BR-KLASSIK

Inhalt

Ennio Morricone im Porträt Der pedantische Klangpoet

Cinema-Redakteur Matthias Keller kennt Ennio Morricone schon lange persönlich. Hier stellt er ihn als akribisches Genie der Avanatgardemusik, intellektuellen Klangpoeten und liebenswerten Pedanten vor, der schon rein rechnerisch weit mehr als nur der Westernkomponist ist, für den er oft gehalten wird.

Morricone | Bildquelle: Multimedia GmbH Presse

Bildquelle: Multimedia GmbH Presse

Anders als die Anderen

Seine beiden Oscars hat er erst spät gewonnen. Lange Zeit interpretierte Morricone es selbst als besonderes Qualitätsmerkmal, ihn nicht erhalten zu haben und wusste sich damit in bester Gesellschaft von Persönlichkeiten wie Stanley Kubrick, Orson Welles oder Alfred Hitchcock.

bei der Oskarverleihung 2007 | Bildquelle: picture-alliance/dpa Der Oscar für "The Hateful Eight" 2016 | Bildquelle: picture-alliance/dpa Ennio Morricone ist eben anders als alle anderen - eine Erkenntnis, der wohl in Anbetracht seiner Filmmusik kaum jemand ernsthaft widersprechen würde. Der große internationale Durchbruch fand für ihn Mitte der 1960er Jahre statt mit einem Genre, auf das er heute gar nicht mehr gerne angesprochen wird, vor allem nicht unter dem wenig schmeichelhaften Etikett Spaghetti-Western. Sprechen wir also besser von Italo-Western.

Ich habe einmal nachgerechnet und herausgefunden, dass diese Sparte innerhalb meines gesamten Filmschaffens gerade einmal achteinhalb Prozent ausmacht.
Ennio Morricone

Viel mehr als Western

Achteinhalb Prozent von insgesamt über 400 Filmmusiken. "Dennoch", erklärt Morricone, "sind es offenbar gerade in Deutschland diese Titel, mit denen man mich assoziiert." Eine Feststellung, in der zugleich Unsicherheit mitschwingt, nämlich womöglich verkannt zu werden oder zumindest nicht wirklich anerkannt für das, was er darstellt in der Komplexität seiner Person.

Bilder von Ennio Morricone | Bildquelle: picture-alliance/dpa Suchte immer auch Anerkennung im Konzertsaal: Ennio Morricone. | Bildquelle: picture-alliance/dpa "Jemand", sagt er über sich selbst, "der so vollständige Studien der Komposition in all ihren Verästelungen betrieben hat, muss einfach über eine umfassende Technik verfügen. Außerdem habe ich praktische Erfahrung sammeln können in der Arbeit fürs Theater, für die Schallplatte, für Fernsehen und Radio, bevor ich Filmmusik gemacht habe. Ich habe zeitgenössische, auch experimentelle Musik geschrieben, und dieses Erfahrungsspektrum kommt auch meiner Filmmusik zugute. Womöglich ist es das, was mich von denen in Hollywood unterscheidet: sie haben vielleicht nicht diese reiche Erfahrung, diese komplette Panoramasicht zu 360 Grad: Folk, Rock und all das."

Im übrigen finde ich, dass Filmmusik weder rein klassische Musik, noch Kammermusik, noch Rock, Pop, Folk allein ist: sie muß alles das sein.
Ennio Morricone

"Spiel mir das Lied vom Tod" - Filmmusik als Hauptdarstellerin

Genau hier beginnt das Phänomen Morricone: bei einem Vokabular, in dem alles erlaubt zu sein scheint, was der akustischen Dramaturgie des Films dient.
Morricone hat die Lesarten der Filmmusik neu definiert, hat, was angesichts typisch amerkanischen underscorings oftmals zur Hintergrundtapete geriet zur Hauptdarstellerin gemacht. Paradefall Spiel mir das Lied vom Tod, Sergio Leones Westernepos aus dem Jahr 1968. Seine Musik dient dem Gesamtkunstwerk Film auf faszinierende Weise, aber sie ordnet sich selten unter. Vor allem straft sie den alten Spruch Lügen, die beste Filmmusik sei stets diejenige, die man nicht höre.

"Wenn ein Regisseur will, dass die Musik funktioniert, muss er ihr Raum geben. Sonst macht die Musik keinen Sinn. Wodurch funktioniert Filmmusik? - weil hier zwei Künste aufeinandertreffen, die eine wichtige Gemeinsamkeit haben: das Element Zeit. Der Film, die Bilder haben ihr Tempo, die Musik hat ihr Tempo", erklärt Morricone. "Im Zusammenspiel korrespondiert die eine Zeit mit der anderen, was im Grunde wie in der Ehe ist: auch dort bedarf es entsprechender Freiräume, damit es funktionieren kann."

