selten hört man einen so gelungenen Schwung im Seitenthema wie bei Richter. Mit großem Ernst durchmisst der Pianist die Höhen und Weiten des zweiten Satzes, nachdenklich blickt er zurück. Im Rondo setzt Richter wiederum auf Dramatik, bis auf wenige Momente, die merkwürdig aus der Zeit zu fallen scheinen. Virtuos-individuell, doch nicht ganz aus einem Guss ist seine Interpretation.

Maurizio Pollini

Klangintensiv entdeckt Pollini eine seltene Brutalität im düsteren "Grave", kann aber die heraufbeschworenen Kräfte im Brio-"Allegro" nicht freisetzen. Sein markiges Fortissimo steht dem Pianisten seltsam im Weg. Ebenso erstaunlich forsch geklopft das "Adagio cantabile", rau, zu sportlich und zu ungenau geht es durch das Rondo, bis es lärmt. Weder Pollini noch Beethoven kann man so recht wiedererkennen.  

Annie Fischer

Vom ersten Ton an erschütternd, berührend, persönlich. Annie Fischer erzählt – vom Leben, vom Menschsein, von Katastrophen und Hoffnungen. Egal, ob im gewaltigen "Grave" oder im vibrierenden "Allegro di molto e con brio": Fischers einzigartiger und gänzlich uneitler Erzählmagie entkommt man nicht. Im "Adagio" lässt sie so etwas Unmögliches wie Glück aufleuchten – eine Sehnsucht, die im Rondo zerrieben wird. Lediglich im Finale kann sich Annie Fischer nicht so zwingend äußern.

Friedrich Gulda

Ähnlich unmissverständlich meißelt Friedrich Gulda Wut und Verzweiflung aus dem provokanten "Grave" des ersten Satzes. Peitschend- zerstörerisch entfahren ihm die "Allegro"-Ausbrüche. Nach all dem Rasend-Kaputten fügt Gulda ein erstaunlich introvertiertes, farbloses "Adagio" an, emotional weniger brisant und ausdrucksvoll. Unerschrocken kantig arbeitet sich dann der österreichische Pianist durch das Rondo: Es beißt und zischt und das Thema flackert immer wieder scarlattiartig auf – bis zur wegfegenden Schlussgeste.

Sendung "Interpretationen im Vergleich" mit Beethovens "Pathétique"

In der Radio-Sendung "Interpretationen im Vergleich" sucht Julia Schölzel nach Zwischentönen – in weiteren Aufnahmen unter anderem von Ronald Brautigam, Glenn Gould, Maria João Pires, Angela Hewitt und Wilhelm Backhaus.

"Interpretationen im Vergleich" am 19. Mai 2020 ab 20:05 Uhr auf BR-KLASSIK