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Die Macht der Musik in Zeiten von #MeToo Pan - der Vorläufer eines modernen Lüstlings?

Er stellte jeder Göttin und Nymphe nach, die ihm über den Weg lief – ohne Erfolg. Für den schmierigen Pan ein frustrierender Zustand, den er durch das Spielen auf seiner Flöte kompensierte. Pan, ein Frauenunterdrücker, der sein Ventil in der Musik findet? In Zeiten von #MeToo wird das Bild des ewig lüsternen Mannes in ein neues Licht gerückt. Eine kritische Beobachtung der Auswirkungen der #MeToo-Debatte auf die Klassische Musik.

Pan mit Flöte | Bildquelle: picture-alliance/dpa

Bildquelle: picture-alliance/dpa

#MeToo – dieser Hashtag steht für eine Debatte, die seit gut einem Jahr weltweit geführt wird. Dabei hätten schon die Götter in der griechischen Antike reichhaltigen Anlass zur Diskussion über Themen wie Machtmissbrauch und Nötigung gegeben. Die Legenden um den bocksbeinigen Gott Pan etwa sind ein Paradebeispiel. Mit der sensibilisierten Aufmerksamkeit von heute fällt es schwer, den Zauber Pans noch so ungetrübt zu genießen, wie es etwa Claude Debussy im ausklingenden 19. Jahrhundert getan hat.

Pan - ein göttlicher Lüstling

Von Künstlern verehrt, von seinen Mitgöttern verachtet, von den Hirten, deren Schutzpatron er war, gefürchtet: Pan fasziniert die Menschheit seit Jahrtausenden. In der Antike wurde der Gott von allen anderen Mitgliedern des Olymps verachtet, sein Gestank war bestialisch. Er stellte jeder Göttin, Nymphe oder Ziegenhirtin nach, die ihm über den Weg lief. Meist endeten seine Avancen in panischen Fluchtversuchen – oder in Gewalt. Die Nymphe Syrinx verwandelte sich in ein Schilfrohr, um sich vor dem schmierigen Hirtengott zu verstecken. Er band sich daraus eine Panflöte und drückte seine Sehnsucht nach ihr musikalisch aus.

Erst später wurde Pan auf den romantisierenden Sockel des göttlich spielenden Hirten gesetzt. Bach, Orff und besonders die französischen Impressionisten waren von der Idee eines hässlichen Wesens, das durch die Macht der Musik Magie erschaffen konnte, verzaubert. Debussy hat ihm mit seinem "Prélude à l'après-midi d'un faune" ein musikalisches Denkmal gesetzt.

Nach der Flöte des Fauns atmet die europäische Musik anders.
Pierre Boulez über Claude Debussys Prélude à l'après-midi d'un faune

Der Fall Gustav Kuhn, Intendant der Festspiele Erl

Unterdrückung und Missbrauch bis über den Tod hinaus, woraus sich edle Kunst entwickelt hat – Pan als Urzelle der #MeToo- Debatte. Kann man diese Musik noch isoliert von der grausamen Legende um ihre Entstehung genießen? Und kann man heute noch mit einem Dirigenten, der sich wegen Machtmissbrauchs verantworten muss, zusammenarbeiten? Mit diesen Fragen hat sich die österreichische Sängerin Elisabeth Kulman intensiv auseinandergesetzt. Sie hat als eine der ersten europäischen Künstlerinnen öffentlich Stellung zu diesen Themen bezogen. Anlass war der Skandal um den Intendanten, Dirigenten und Impresario der Festspiele in Erl, Gustav Kuhn.

Sängerin Elisabeth Kulman | Bildquelle: © Nancy Horowitz Elisabeth Kulman | Bildquelle: © Nancy Horowitz

Elisabeth Kulman warf Kuhn öffentlich emotionalen Missbrauch, seelische Gewalt, Mobbing, Machtspielchen und Demütigungen in mehreren Fällen vor. "Was dort in Erl passiert, ist ein klassisches Lehrbuchbeispiel von Narzissmus. Dort ist einer der König und Herrscher über alle." Dieser "Herrscher" würde Menschen brauchen, die mitspielen, die sich demütigen lassen, die etwas von ihm wollen. In diesem Fall wären dies unter anderem Sängerinnnen, die um jeden Preis eine Rolle bekommen wollen, erklärt Kulman. "Das ist ein perfektes Spielchen, und deshalb funktioniert das auch jahrelang so gut."

Ja, ich möchte mich auch mit solchen Menschen auseinandersetzen – nur so kann ich etwas verändern.
Elisabeth Kulman

Doch Gustav Kuhn ist sich keiner Schuld bewusst: "Man sollte schon schauen, bevor man vorverurteilt, da gibt's ja auch wirklich widerliche Dinge, die dann später untersucht worden sind, wo nichts vorgefallen ist." Kuhn wird momentan vorgeworfen, fünf Frauen sexuell belästigt zu haben. Der Fall Kuhn wird von der Staatsanwaltschaft sowie vom österreichischen Kanzleramt untersucht.

Selbstmord als Folge eines Shitstorms

In Schweden erreichte die #MeToo-Debatte mit dem Skandal um Benny Fredriksson einen traurigen Höhepunkt. Der Theaterdirektor und Geschäftsführer des Stadttheaters Stockholm galt als einer der mächtigsten und einflussreichsten Persönlichkeiten im schwedischen Kulturleben. Er wies die Vorwürfe, ein Betriebsklima geduldet zu haben, in dem Mitarbeiter sexuell belästigt worden seien, entschieden zurück. Hassartikel in Boulevardblättern und ein Shitstorm im Internet trieben ihn, einen Theatermenschen mit Leib und Seele, zu der Entscheidung, nach 16 Jahren mit sofortiger Wirkung von seiner Stelle zurückzutreten.

Die Vorwürfe erwiesen sich im Nachhinein als vollkommen falsch. Zu spät für Benny Fredriksson, den Ehemann der schwedischen Mezzosopranistin Anne Sofie von Otter. Er fühlte sich dem gesellschaftlichen Druck und der Treibjagd, die gegen ihn aufgenommen worden war, nicht mehr gewachsen. Am 18. März 2018 nahm er sich das Leben.

Ein brutales Aufwachen für die schwedischen Medien, das nachdenklich stimmt. Auch im 21. Jahrhundert sollte niemand öffentlich an den Pranger gestellt oder von einem Shitstorm übergossen werden. Aus dieser Erkenntnis heraus sollte die Diskussion um #MeToo als eine Chance auf einen reflektierten und menschlicheren Umgang miteinander genutzt werden, besonders auch in der Musik und im Kulturleben.

MeToo ist eine Chance, ein Gedankenanstoß, endlich zum Mensch zu werden, richtig menschlich im Sinne der Würde und des Respekts.
Elisabeth Kulman

Sendung: KlassikPlus am Donnerstag, 21. Februar 2019 ab 19:05 Uhr auf BR-KLASSIK

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