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Das Klassikexperiment Mein erstes Mal

Wie elitär ist die Klassik? Klar, theoretisch kann jeder ins Konzert. Aber warum kommen viele nicht? Liegt es nur an der Musikrichtung? BR-KLASSIK-Reporterin Katharina Roeb hat für BR-KLASSIK fünf Menschen in die Welt der klassischen Musik "eingeführt". Hier berichtet sie von ihren Erlebnissen.

BR-KLASSIK-Moderatorin Kathi Roeb mit Student Fabian Schill beim Klassikexperiment: zum ersten Mal im klassischen Konzert.
(Yussof Ahmad Al Saied, Sascha Scharpfff, Edvin Kapucovi, Amelie Tshilamba) | Bildquelle: Katharina Roeb

Bildquelle: Katharina Roeb

Wie kriegt man Freiwillige fürs Klassikexperiment?

Ich habe zuhause auf der Kommode eine alte Zigarrenkiste. Da kommen Tickets von besonderen Musikabenden hinein. Die fünf Karten für mein Klassikexperiment haben es auch reingeschafft, denn es waren Abende, die auf ganz unterschiedliche Art aus dem Rahmen fielen. Für meine Begleitungen waren es die ersten Erfahrungen mit klassischer Musik im Konzert oder in der Oper. Ich wollte wissen: Wie ist das für sie?

Das ist nichts für mich.
Standardantwort vieler potenzieller Kandidaten

Der erste Schritt bei meinem Klassikexperiment war, "Konzert-Neulinge" zu finden. Menschen gibt es ja genug auf Münchens Straßen, dachte ich mir – und zog einfach los: durch Geschäfte, in Bars oder einfach auf große Plätze. Der Tätowierer muss auf eine Prüfung lernen, die Barfrau ist entweder bei der Arbeit oder mit ihren Kindern beschäftigt, und die Dame im Sonnenstudio antwortet wie die meisten Leute: "Ach, das klingt ja spannend! Aber ich glaube, das ist nichts für mich." Warum das so sei, konnten mir viele nicht genau erklären. Sie haben so das Gefühl, dass das einfach nicht "ihre Welt" sei.

Es fängt mit der Kleidung an

Edvin Kapucovi | Bildquelle: Katharina Roeb/BR Edvin Kapucovi, 21 Jahre, in Ausbildung zum Fachverkäufer in einer Metzgerei | Bildquelle: Katharina Roeb/BR Ein Grund für die etwa fünfzig Absagen könnte auch die für manche zu spontane Anfrage auf der Straße sein. Oder es liegt daran, dass sie mit mir, einer Musikjournalistin, ins Konzert gehen sollen und damit automatisch die Rolle des unerfahrenen Anfängers einnehmen müssten. Gerade bei älteren Menschen war das der Fall, sodass ich mit mal mehr und mal weniger Überzeugungsarbeit vor allem fünf jüngere Menschen gefunden habe, die mit mir ins Konzert oder in die Oper gehen wollten.

Sie haben sich auf diese "andere Welt" eingelassen - angefangen bei der Kleidung. "Was soll ich da denn anziehen?" - schreibt mir der Metzger-Azubi Edvin Kapucovi noch vor dem Konzert via Handy. "So wie du dich wohlfühlst!", schreibe ich zurück und treffe ihn in weißem, gebügeltem Hemd, grauem Sakko und Jeans vor dem Gärtnerplatztheater.

Das ist halt Oper - ziemlich eingefahren und pompös.
Fabian Schill, Student

Fabian Schill in der Bayerischen Staatsoper | Bildquelle: Katharina Roeb/BR Fabian Schill, 27 Jahre, Student der Luft- und Raumfahrttechnik | Bildquelle: Katharina Roeb/BR Auch Fabian Schill, Student der Luft - und Raumfahrttechnik, hat extra Zeit eingeplant, um das richtige Outfit zusammenzustellen. Als ich ihn vor der Bayerischen Staatsoper treffe, muss er ein bisschen grinsen. Denn es ist am Ende doch der schwarze Kapuzenpulli geworden. Er wolle sich nicht verstellen, und einen Anzug habe er sowieso nicht. Er war positiv überrascht, dass sich nicht jeder im Publikum an den stereotypen Dresscode hält.

Die Blicke mancher Operngänger auf Fabian und mich, schlicht in schwarz gekleidet, empfand ich als ein bisschen abschätzig - nicht nur was die Kleidung angeht: Wir warten in der Schlange auf unseren Pausensekt, lachen viel und reden laut; um uns herum eher irritierte Blicke und Zurückhaltung. Das mag Einbildung sein, aber an diesem Abend fühle ich mich mehr als Zaungast und nicht dazugehörig. "Das ist halt Oper", sagt Fabian. "Daran muss sich nichts ändern, aber es ist eben ziemlich eingefahren und pompös."

