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John Adams zum 70. Geburtstag "Ich war nie ein Minimalist"

Mit "A Short Ride in a Fast Machine" schuf John Adams in den 80er-Jahren eine Fanfare, die schnell zum Publikumsliebling avancierte. Vorwärts drängend, mit großer Energie, rhythmisch vertrackt, tonal. So kennen ihn die meisten Hörer. Aber seine Musik kann auch ganz anders klingen: schräg, fast atonal, wie etwa in der "Chamber Symphony", oder beinahe romantisch wie in der Vokalkomposition "The Wound Dresser". Wie kaum ein Zweiter Komponist der Gegenwart entzieht sich John Adams einer genaueren Zuordnung.

John Adams | Bildquelle: Deborah O’Grady

Bildquelle: Deborah O’Grady

Hartnäckig hält sich allerdings das Urteil, er sei auch einer der Vertreter der sogenannten Minimal Music - jener Stilrichtung, die in den USA entstanden ist und sich vor allem auszeichnet durch die ständigen Wiederholungen von kleinsten Motivzellen. Minimalist sei er jedoch nie gewesen, sagt Adams von sich. Natürlich habe der Stil Einfluss auf ihn gehabt, gerade was das Pulsieren, die Wiederholungen und auch die tonalen Harmonien betrifft. Aber seine Musik sei dann doch etwas komplexer.

Auseinandersetzung mit der Tradition

Während seines Studiums in Harvard kann Adams wenig anfangen mit Schönbergs 12-Ton-Lehre und dem in der Nachkriegszeit daraus entwickelten Serialismus. Eine Reise an die West Coast nach San Francisco öffnet ihm Augen und Ohren, in halbstündigen Werken experimentiert er mit der Minimal Music: Bei Adams verschwimmen Konturen, auch auf harmonischer wie rhythmischer Ebene, ohne auf das melodische Moment zu verzichten. Mitte der 80er-Jahre entsteht dann jenes Werk, das im Titel den Zeigefinger klar aufrichtet: "Harmonielehre" - nach der gleichnamigen musiktheoretischen Schrift von Arnold Schönberg. "Schönberg erschien wie ein religiöser Eiferer, der seine Genitalien abschnitt, um zu prüfen, wie absolut rein, wie gottgeweiht er wäre", bringt es Adams drastisch auf den Punkt. "'Harmonielehre' ist eine Art Parodie. Ich ergriff und umfasste alles von jener Harmonie, die anzurühren streng verboten war." Doch nur anzunehmen, Adams würde mit dem Stück ein vermeintliches Trauma seiner Studienzeit in Harvard überwinden und sich grundsätzlich zur tonalen Harmonie bekennen, wäre falsch. "Harmonielehre" ist ein äußerst komplex durchdachtes dreisätziges Orchesterwerk, das sich mit dem symphonischen Erbe des 19. und frühen 20. Jahrhunderts auseinandersetzt, allen voran mit Richard Wagner, Jean Sibelius, Charles Ives und Gustav Mahler.

Shakespeare - Sophokles - Adams

Komponist John Adams | Bildquelle: picture-alliance/dpa John Adams 1999 in Köln | Bildquelle: picture-alliance/dpa Der Theaterregisseur Peter Sellars bringt Adams dann zur Oper und zu vergleichsweise schwierigen, auf jeden Fall ungewohnten Themen. Nixons historischen Besuch bei Mao Zedong 1972 - und dann, mit Skandalwirkung bis in die heutige Zeit, "The Death of Klinghoffer" über die Ermordung eines querschnittsgelähmten Juden durch palästinensische Terroristen. Antisemitismus wird den Machern vorgeworfen, Sympathie für die Terroristen. Dabei bietet die Oper beiden Seiten eine Plattform, Adams schreibt eine Musik von großer lyrischer Intimität und Tragkraft, losgelöst von früheren Mustern. Spätestens seit den beiden Opern gilt Adams als der politische zeitgenössische Komponist schlechthin - ein Urteil, das er nie verstanden hat. Er sei auch nicht politischer als Shakespeare oder Sophokles, meint Adams. Er nehme einfach nur die Themen, die das menschliche Leben mit sich bringt und ausmacht, und bringe sie in eine Kunstform.

Musik als Kommunikation

In San Fransisco ist John Adams geblieben bis heute - nur ein Komponierhäuschen à la Gustav Mahler hat er sich eingerichtet in den Wäldern tief im Hinterland. Dort schreibt er gerade an seiner neuen Oper, wenn er sich nicht gerade in Berlin aufhält, wo er in der aktuellen Saison der Berliner Philharmoniker "Composer in Residence" ist. Auch wenn er sich einer Schublade entzieht, eines lässt er selbst für seine Handschrift gelten: Musik, hat John Adams einmal gesagt, ist in erster Linie eine Kunst, die man fühlen muss - als Komponist kommuniziere man Gefühle und Gefühltes.

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