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Die digitale Welt der Klassik Wenn Lulu den Algorithmus stört

Was weiß das Netz über klassische Musik? Dieser Frage gehen derzeit 25 Informatikstudenten der TU-München nach. Angeleitet werden sie dabei von Vladimir Viro. Der Informatiker arbeitet schon seit über einem Jahrzehnt an der Schnittstelle zwischen Musik und Informatik. Mit den Studenten der TU stößt er jetzt im Rahmen des Seminars Javascript Technology ein großes Projekt an: The Music Connection Machine. Unerwartete Probleme ergeben sich dabei zum Beispiel bei Namen, die nicht nur in der Welt der Klassik beliebt sind.

Mann hält digitale Weltkugel in Notenwolke | Bildquelle: colourbox.com / Montage BR

Bildquelle: colourbox.com / Montage BR

"Ich glaube, dass es schon sehr viele Webseiten gibt, die sehr genaue Informationen zu einem Künstler oder Werk bereitstellen. Aber das Big Picture, den Gesamtüberblick, den gibt’s glaub ich noch nicht." Nikita Basargin

Nikita Basargin ist Informatikstudent und er besucht ein Seminar an der TU München, das es sich zur Aufgabe gemacht hat, herauszufinden, was das Internet über klassische Musik weiß. Kein ganz gewöhnlicher Kurs. Nicht nur wegen des Themas. Denn die Studenten schreiben keine Seminararbeit, die am Ende in irgendeiner Schublade verschwindet. Sie leisten Pionierarbeit – und sie programmieren.

Ich glaube, man könnte es 'Google meets Facebook of Classical Music' nennen.
Lucas Navickas, Student

Für einen übersichtlichen Zugang zu sämtlichen Informationen, die im Netz über klassische Musiker, Komponisten und deren Werke verstreut sind, wollen die Studenten zwei Werkzeuge miteinander verbinden: eine Suchmaschine wie Google – allerdings mit dem Unterschied, dass man damit nicht das ganze Netz durchsucht, sondern eben gezielt Webseiten über klassische Musik – und ein Netzwerk von Profilseiten: so ähnlich wie Facebook, allerdings exklusiv für die Klassikszene.

"Jeder Komponist bekommt sein Profil. Und jeder Musiker hat auch seine eigene Seite. Und von dieser Seite aus sieht man, mit welchen Menschen und welchen Werken dieser Musiker verbunden ist." Vladimir Viro, Projektinitiator

Ein Algorithmus hilft beim Suchen

Der Facebook-Vergleich hält natürlich nur bedingt stand. Denn auf den Profilseiten kann kaum angezeigt werden, was etwa Beethoven geliked hat. Dafür wird angegeben, wer ihn oder wen er beeinflusst hat. Wer seine Lehrer waren oder wen er unterrichtet hat. Über wen er geschimpft und wer über ihn gelästert hat. Soweit die Theorie.

Die Praxis gestaltet sich schwieriger. Denn zunächst einmal müssen die Studenten die Studenten um Vladimir Viro und den Seminarleiter Guy Yachdav mit Hilfe mit Hilfe eines Algorithmus aus einem Meer von Milliarden Webseiten diejenigen herausfischen, die Informationen über klassische Musik enthalten. Das dauert nicht nur lange. Es führt auch nicht immer zum gewünschten Ergebnis.

Viralität kontra Qualität?

Gisela Stille in der Titelrolle und Nils Harald Sødal (Der Maler) in einer Szene der Oper "Lulu" von Alban Berg bei einer Probe am 31.01.2012 auf der Bühne der Semperoper Dresden | Bildquelle: picture alliance / ZB Wo geht's um Pornografie, wo um Klassik? Suchbegriffe wie "Lulu" (Szene aus Alban Bergs Oper, Semperoper Dresden) machen die Zuordnung schwer. | Bildquelle: picture alliance / ZB Denn wie stellt man fest, ob eine Website relevant ist oder nicht? Untersucht wird, wie oft eine Webseite von wie vielen musikalischen Begriffen spricht: Werktitel, Komponistennamen und Musikernamen. Zu kämpfen beim Sortieren haben die Studenten nicht selten auch mit pornografischen Seiten. Das komme wohl daher, sagt Viro, dass Namen wie Lulu oder Giselle eben nicht nur im klassischen Repertoire verwendet werden, sondern gerne auch im Rahmen von Erotikangeboten. Der Algorithmus kann so etwas natürlich nicht wissen.

Noch wichtiger ist die Frage: Wie unterscheidet der Algorithmus verlässliche von Fehlinformationen? Je häufiger eine Information etwa über Schubert im Netz auftaucht, desto wahrscheinlicher schafft sie es potentiell auf seine Profilseite. Nach dem Motto: Viel gilt viel. Keine wirklich verlässliche Methode, berücksichtigt man, dass sich auch Fake-News viral im Netz verbreiten.

Wir geben den Nutzern die Möglichkeit, nachzuforschen, woher eigentlich diese Aussage stammt. Und dann kann der Nutzer sich das anschauen.
Vladimir Viro, Projektinitiator

Das Feedback der Nutzer soll die Qualität der angebotenen Informationen erhöhen. Wie gut das funktioniert, wird sich zeigen: Ein Experiment mit ungewissem Ausgang. Bis es soweit ist, programmieren die Studenten fleißig weiter. Obwohl das Seminar offiziell schon vorbei ist. Aber die "Music Connection Machine" soll ja demnächst starten.

Music Connection Machine

Weitere Informationen zum Projekt gibt es im Internet unter musicconnectionmachine.org. Die Website soll Anfang Juni online gehen. Erreichbar ist die Seite dann über die Petrucci Music Library (imslp.org) – die größte digitale Notenbibliothek im Netz.

Sendung: "Allegro" am 16. Mai 2017 um 06.05 Uhr

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