Film und Musik, das ist wie in der Ehe: es braucht Freiräume.
Ennio Morricone

Ennio Morricone | Bildquelle: Matthias Keller Wie Filmmusik: Ennio Morricone und Ehefrau Maria Travia | Bildquelle: Matthias Keller "Darum ist es auch wichtig, dass sich Regisseur und Komponist so früh wie möglich verständigen und der Regisseur spätestens beim Schneiden die Musik hört, die für seinen Film geschrieben wurde."
Genau diesen Anspruch hat Sergio Leone, der mit Morricone vorübergehend die Schulbank teilte, mustergültig erfüllt. Zunächst noch hinter Pseudonymen versteckt, Leone als "Bob Robertson" und Morricone als "Dan Savio", entwickelte man bald ein Zusammenspiel, bei dem der Regisseur zunehmend Wert darauf legte, wichtige Musikteile schon vor Drehbeginn hören zu können, gewissermaßen als Stimulans, während sich Morricone seinerseits auf die Entwicklung einprägsamer, auch ohne die Bilder funktionierender Musikbeiträge kaprizierte. Ganz so, wie er es als Arrangeur von zahllosen Schlager- und Poptiteln gewohnt war.

Heimlicher Vorahner der Postmoderne

Dieser traumwandlerische Instinkt für kommerziell wirksame "Ohrwurm"-Konzepte einerseits, und die trotzig-provokante Grundhaltung des Avantgarde-Komponisten andererseits führten zu jener unverkennbaren Handschrift, die selbst auf heutige Jugendliche noch immer starken Reiz ausübt - wie Remix-Alben und ein ungebrochener Morricone-Kult belegen. Morricone ist hip, trotz seines realen Alters, weil er womöglich schon immer "zeitlos" war, auch vor fünf Jahrzehnten schon, als er sich erstmals anschickte, sinfonisches Instrumentarium zu kombinieren mit Mitteln der Popmusik oder denen der "musique concrete", die Geräusche in ihre Klangsprache integriert.

"Wer hat gesagt, dass man das nicht darf?", fragt er provokant, "wir leben heute die Musik. Wir wissen alles, was in der Vergangenheit passiert ist. Wir verwenden den Dudelsack, die Barockflöte, die Blockflöte, das Cembalo und stellen das dann neben den elektrischen Baß und das Schlagzeug - warum nicht? Die Tatsache, dass ich Instrumente verwende, die im Barock gespielt wurden, heißt ja nicht, dass ich Barockmusik mache. Es heißt, dass ich einen Klang, eine Klangfarbe verwende, die eine andere Epoche betrifft und die ich ins Heute integriere."

Avantgardistische Kammermusik

Ennio Morricone und Matthias Keller 2015 | Bildquelle: Matthias Keller Der Maestro mit dem Autor, 2015 | Bildquelle: Matthias Keller Seine Filmmusikfans, insbesondere die vielen Devotionalien-Sammler und Anhänger des Mundharmonika-Morricone irritiert er durch Kammermusiken, die seinem nicht-filmischen Repertoire angehören und die auf den ersten Blick so gar nichts gemein haben mit der cineastischen Kultfigur. Doch dieser Eindruck täuscht. Und womöglich ist Morricone selbst das prominenteste Opfer solcher Täuschung. Denn einerseits hat er sich zwar längst an den Kult um seine Filmmusik-Person gewöhnt; doch je größer die Anerkennung von dieser Seite, desto größer auch Morricones Misstrauen gegenüber dem eigenen Erfolg, den er liebend gern auch als Komponist "autonomer" Konzertmusik gehabt hätte: "Ich habe nie gesagt, dass ich unzufrieden damit bin, als Filmmusiker bekannt zu sein. Es tut mit nur leid, dass man mich nicht auch als Komponisten anderer Musik kennt - von Konzertmusik. Das bedaure ich."

