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Neue Komposition für Wagners "Gralsglocken" Tiefer die Glocken nie klingen

Es ist die Wiederbelebung eines ungewöhnlichen Instruments: Erstmals seit Richard Wagners Zeiten erklingen am Freitag in Bayreuth die Gralsglocken in einer neuen Komposition.

Gralsglocke in Bayreuth | Bildquelle: BR-Studio Franken/Kristina Kreutzer

Bildquelle: BR-Studio Franken/Kristina Kreutzer

Komponieren mit vier Tönen

Sie sind eine Spezialität der "Parsifal"-Partitur, und Wagnerianer kennen ihren düsteren Klang, der heute allerdings meistens vom Band kommt: Seit Wagners Zeiten wurde nichts mehr mehr für die Gralsglocke komponiert. Jetzt gibt es im Rahmen des Bayreuther Festivals „Zeit für Neue Musik“ die erste Neukomposition für dieses außergewöhnliche Instrument. Komponist Wolfram Graf hat sich im vergangenen Jahr in die Gralsglocke verliebt - und wollte unbedingt etwas für das Instrument schreiben. Eine wahre Herausforderung, bei nur vier möglichen Tönen. "Ich hab mir lange Gedanken gemacht", sagt Graf. "Wie kann ich diese Töne gestalten, dass sie neu klingen?" Die Lösung: Einfach weitere Instrumente mit dazu nehmen.

Gralsglocke in Fürth | Bildquelle: BR-Studio Franken/Kristina Kreutzer Komponist Wolfram Graf. | Bildquelle: BR-Studio Franken/Kristina Kreutzer Graf hat gleich fünf Stücke für das Bayreuther Musikfestival geschrieben, das er selbst gemeinsam mit Helmut Bieler leitet. Saxophon und auch Klavier wird es neben der Gralsglocke zu hören geben im Haus Wahnfried - dem Erfindungsort der Gralsglocken, die auch Glockenklavier genannt werden. Eine musikalische Verneigung vor Richard Wagner versteht sich da von selbst. „Das lag natürlich nahe, dass ich ihn auch ein bisschen zitiere", erzählt Graf. Versteckt zwar, aber die "Verbeugung vor dem Genie Wagner ist natürlich auch in den Zitaten gegeben.“

Die Geschichte eines Instruments

Der Name "Gralsglocke" verwirrt im ersten Moment: Denn mit einer Glocke hat sie äußerlich nichts gemeinsam. Vielmehr sieht sie wie ein Hackbrett aus. Aber die Klänge, die die Gralsglocke erzeugt - die sind fast überirdisch und sehr fremdartig. Denn Richard Wagner wollte ein Instrument haben, das tiefer klingt als die tiefste Glocke im Wiener Stephansdom. Von der Bayreuther Klaviermanufaktur Steingraeber & Soehne ließ sich Wagner das außergewöhnliche Instrument anfertigen - eigens für sein Bühnenweihspiel Parsifal.

Alternative für die Riesen-Glocke

Gralsglocke in Bayreuth | Bildquelle: BR-Studio Franken/Kristina Kreutzer Die Gralsglocke. | Bildquelle: BR-Studio Franken/Kristina Kreutzer Doch die Fertigung des Instruments war schwer, wie Udo Schmidt-Steingraeber erklärt, der Inhaber der Bayreuther Klaviermanufaktur. Die tiefste Glocke im Wiener Stephansdom sei ein tiefes C. "Wenn man jetzt zweieinhalb Oktaven tiefer geht, also bis zum Kontra-E, dann würde man eine Glocke erreichen, die dicker und größer wäre als die Zarenglocke im Kreml." Diese Glocke aber sei bekanntermaßen zerbrochen - und niemals erklungen. "Für das tiefe E bräuchte man 280.000 Kilo Eisen und einen Durchmesser von über acht Metern“, sagt Schmidt-Streingreaber. Nicht nur finanziell wäre das schwer realisierbar gewesen. So musste also eine neue Idee her. Und die hatte 1882 der Klavierbauer Eduard Steingraeber: Er baut ein Instrument, dessen dicke Saiten von einer klavierartigen Mechanik angeschlagen werden, und das den von Wagner gewünschten düsteren Glockenklang möglich macht.

Christian Thielemann ist begeistert

In einer neuen Version aus dem Jahr 1914 verzichtet man auf die Tasten und die Mechanik - stattdessen wird das Instrument nun wie ein Hackbrett bedient. Diese zweite Generation ist noch noch heute im Nationaltheater in Weimar zu hören. 1926 entwickelte Burkhard Steingraeber die Gralsglocke weiter und baute für Siegfried Wagner und Karl Muck ein aufrecht stehendes Instrument. Und erst 2013 wurde in Bayreuth die Gralsglocke nach dem Vorbild von 1914 nachgebaut. Das neueste Instrument ist gute zwei Meter hoch und mit vier Choren, also Besaitungen, versehen. Dieses Instrument hat auch der Musikdirektor der Bayreuther Festspiele, Christian Thielemann schon gehört - und nach Auskunft von Schmidt-Steingräber ist er begeistert vom Klang. Vielleicht sind nun auch im Festspielhaus bald wieder original Gralsglocken aus dem Hause Steingraeber & Soehne zu hören.

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