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"Wahrhaftigkeit des musikalischen Tonfalls" Friedrich Cerha zum 90. Geburtstag

Er ist international einer der wichtigsten zeitgenössischen Komponisten Friedrich Cerha, geboren 1926 in Wien. 2012 erhielt er den Ernst von Siemens Musikpreis. Mit der Uraufführung seines Bühnenwerks "Onkel Präsident" gelang ihm ein Jahr später in München ein vitales Revival der verblasst geglaubten "komischen Oper". Am 17. Februar feiert Friedrich Cerha seinen 90. Geburtstag.

Friedrich Cerha, 2011 | Bildquelle: Manu Theobald / Ernst von Siemens Musikstiftung

Bildquelle: Manu Theobald / Ernst von Siemens Musikstiftung

Die Wahrhaftigkeit, Glaubwürdigkeit des musikalischen Tonfalls ist etwas, was mir sehr wichtig ist...
Friedrich Cerha

"...und ich ertappe mich dabei, dass ich mir jeweils Sätze vorspreche, um die richtige Geschwindigkeit, den richtigen Tonfall zu finden."

Unangepasster Geist

Friedrich Cerha wollte immer eine sinnlich erfahrbare Musik schreiben. Das ist ihm gelungen. An die 140 Werke hat er bis heute komponiert. Ein vielseitiges Oeuvre. Dabei ist Cerha bescheiden geblieben, aber selbstsicher, vor allem aber: unangepasst. "Ich habe als Jüngling, als Geiger, Wiener Volksmusik gespielt in den Vorstadtetablissements und dann bin ich zur Wehrmacht eingezogen worden. Ich war noch nicht siebzehn, was für mich damals im empfänglichsten Alter eine Zeit großer Erschütterung war, besonders weil ich der damals herrschenden Richtung sehr negativ gegenüber stand", resümiert Cerha. "Später bin ich auch desertiert und habe sehr lange im Untergrund gelebt."

Vom Bergführer zum Komponisten

Gertraud und Friedrich Cerha, 2011  | Bildquelle: Manu Theobald / Ernst von Siemens Musikstiftung Friedrich Cerha und seine Frau Gertraud, 2011 | Bildquelle: Manu Theobald / Ernst von Siemens Musikstiftung Nach dem Zweiten Weltkrieg verdient Friedrich Cerha sein Geld zunächst als Bergführer. Von 1946 an studiert er in Wien Komposition und Geige. 1950 promoviert er als Musikwissenschaftler. Von da an bewegt er sich in Kreisen avantgardistischer Maler und Schriftsteller: Gemeinsam mit seinem Komponistenkollegen Kurt Schwertsik gründet er das Ensemble "die reihe" und bringt Musik aus der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts ebenso zur Aufführung wie Werke der unmittelbaren Gegenwart von Cage, Boulez, Stockhausen sowie eigene Kompositionen. Bereits Anfang der 1960er-Jahre entstand Cerhas Zyklus "Spiegel", ein gewaltiges siebenteiliges Orchesterwerk, schroff, aber voller Emotionalität.

Vollendung der "Lulu"

Bekannt wurde Friedrich Cerha vor allem als der Mann, der Alban Bergs Oper "Lulu" vollendete. Berg selbst konnte das Werk aufgrund seines frühen Todes nicht mehr fertigstellen. 1979 wurde Cerhas dreiaktige Fassung an der Opéra Garnier in Paris aus der Taufe gehoben. Überhaupt nehmen Stücke für die Bühne einen wichtigen Platz in Cerhas Schaffen ein. Kurz nach dem "Spiegel"-Zyklus entstand das Musiktheater "Netzwerk", Ende der 70er-Jahre "Baal" nach Bert Brecht. Zu seinen späteren Opern zählen "Der Rattenfänger" und "Der Riese vom Steinfeld" nach einem Libretto von Peter Turrini. Im Auftrag des Gärtnerplatztheaters hat Friedrich Cerha zuletzt "Onkel Präsident" geschrieben, eine Komische Oper, die auch an der Wiener Volksoper Erfolge gefeiert hat. 

Den Anspruch, den ich beim Komponieren einer Oper stelle, dass wenn man die erste Note niederschreibt wirklich auch die letzte Note der Oper im Kopf hat, dass die Gesamtheit eine organische Einheit bildet.
Friedrich Cerha

Nach wie vor vielseitig und neugierig

Friedrich Cerha ist als Komponist, Dirigent, Professor und Musikschriftsteller eine Institution in Österreich, aber auch weit darüber hinaus. Er leistet bereits über ein gutes halbes Jahrhundert hinweg viel für das Verständnis und die interpretatorische Qualität von Musik, neuer wie älterer Herkunft. Auch wenn er heute nicht mehr dirigiert, ist er vielseitig und neugierig.

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