Konzert-Rituale wirken befremdlich

Amelie Tshilamba | Bildquelle: Katharina Roeb/BR Amelie Tshilamba, 36 Jahre, Friseurin | Bildquelle: Katharina Roeb/BR Weg von den anderen Besuchern gibt es aber auch in der Musik bestimmte Rituale, die ich inzwischen nur noch unbewusst wahrnehme. Für den Vermessungsingenieur Sascha Scharpff sind diese aber sehr befremdlich. Zum Beispiel der obligatorische Blumenstrauß am Ende und der nicht endende Applaus, bei dem die Sängerin vier Mal auf die Bühne kommt. "Das ist ein Regelwerk, das ich nicht lesen kann" - sagt der Konzertneuling.

Auch Amelie Tshilamba, 36 Jahre alt und Friseurin, muss lachen als der Pianist Lucas Debargue immer wieder zurück auf die Bühne kommt und sich verneigt. "Das ist nichts für mich. Vielleicht komme ich mal wieder, wenn ich älter bin. Mit der Zeit wurde es ein bisschen eintönig. Ich bin kurz eingeschlafen", sagt sie nach dem Konzert und lacht. Auf die anderen Konzertneulinge hat die Musik einen positiveren Eindruck hinterlassen. Student Fabian hatte "voll vergessen, dass da ja Orchester dabei ist".

Live-Orchester ist immer stark.
Sascha Scharpff, Vermessungsingenieur

Sascha Scharpff | Bildquelle: Katharina Roeb/BR Sascha Scharpff, 31 Jahre, Vermessungsingenieur | Bildquelle: Katharina Roeb/BR Am Ende seines Konzertbesuchs beim Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks mit der "Épisode de la vie d'un artiste" von Hector Berlioz meint Vermessungsingenieur Sascha: "Live-Orchester ist immer stark! Wenn Becken aufeinanderschlagen, kann ich nicht nein sagen." Der Metzger-Azubi Edvin Kapucovi hat hohen Respekt vor der sängerischen Leistung in Donizettis "Maria Stuarda" am Gärtnerplatztheater und war beeindruckt davon, dass die Musik direkt aus dem Orchestergraben kommt und nicht zugespielt wird. Und Yussof Ahmad Al Saied, der erst vor drei Jahren nach Deutschland gekommen ist, hat nach dem Konzert nur noch in Superlativen über die Pracht der Staatsoper und die Schönheit der Musik gesprochen.

Für mich waren das natürlich die schönsten Momente: zu sehen, wie sehr sich meine Konzertbesucher ganz der Musik hingeben, sich für die Aufführung begeistern lassen. Und dieser offene, emotionale und befreite Zugang ist vielleicht sogar eine Sache, die sie mir voraushaben. Denn gerade bei Konzertbesuchen mit Kollegen geht es danach gleich um Meinungen, um das Analysieren der Interpretation – und eventueller Fehler. Wie schön also, einfach nur hören zu können.

Fazit: Es fehlt an Lockerheit und Offenheit im Publikum

Yussof Ahmad Al Saied | Bildquelle: Katharina Roeb/BR Yussof Ahmad Al Saied, 22 Jahre, 2015 von Dubai nach Deutschland gekommen | Bildquelle: Katharina Roeb/BR Nach meinen fünf Konzertabenden aus der Anfängerperspektive kann ich gut nachvollziehen, warum es für viele so unvorstellbar scheint, dass ein Konzert- oder Opernbesuch auch einmal etwas für sie wäre. Sicher liegt es nicht an der Musik! Es fehlt an einer Lockerheit und Offenheit im Publikum, das an einem solchen Abend vor allem Seinesgleichen um sich herum erwartet. Schade eigentlich, denn ritualgemäß klatschen kann jeder. Warum denn nicht so fest wie Edvin Kapucovi, dem danach die Arme wehtun? Oder sich offen freuen wie Fabian Schill, der in "Rigoletto" die Melodie einer Pizzawerbung erkennt? Diese euphorischen Konzertbesuche wünsche ich mir auch ohne Konzertneulinge an meiner Seite.

Außer der Friseurin Amelie Tshilamba sind alle Teilnehmer meines Experiments sicher, dass es wohl nicht bei einem ersten Mal bleiben wird. Vielleicht nicht jede Woche, aber wenn sich die Gelegenheit ergibt, dann gerne. Nicht gerade eine Liebeserklärung, aber auch keine völlige Absage an die klassische Musik. Und vielleicht liegt die Konzertkarte von ihrem ersten Mal jetzt auch an einem besonderen Ort – zum Beispiel in einer alten Zigarrenkiste.

