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Münchner Rundfunkorchester mit einer unbekannten Oper Gounods "Le tribut de Zamora"

Im Jahr des 200. Geburtstags von Charles Gounod setzt das Münchner Rundfunkorchester im Sonntagskonzert am 28. Januar 2018 einen ersten Akzent: Die selbst unter Kennern der französischen Romantik so gut wie unbekannte, 1881 komponierte Oper "Le tribut de Zamora" ist die Vertonung eines spanischen Sujets aus dem zehnten Jahrhundert.

Der Komponist Charles Gounod; Gemälde von Carolus Duran | Bildquelle: picture-alliance/dpa

Bildquelle: picture-alliance/dpa

Gounods letzte Oper

Das vieraktige Stück "Le Tribut de Zamora“ machte das Dutzend an Opern voll, das Gounod in seiner Komponistenlaufbahn geschrieben hatte. Nach dem Misserfolg der "Polyeucte" von 1878 ließ er sich etwas Zeit und brachte erst wieder 1881 eine neue Oper heraus, "Le Tribut de Zamora". Sie kam bei der Uraufführung am 1. April 1881 sowohl beim Publikum als auch bei der Kritik sehr gut an. Die Zuschauer spendeten Szenenapplaus, den Kritikern gefiel die Musik und sie bejubelten die üppige szenische Ausstattung. Aber lange währte das Glück nicht. Nach nur zwei Saisons mit 47 Aufführungen war "Le Tribut" weg vom Spielplan. Bestimmt hätte keiner Gounod daran gehindert, es aufs Neue zu versuchen. Aber er hatte genug von der Oper. Gounod, der bis dahin schon etliche Messen und Motetten komponiert hatte, wandte sich ganz der geistlichen Musik zu.

Die Handlung soll Spannung erzeugen

Dass das Publikum von damals ganz andere Erwartungen an die Oper hatte, das können wir heute schon der Handlung des "Tribut" entnehmen. Die aus heutiger Sicht abstrusen Vorgänge, die ihrerzeit eher positiv kommentiert wurden, sind in der Tat so angelegt, dass sie Spannung erzeugen - wie im Film heute. Die Oper spielt in Spanien zur Zeit der Besetzung durch die Mauren (711-1492) und bezieht sich auf die Schlacht bei der Stadt Zamora im Jahr 939, in der die Spanier geschlagen wurden. Niemand hat es gestört, dass sich die Handlung nach dem Willen der beiden Librettisten trotzdem im Spanien des 9. Jahrhunderts zuträgt. Nach dem Sieg bei Zamora forderten die Mauren als jährlichen Tribut einhundert Jungfrauen, die an den Kalifen nach Córdoba geschickt werden mussten.

"Le tribut de Zamora" - die Handlung

Die Handlung gründet sich auf das Aufeinandertreffen von zwei Kulturen: Die beiden Spanier Manoël und Xaïma sollen heiraten, jedoch auch der arabische Edelmann Ben-Saïd begehrt Xaïma. Sie wird mit anderen Frauen nach Córdoba, seinerzeit das Zentrum des Reiches von Al-Andalus, gebracht und als Sklavin verkauft. Damit soll der jährliche Tribut gezahlt werden, den die Mauren von den Spaniern fordern, nachdem sie zwanzig Jahre zuvor die Stadt Zamora erobert hatten. Ben-Saïd kauft Xaïma und will sie für sich gewinnen, muss jedoch am Ende mit dem Leben für seine Leidenschaften bezahlen. Außerdem stellt sich in dieser Handlung voller Irrungen und Wirrungen des Schicksals heraus, dass der Tenorheld Manoël den Bruder des tyrannischen Mauren einst auf dem Schlachtfeld gerettet hat, worauf sich dieser nun im Kampf um Xaïma auf dessen Seite schlägt. (Quelle: Programmheft, Florian Heurich)

