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Konzert in München Der "Hans-Zimmer-Effekt" - Klassik für Popfans

Am 26. April 2016 präsentierte Hans Zimmer seine große Filmmusikshow in der Münchner Olympiahalle - mit Orchester, Band und Chor. Unser Filmmusik-Redakteur Matthias Keller war mit dabei - und beeindruckt von diesem akustischen Spektakel.

Bühnenshow | Bildquelle: Steve Gillet

Bildquelle: Steve Gillet

Er kam, wurde gesehen - und siegte mit seiner sehr persönlichen Ausstrahlung und seinem charmant-polyglotten Akzent. Sympathisch auch, dass Hans Zimmer  dieses "home coming" fast durchgängig auf Deutsch moderierte. Diese Moderationen, teils über Musik, waren keineswegs kurz. Vielmehr hatte man den Eindruck, dass sich da einer was von der Seele redet. Hans Zimmer - das war auch an diesem Abend in der praktisch ausverkauften Olympiahalle zu spüren, ist durch und durch harmoniebedürftig - nicht nur in seiner Musik. Und genau hier gibt es auch diesen seltsamen Bruch: da gibt einer ganz bewusst den "bad boy", wo es um klassische Attitüde und gute Manieren im Umgang mit sinfonischen Instrumenten geht. Die Olympiahalle taucht er in Phon-Kaskaden, die mitunter grenzwertig sind. Andererseits outet sich derselbe Hans Zimmer immer wieder als Fan von Komponisten wie Mozart oder Morricone oder Fauré und schreibt kantable Linien und süffig-heroische Hornthemen mit Gänsehaut-Effekt.

Orchester, Chor und Band mit drei Drumsets

Impressionen vom Konzert in München in der Olympiahalle | Bildquelle: © BR / Matthias Keller Bildquelle: © BR / Matthias Keller Aber er ist eben auch ein Rocker. Einer, der im Londoner Ambiente von Rock,  Pop  und Punk groß wurde und sich früh für den superrealistischen Sound aus Synthesizern und Samplern interessierte. Während sich andere Filmmusik-Kollegen noch am klassisch besetzten Orchester abarbeiten, lebt Zimmer seine Visionen radikal aus. Klar stehen da ein Chor und ein Orchester auf der Bühne. Aber bei genauerem Hinsehen, und vor allem Hinhören, stellt man fest, dass diese Mannschaft allenfalls ein Rumpforchester nebst Kammerchor ist, dem eine zahlenmäßig fast ebenbürtige Band gegenübersteht - mit allein drei Drumsets! Und hier liegt die besondere Herausforderung: was auf dem Filmsoundtrack dank Mischtechnik und schier unerschöpflichen Nachbearbeitungsmöglichkeiten realisierbar ist, das wird als Live-Act auf der Bühne zur Herkulesaufgabe, nämlich die Bändigung der Klangmassen und die Harmonisierung des Elektro-Zimmer mit dem durchaus sensiblen Klassik-Verehrer. Gerade diese Mixtur macht ja Zimmers Markenzeichen aus: seine ebenso naive wie technologisch äußerst raffinierte Verbindung zweier so ungleicher Welten. Er hat es geschafft, Klassik zu übersetzen für Popmusik-geschulte Generationen, die normalerweise mit Abo-Konzerten wenig am Hut haben. Eher mit den Stones, Michael Jackson oder Bryan Adams - oder Rammstein? Phänomenaler Weise war das Publikum dieses Hans Zimmer-Konzerts aus all diesen Hörertypen zusammen gewürfelt, quer durch alle Altersklassen.

Ein Guru in der Mitte

Aber nur laut geht eben auf Dauer auch an die Substanz. Stücke wie "Thin Red Line" waren da eine wohltuende Ausnahme. Oder die Sequenz im ersten Teil des Konzerts, als Originalsänger Lebo M. für "König der Löwen" auf die Bühne kam und einen Moment lang Zimmers afrikanisch groovende Rhythmik aufblitzte. Doch nicht umsonst steht Zimmers Name für die Gattung "Blockbuster" mit entsprechend phongewaltigen Soundtracks.

Bühnenshow | Bildquelle: Steve Gillet Bildquelle: Steve Gillet Deshalb war der Abend vor allem eine - technisch durchaus beachtliche - Demonstration dessen, was man mit einem Rumpforchester, einem Kammerchor und einer Band alles bewirken kann: ein akustisches Spektakel, bei dem jedes einzelne Instrument, jeder einzelne Sänger mikrofoniert und verkabelt sein müssen, um dann doch bisweilen im Schlagzeuggewitter oder abgrundtiefen Basswellen ("Batman: Dark Knight") kläglich unterzugehen. Und dennoch war diese Hans-Zimmer-Show eine in sich gelungene - nicht zuletzt dank der teils aufwändigen Licht- und Projektionseffekte. Vor allem die Magie des musikalischen Miteinander auf der Bühne teilte sich dem Publikum unmittelbar mit - mit einem Guru in der Mitte, der eigentlich keiner sein will, sondern der Kumpel von nebenan. Und für diesen Kumpel hat sich mit diesem Abend in München ein Kreis geschlossen: Als Kind besuchte er mit seiner Mutter ein Konzert in der Olympiahalle. Jetzt ist er, auch wenn seine Mutter diesen Abend nicht mehr erleben konnte, wieder dorthin zurückgekehrt.

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