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Dirigent Michael Gielen - 90. Geburtstag Der Unbeugsame

Nicht nur als Vorkämpfer der zeitgenössischen Musik, auch als Interpret der Klassisch-Romantischen Musik gilt er als einer der großen Dirigenten der Gegenwart. Michael Gielen ist ein Charakterkopf - einer, der es hasst, die Dinge glattzubügeln, der gern diskutiert und auch zum Widerspruch herausfordert. Am Donnerstag wird er 90.

Dirigent Michael Gielen | Bildquelle: © Ernst von Siemens Musikstiftung/Manu Theobald

Bildquelle: © Ernst von Siemens Musikstiftung/Manu Theobald

Michael Gielen wird geliebt - nicht von allen, das war nie sein Ziel. Aber wenn er irgendwo Chefdirigent war, in Stockholm und Cincinnati, an der Frankfurter Oper oder beim SWR-Symphonieorchester in Baden Baden und Freiburg, dann hatte er früher oder später die große Mehrheit des Publikums eben doch auf seiner Seite. Den Kampf für seine Überzeugungen hat Gielen nie gescheut.

Es war ein sehr langer Weg, ein harter Kampf.
Michael Gielen

Michael Gielen, Dirigent | Bildquelle: picture-alliance/dpa Michael Gielen dirigiert am 2. März 1999 bei der Verleihung des Frankfurter Musikpreises in der Alten Oper in Frankfurt. | Bildquelle: picture-alliance/dpa 1927 wurde er in Dresden geboren. Sein Vater war Theaterregisseur, später Direktor des Wiener Burgtheaters. Seine Mutter, eine Pianistin, war jüdischer Herkunft. 1939 muss die Familie nach Buenos Aires emigrieren. Hier korrepetiert der junge Gielen am Teatro Colón, wo er sich von dem großen Dirigenten Erich Kleiber faszinieren läßt. Bei einer Demonstration gegen die argentinische Militärdiktatur wird er 1946 von Polizisten am Kopf verletzt - Gielen, der Kämpfer. Zeitlebens bleibt er ein politischer Mensch. Doch zunächst ist sein Berufswunsch: Komponist. Im Rückblick gibt Gielen zu, dass er sehr früh eingesehen habe, dass er als Komponist nicht originell genug gewesen wäre - wenn das sein Hauptberuf gewesen wäre. Das Komponieren hat er trotz seiner Erfolge als Dirigent aber nie ganz aufgegeben.

Erfolg als intellektueller Dirigent

In Wien wird er in den 50er Jahren Kapellmeister an der Staatsoper. Deren Direktor Herbert von Karajan schätzt den jungen Intellektuellen, meint aber spitz: Dem Gielen, dem spritzt nicht das Blut aus dem Dirigentenstock.

Mein ganzes Leben hat man behauptet, ich sei zu intellektuell. Ich weiß nicht, wie man zu intellektuell sein kann.
Michael Gielen

Der Komponist der Oper "Die Soldaten", Bernd Alois Zimmermann (l.), unterhält sich mit dem Dirigenten und musikalischen Leiter Michael Gielen während einer Probe im Kölner Opernhaus am 12. Februar 1965. Die Oper nach dem gleichnamigen Schauspiel von Jakob Michael Reinhold Lanz wird am 15.2.1965 im Kölner Opernhaus uraufgeführt. | Bildquelle: picture-alliance/dpa Bernd Alois Zimmermann (l.) und Michael Gielen während einer "Soldaten"-Probe im Kölner Opernhaus am 12. Februar 1965. | Bildquelle: picture-alliance/dpa Im Gegensatz zu den Leuten, die aus dem Bauch musizierten, so Gielen, dürfe man bei der Musik auch den Kopf bemühen. Und das tat er mit großem Erfolg - vor allem an der Oper. 1965 dirigiert er die Uraufführung von "Die Soldaten" von Bernd Alois Zimmermann - eine Großtat. Legendär ist die Ära Gielen an der Frankfurter Oper, wo er ab 1977 für zehn Jahre Maßstäbe setzt. Gielen holt Regisseure wie Hans Neuenfels und Ruth Berghaus - und gewinnt ein neues Publikum für die Oper: Kritisch, wach, diskussionsfreudig. Aber auch begeisterungsfähig.

Gielen hat dem sogenannten Regietheater den Weg in die Oper geebnet und steht doch vielen heutigen Regisseuren sehr kritisch gegenüber. Ihm ging es nie um den Effekt, weder auf der Bühne noch am Dirigentenpult. Denn wenn der Interpret sich selber wichtiger nehme als die Komponisten, dann höre man das sofort. Andererseits sei ein Ego-Faktor auf jeden Fall dabei. Aber je weniger man ihn merke, desto eher werde er etwas von der Sache erhaschen.

Wenn man gar nicht eitel ist, kann man auch nicht Dirigent werden.
Michael Gielen

Gielens Interpretationen haben den glatten Schönklang gemieden. Er interessiert sich für die Ecken und Kanten der Werke, für ihre zeitlos aktuellen Botschaften - egal, ob Mozart bei den Salzburger Festspielen oder zeitgenössische Musik bei den Donaueschinger Musiktagen. Seit 2014 tritt Michael Gielen nicht mehr auf. Dass da einer stand, der für die Sache brannte, der seinen Kopf benutzte, aber auch sein Herz sprechen ließ, wurde in jedem Takt spürbar.

Sendung: Allegro am 20. Juli 2017, ab 06.05 Uhr auf BR-KLASSIK.

Weitere Programmtipps

Zum 90. Geburtstag ehrt BR-KLASSIK Michael Gielen am 20. Juli 2017 mit zwei Sondersendungen: Panorama um 15.05 Uhr und Horizonte um 22.05 Uhr.

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