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Interview mit Frank Günther "Zu Shakespeares Zeit konnten die Leute noch zuhören"

Frank Günther übersetzt seit fast 50 Jahren das Gesamtwerk William Shakespeares ins Deutsche - und hat dabei bemerkt: Musik ist in Shakespeares Dramen allgegenwärtig. BR-KLASSIK hat den Germanisten und Theaterwissenschaftler zum Gespräch getroffen.

Eine Buchseite aus einemWerk von Shakespeare | Bildquelle: dpa picture alliance

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BR-KLASSIK: Herr Günther, es heißt, das Theater zur Shakespeare-Zeit war vor allem ein akustisches Ereignis. Stimmt das?

Frank Günther: Ja, absolut. Im Gegensatz zu unserer optisch orientierten Kultur hatten sie damals eine rein auditive Kultur. Es war durchaus üblich, an Sonntagen vier, fünf Stunden einer Predigt zu lauschen. Der Effekt beruhte darauf, dass die Leute zu 70 bis 80 Prozent Analphabeten waren. Sie hatten kein anderes Medium zur Aneignung als das, was sie hörten. Deswegen war zu Shakespeares Zeit eine Kultur des Zuhören-Könnens sehr ausgeprägt. Heute geht sie ja allmählich verloren, weil wir spätestens alle drei Minuten den nächsten optischen Kick brauchen.

Heute brauchen wir alle drei Minuten den nächsten optischen Kick.
Frank Günther, Shakespeare-Übersetzer

BR-KLASSIK: Wieviel Musik steckt denn in den Dramen Shakespeares?

Frank Günther: Die Musik aus der Shakespeare-Zeit ist in den Stücken schwer zu finden. Man findet Lieder, von denen es bekannte Melodien gibt aus der Zeit. Es gibt aber viel mehr Lieder, die erst nach Shakespeare komponiert wurden. Man ist darauf angewiesen, sich mit anderen Kulturbereichen zu beschäftigen, wenn man die Musik in Shakespeares Stücken nachvollziehen will. Durch Beschreibungen weiß man, dass es eine Art Orchester auf der Oberbühne gab. Bühnenmusik war also vorhanden, aber was die Musiker genau gespielt haben, ist unbekannt.

BR-KLASSIK: Welche Rolle spielt der Klang der Sprache bei Shakespeare?

Frank Günther: Man könnte sagen, dass Shakespeare die Orchestermusik durch die Sprachmusik ersetzt hat. Wenn bei einer Aufführung die Ohren der Zuschauer auf die Sprache gerichtet waren, dann hat Shakespeare damit auch gespielt. Es war nicht unbedingt notwendig, jedes Wort zu verstehen. Ich glaube auch nicht, dass die Leute damals alles verstanden haben, denn es wird ja auch mit einer gewissen Geschwindigkeit vorgetragen. Es war aber auch die Sprach-Musik, die seinerzeit auf die Leute gewirkt hat und mit der Shakespeare umgegangen ist.

Das Interview führte Falk Häfner für BR-KLASSIK.

Frank Günther

Frank Günther (geb. 1947 in Freiburg) studierte Anglistik, Germanistik und Theatergeschichte in Mainz und Bochum und war bis 1974 als Regieassistent und Regisseur an mehreren Theatern tätig. Seit den 1970er Jahren übersetzt er das Gesamtwerk William Shakespeares ins Deutsche. Sein Buch Unser Shakespeare. Einblicke in Shakespeares fremd-verwandte Zeiten schaffte es 2014 auf die SPIEGEL-Bestsellerliste "Paperback Sachbuch". 2001 wurde Günther mit dem Christoph-Martin-Wieland-Preis für Übersetzer ausgezeichnet, 2011 erhielt er den Johann-Heinrich-Voß-Preis für Übersetzung der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung. Mittlerweile hat Frank Günther 37 Bände seiner Shakespeare-Neuübersetzung fertiggestellt, die letzten beiden Bände sollen noch in diesem Jahr erscheinen.

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