Als besonderen Kunstgriff lassen Gounod und seine Librettisten durch diese Dreiecksgeschichte noch die Wahnsinnige Hermosa irrlichtern, die sich schließlich als Xaïmas Mutter entpuppt und am Ende Ben-Saïd tötet - einerseits, um ihre Tochter zu schützen, andererseits, um Rache zu üben für die Grausamkeit, mit der einst ihre Heimatstadt Zamora niedergemetzelt wurde. Durch den Mord am maurischen Machthaber mischen sich privates Schicksal und das Schicksal eines ganzen Volkes. Hermosa ist die zentrale Figur der Oper. Ihr Wahnsinn entbindet sie nicht nur aller Schuld und lässt sie in ihrem, wie Le Figaro es beschrieb, "golden bestickten Kaftan aus violetter Seide" fast als Heilige erscheinen, sondern bietet dem Komponisten auch dankbare Möglichkeiten für musikdramatisch effektvolle Szenen: etwa ihre als eine Art Wahnsinnsszene gestaltete Auftrittsarie im zweiten Akt mit einem ariosen ersten Teil, in dem sie sich als "pauvre hirondelle", als "arme Schwalbe", wähnt, sowie einer lyrischen rezitativischen Passage und einer abschließenden Stretta. (Quelle: Programmheft, Florian Heurich)

Münchner Rundfunkorchester & Hervé Niquet

Es sei für ihn das beste französische Orchester außerhalb Frankreichs. Das sagte der Dirigent Hervé Niquet über das Münchner Rundfunkorchester. Niquet, 60, leitet das Münchner Rundfunkorchester in der konzertanten Aufführung von Charles Gounods "Le Tribut de Zamora". Das Orchester zeigt sich also bestens gerüstet für die Eigenheiten des französischen Klanges und die Vorstellungen an Klarheit, Präsenz und Lebendigkeit, die ein Dirigent aus der historischen Aufführungspraxis, wie Hervé Niquet, an seine Musiker zu stellen pflegt. Die Gesangspartien sind aus heutiger Sicht besonders anspruchsvoll. Sängerinnen und Sänger müssen zwar "große", zur dramatischen Aussage fähige Stimmen haben. Zugleich müssen die Stimmen sehr beweglich sein, um die geforderte schnelle Deklamation des Französischen liefern zu können.

Palazetto Bru Zane

Palazetto Bru Zane in Venedig | Bildquelle: Palazetto Bru Zane Im Garten des Palazetto Bru Zane in Venedig | Bildquelle: Palazetto Bru Zane Nicht zuletzt bei der Besetzung der Gesangsrollen hat sich die Kooperation des Münchner Rundfunkorchesters mit der in Frankreich gegründeten, in der Schweiz beheimateten und von Venedig aus operierenden Stiftung Palazetto Bru Zane als höchst hilfreich für die Frankreich-Projekte erwiesen. Veronika Weber, die Geschäftsführerin des Orchesters, berichtet, dass die Mitarbeiter des Palazetto Bru Zane genau die Kontakte haben, um die geeigneten Sängerinnen und Sänger aufspüren zu können. Denn: Palazetto Bru Zane ist eine Einrichtung, die sich voll und ganz der Wiederentdeckung, Aufführung und Aufzeichnung der französischen Musik aus der Zeit der Romantik widmet.

Palazetto Bru Zane Stiftung

Die Arbeit der Stiftung umfasst die Aufnahme der Bestände (ca. 3000 nicht mehr bekannte Werke), die musikwissenschaftlich korrekte Aufbereitung, Edition und Veröffentlichung sowie die Unterstützung von Aufführungen, darunter die mit dem Münchner Rundfunkrorchester. Zur Veröffentlichung der Werke hat Palazetto Bru Zane eine eigene CD-Reihe und betreibt von Venedig aus einen Internet-Radio-Kanal.

Charles Gounods "Le tribut de Zamora" - live auf BR-KLASSIK

Oper in vier Akten in französischer Sprache

Xaïma - Judith van Wanroij
Manoël - Edgaras Montvidas
Hermosa - Jennifer Holloway
Ben-Saïd - Tassis Christoyannis

Chor des Bayerischen Rundfunks
Leitung: Hervé Niquet

"Le Tribut de Zamora" gehört zur Serie der konzertanten Aufführungen in der Reihe der "Sonntagskonzerte", in denen das Münchner Rundfunkorchester schon mehrere sehr selten gespielte oder fast vergessene Opern der französischen Romantik vorgestellt hat.

Liveübertragung auf BR-KLASSIK: Sonntag, 28. Januar 2018, 19.00 Uhr

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