Bilder von Ennio Morricone | Bildquelle: picture-alliance/dpa Uraufführung der Komposition 'Sicilo e altri framenti' 2008 im Herodus Atticus Odeon in Athen | Bildquelle: picture-alliance/dpa Umso mehr muss es ihn mit Stolz erfüllt haben, als vor ein paar Jahren daheim in der römischen Accademia di Santa Cecilia, dort wo Morricone einst selbst studierte, sein "Voci dal Silenzio" zur Aufführung kam: ein gut halbstündiges Werk für Rezitator, Chor, großes Orchester und Tonbandzuspielungen, komponiert zum Andenken an die Opfer des Terroranschlags vom 11. September 2001. Und so avantgardistisch dieses imposante Werk auch anhebt: spätestens im zweiten Teil scheint auch hier der Filmmusik-Morricone mit einem seiner markantesten Motive auf, entnommen aus The Mission, jener Filmpartitur aus dem Jahr 1986, die der Maestro selbst bis heute für seine gelungenste hält und die ihm eine seiner Oscar-Nominierungen einbrachte.

Kritischer Pedant und stolzer Vater

Mag sein, dass Morricone kein begnadeter Dirigent ist. Eher gleicht er einem Kapellmeister, der den Kopf meist tief in die Partitur versenkt hält - kritisch lauernd auf jede noch so kleine Abweichung vom Notentext. Aber er weiß genau, was er hören will - und das ist eine Menge. Vor allem ist es bisweilen kaum live zu realisieren, da es für eine Produktion unter Studiobedingungen erdacht wurde; etwa die ausgefeilten stereophonen Effekte oder die Kombination elektrifizierter Instrumente mit solchen des klassisch-sinfonischen Orchesters. Hinzu kommt, dass Morricone ein ausgesprochener Pedant ist, mit sich selbst wie auch mit allen, die Hand an seine Musik legen. Misstrauen also auf der ganzen Linie.

Ennio Morricone | Bildquelle: Matthias Keller Bildquelle: Matthias Keller Sein Sohn Andrea, Co-Komponist des Soundtracks zu Cinema Paradiso, dürfte so ziemlich der einzige sein, der eine Kopie der väterlichen Filmpartituren besitzt. Denn er assistiert dem Vater gelegentlich oder springt stellvertretend für ihn ein, so wie in Los Angeles, wo er gemeinsam mit dem Cellisten Yo-Yo Ma die CD "Yo-Yo Ma plays Morricone" live vorstellte. Überhaupt: auf den Sohn Andrea hält der Maestro große Stücke, sieht ihn gar vielleicht als Erben seiner Meisterschaft - wie seine geradezu schwärmerische Schilderung in Sachen Cinema Paradiso nahelegt: "Als ich damals gerade damit beschäftigt war, die Musik zu Cinema Paradiso zu schreiben, kam Andrea plötzlich mit einem eigenen Stück zu mir - einer wunderschönen Melodie. Es gefiel mir so gut, dass ich es unter die eigenen Themen mischte, um sie Regisseur Giuseppe Tornatore vorzustellen. Nachdem der alles angehört hatte, wählte er aus: einige Themen von mir und eben auch dasjenige von Andrea - wohlgemerkt, ohne dies zu wissen. Also fragte ich ihn, ob es ihm auch wirklich gefalle - was er wiederholt bejahte. "Erst danach habe ich ihm gesagt, dass dieses Liebesthema in Wahrheit von Andrea stammt."

Unnahbar, publikumsscheu, intellektuell, mythisch

Seiner eigenen Meriten ist sich Morricone bewusst, wie der selbstgeschaffene Kult um seine Partituren belegt: am Ende jedes Konzertes nimmt er sie eigenhändig wieder mit von der Bühne, was seine durchaus mythisch-mysteriöse Aura beträchtlich steigert. Er ist und bleibt der Unnahbare, Publikumsscheue und zugleich intellektuelle Klangpoet. Einer, der auf der einen Seite um Anerkennung ringt, seine Mitmenschen aber gleichzeitig daran hindert, ihn und seine Musik in ihrer ganzen Komplexität zu ergründen.

Bilder von Ennio Morricone | Bildquelle: picture-alliance/dpa Der große Auftritt ist seine Sache nicht - Morricone bei einem Medientermin 2014 in Berlin | Bildquelle: picture-alliance/dpa So existiert nur ein einziges profundes Buch über seine Musik (Sergio Miceli: "Ennio Morricone - die Musik, der Film"), und selbst dessen Verfasser musste sich für seine Noten-Recherche behelfsmäßiger Quellen bedienen, etwa indem er Morricones Themen per Gehör transkribierte. Das mag in vielen Fällen funktionieren, wo es sich um die typischen Motivkürzel handelt: Mundharmonikatöne, Kojotenrufe, griffige Panflötenthemen. Die raffinierte Rezeptur der Orchestrierung indes enthüllt es nicht - und schon gar nicht die Geheimnisse seiner Inspiration.      

Mehr zum Thema

    AV-Player