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Neu-Komposition für Stummfilmklassiker DOK.fest startet mit "Sinfonie der Grossstadt"

1927 drehte Walter Ruttmann den Stummfilm "Berlin. Die Sinfonie der Großstadt". Ein experimentelles und das erste dokumentarische Porträt der Millionen-Metropole: Paläste, Häuserschluchten, Eisenbahnen, Maschinen – unzählige Gesichter. Der Verleih warb seinerzeit mit den Worten: "Der mächtige Rhythmus der Arbeit, der rauschende Hymnus des Vergnügens, der Verzweiflungsschrei des Elends und das Donnern der steinernen Straßen - alles wurde vereinigt zur Sinfonie der Großstadt."

Stummfilm: "Berlin. Die Sinfonie der Grossstadt" (1927) | Bildquelle: Stiftung Deutsche Kinemathek

Bildquelle: Stiftung Deutsche Kinemathek

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"Berlin - Die Sinfonie der Großstadt"

Um das rasante Lebensgefühl, das der Film transportieren will, abzurunden, konzipierte der Komponist Edmund Meisel zusammen mit Regisseur Ruttmann eine Partitur, die viel Zeitgenössisches aufgriff: von der damaligen Unterhaltungsmusik und vom Jazz. Bei der Premiere des Films kam die fünfaktige Großstadt-Sinfonie mit einem 75-köpfigen Orchester zur Uraufführung. Diese Orchesterpartitur gilt heute als verschollen. Es existiert nur eine Klavierfassung.

Nun kam das Münchner Kammerorchester in Zusammenarbeit mit dem Münchner DOK.fest auf die Idee, den Komponisten Tobias PM Schneid zu einer neuen Musik für den alten Stummfilm zu beauftragen.

Das Münchner Kammerorchester probt

Der 47-jährige kalifornische Dirigent Jonathan Stockhammer ist mit dem Münchner Kammerorchester weit gekommen an diesem ersten Probentag. Im großen Saal der Bayerischen Versicherungskammer flimmern hinter den Musikern die Schwarz-Weiß-Bilder von 1927 über die Leinwand. Am unteren Rand des Films ist groß ein Timecode eingeblendet. Er gibt das Tempo vor. 90 Prozent der Musik, die der Komponist Tobias PM Schneid neu geschrieben hat, liefern die Musiker ad hoc beim ersten Blattspielen ab.

Walter Ruttmann auf Bayern 2

Drei Jahre nach seiner Arbeit zu "Berlin - Die Symphonie der Großstadt" hat Walter Ruttmann einen elfminütigen Hörfilm als Radiobeitrag produziert. Auf der Webseite von Bayern 2 können Sie sich diese Collage neben weiteren Remixen anhören.

Nur manchmal muss Malaika Eschbaumer, die an der Seite des Orchesters den Film über einen Laptop zuspielt, auf Anweisung des Dirigenten stoppen und zurückspulen - damit die Musiker noch einmal neu ansetzen können. Stockhammers Partitur wimmelt von Notizen neben den Noten.

Das Münchner Kammerorchester | Bildquelle: DOK.fest Das Münchner Kammerorchester | Bildquelle: DOK.fest "Mein Ziel ist, musikalisch zum Film zu agieren und nicht genau jeden Moment wie ein Kontrolleur zu prüfen. Es gibt natürlich sehr viel Anhaltspunkte, an denen ich einen Timecode notiert habe. Aber viel öfter habe ich einfach das, was man visuell sieht, in Bildersprache notiert." Jonathan Stockhammer, Dirigent      

Der 68-minütige Streifen des 1941 verstorbenen Stummfilm-Pioniers Walther Ruttmann ist ein faszinierendes Zeitdokument für das Berlin der 1920er Jahre. In Straßenszenen wimmeln Pferdefuhrwerke, erste Autos und Busse durcheinander. Großbaustellen zeigen emsige arbeitende Lohnabhängige, feine Herren promenieren in Gamaschen und feine Damen mit ausladenden Hüten. Ein romantisch überhöhtes Bild, das von der pompösen Originalmusik des Komponisten Edmund Meisel noch verstärkt wurde. Die musikalische Neufassung von Tobias PM Schneid geht einen anderen Weg. Mit seiner schlanken Kammerorchesterfassung orientiert er sich eng an der Dramaturgie der Bilder.

Das Spannende an dem Film war, dass die Bilder den dramaturgischen und zeitlichen Ablauf gestalten.
Tobias PM Schneid, Komponist

"Berlin. Sinfonie der Grossstadt" beim DOK.fest 2016

Premiere zur Eröffnung des 31. DOK.fest München am 5. Mai im Deutschen Theater (ausverkauft). Eine weitere Aufführung gibt es am 6. Mai.

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