Klassikexperiment - Steckbriefe unserer Protagonisten

Fabian Schill, 27 Jahre, Student der Luft- und Raumfahrttechnik
Konzerterlebnis: Giuseppe Verdis Oper "Rigoletto" an der Bayerischen Staatsoper 

Yussof Ahmad Al Saied, 22 Jahre, 2015 von Dubai nach Deutschland gekommen
Konzerterlebnis: Peter Tschaikowskys "Eugen Onegin" an der Bayerischen Staatsoper

Sascha Scharpff, 31 Jahre, Vermessungsingenieur
Konzerterlebnis: Olivier Messiaen und Hector Berlioz mit dem Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks unter Kent Nagano

Edvin Kapucovi, 21 Jahre, in Ausbildung zum Fachverkäufer in einer Metzgerei
Konzerterlebnis: Gaetano Donizettis Oper "Maria Stuarda" am Gärtnerplatztheater

Amelie Tshilamba, 36 Jahre, Friseurin
Konzerterlebnis: Lucas Debargue mit Kammerorchester des Symphonieorchesters des Bayerischen Rundfunks

Sendungen:
Allegro, 18. Februar 2019 ab 6:05 Uhr
Allegro, 19. Februar 2019 ab 6:05 Uhr
Leporello, 19. Februar 2019 ab 16:05 Uhr
Allegro, 20. Februar 2019 ab 6:05 Uhr
Allegro, 21. Februar 2019 ab 6:05 Uhr
Allegro, 22. Februar 2019 ab 6:05 Uhr

Kommentare (3)

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Freitag, 22.Februar, 11:03 Uhr

Krauter, Kordula

Meinung zu Ihrem Bericht

Die allgemeine Meinung " Klassik ist nichts fuer mich" höre ich oft. Unter Anderem liegt das bei den jungen Leuten an der Tatsache, dass sie in der Schule oder im Eltenhaus nie mit Klassik in Berührung gekommen sind. Die Schulen haben da einiges nachzuholen.
Des Weiteren sind die Eintrittspreise fuer Klassik ziemlich hoch, die ist allerdings nur ein Vorwand denn Jazz oder Rockkonzerte sind meist auch ziemlich teuer. Also, liebe Eltern und Lehrer, es liegt an Euch das Erlebnis der Symbiose eines guten Orchesters zu vermitteln, dem dann ein musikbeschwingter Abend zu hause folgen wird.

Mittwoch, 20.Februar, 22:15 Uhr

Andreas Deml

Was ist denn eigentlich Klassik?

Ich selbst konnte früher auch gar nichts mit klassischer Musik anfangen. Ein Umzug nach München und Verwandte dort haben mir dann dieses umfangreiche Musikfeld näher gebracht und heute bin ich seit sehr vielen Jahren ein regelmäßiger Konzertbesucher.
Was vielen Menschn nicht bewusst ist: Das was landläufig als klassische Musik bezeichnet wird, hat unendlich viele völlig unterschiedliche Stile. Und eigentlich ist da wohl für fast jeden etwas dabei. Zu sagen, klassishe Musik sei nichts für einen, ist so als würde man sagen, populäre Musik sei nichts für einen. Jazz, Pop, Rock, Rap, Techno, Crossover, Hiphop, etc. Irgendwas gefällt doch jedem. Und so ist das auch bei der "Klassik". Barock, Romantik, Klassik, Moderne, Atonal, 12 Ton, etc. Auch da findet jeder Topf seinen Deckel. Man muss es nur wissen und sich darauf einlassen. Meinen Weg habe ich übrigens schlussendlich über das Münchner Kammerorchsester gemacht mit seiner frischen Spielart, den wechselnden Solisten und den teilweise rech

Mittwoch, 20.Februar, 21:57 Uhr

Pic Dame

Klassik

Vielen Dank an Katharina Roeb für diesen netten Bericht. Das waren sicher ganz außergewöhnliche Erlebnisse für die "Neulinge". Gründe für diese Hemmschwelle zur Klassik gibt es viele, u.a. soll sich der BR auch selbst kritisch beleuchten. Wenn eine Sendung wie "KlickKlack" im Nachtprogramm versteckt wird, wie soll ein Azubi darauf stoßen? Leider ist Musik in der Rundschau, Abendschau usw. total unter- und der Sport überrepräsentiert. Schade, da ist noch viel Luft nach oben. Schaut mal nach Östereich....

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